Die Türversteher

Türsteher machen derzeit Negativschlagzeilen. Sie selber sehen sich positiv – als Konflikt-Entschärfer. Oft beleidigt, oft bedroht, haben sie fast nur das Wort als Waffe.

Erfüllt hier bloss einen Auftrag: Patrick Baiata vor dem Club Piranha an der Langstrasse. Foto: Reto Oeschger

Erfüllt hier bloss einen Auftrag: Patrick Baiata vor dem Club Piranha an der Langstrasse. Foto: Reto Oeschger

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Vor der Arbeit betet er zu Gott um Schutz. Reza, grauer Spitzbart, kräftig, um die 35, ist seit Jahren Türsteher in Zürich. Momentan ist er krankgeschrieben. Ein betrunkener Franzose habe ihm vor Wochen die Hand gebrochen, erzählt er. Der Mann habe den Club nicht verlassen wollen, worauf er ihn «fixiert» habe, ruhiggestellt. Dann habe jemand anders von hinten angegriffen. Der Franzose kam frei, wurde noch rabiater, so kam es zur Verletzung.

«Wir sehen manchmal im Club nicht, ob ein solcher Herr Kollegen dabei hat. Das ist ein Problem», sagt Reza. Draussen vor der Tür wiederum sei es ungut, wenn eine Konfrontationen sich in die Länge ziehe: Dann würden die anderen Leute in der Schlange hässig.

Messer, abgebrochene Flaschen, Steine, Schlagringe hat Reza schon ge­sehen. Pistolen? Nein, bisher keine.

Reza ist nicht sein richtiger Name; den zu nennen hat ihm sein Chef verboten. Die Branche ist nervös. Die Schlagzeilen, in denen es um Türsteher und Gewalt ging, häuften sich in letzter Zeit – inklusive zweier toter Türsteher. Dass der eine (Fall «Godzilla») von seiner Freundin und der andere (Fall «Affoltern») abseits der Arbeit erschossen wurde, tut wenig zur Sache. Viele Security-Firmen scheuen derzeit die Öffentlichkeit. Türsteher haben nicht das beste Image. Clubbesucher schnöden gern über sie. Vor allem die, die schon abgewiesen wurden vom «Selector» oder «Selecteur», wie der Mann mit der Gästeliste heisst. Aus Sicht der Türsteher freilich, die der TA befragte, klingt alles anders: Sie sehen sich selber als Schlichter, wenn einzelne Gäste aggressiv auftreten. Als Konfliktentschärfer.

Schöne Wörter brauchen

Reza erzählt von dem Typen aus Nahost, den er nicht in den Club liess und der darauf sagte, er habe eine Militärausbildung und kenne sich mit Waffen aus. Reza eskortierte ihn weg vom Club auf die andere Strassenseite. Gleich kamen mehr als ein Dutzend Mann Verstärkung. Alles ungut schweigsame Landsleute des Typen zwischen 30 und 40. Unklar, wer sie gerufen hatte. Das hätte bös enden können. Tat es aber nicht. «Ich war immer höflich geblieben. Irgendwie sah das der Typ doch noch ein und beruhigte die anderen. Am Schluss gaben wir uns alle die Hand.»

Reza, der gebrochen Deutsch spricht, nennt seine Methode «schöne Wörter brauchen». Das sei das Allerwichtigste. Ähnlich sieht es Patrick Baiata, dessen Security-Firma in Uster Personal auch für Zürcher Lokale stellt; ab und zu steht er noch selber an der Tür. «Ich regle Differenzen im Dialog.» Bei Betrunkenen nütze an der Clubtür eine Ausflucht wie: «Heute haben wir leider eine geschlossene Gesellschaft, versuchen Sie es doch morgen wieder.»

Auch gut sei, den Leuten klarzumachen, dass man selber bloss einen Auftrag erfülle. Vier junge Albaner aus Luzern stehen vor einem Zürcher Club, alle sind angetrunken, der eine trägt Turnschuhe, was der Club nicht erlaubt. Er darf nicht eintreten. Er pöbelt gegen Baiata: «Wer bist du? Du hast doch gar nichts zu sagen.» Baiata betont, dass tatsächlich nicht er die Turnschuhregel ­gemacht hat, sondern der Clubbesitzer. Die Albaner ziehen ab.

Baiata, muskulöser Oberkörper, leicht aufgestellte Kurzhaare, schwarze Visitenkarte mit goldenem Logo «P‑Guards», wurde nie verletzt. Fremdes Blut sah er hingegen schon fliessen: Zwei Männer vom Balkan sind im Club, der eine hat die Freundin dabei, der andere belästigt die Freundin, macht sie halb an, zerrt sie aber auch an den Haaren. Der Freund sagt zum anderen: «Wollen wir das unter Landsleuten regeln?» Ein Schlagring reisst ihm die Stirn auf, die Haut hängt in Fetzen über das Auge. «Ich musste Pfeffersprayeinsatz leisten», sagt Baiata.

Brenzlig werde es, wenn Verhandeln und Sich-einfühlsam-Zeigen nicht mehr gehe. Wenn einer ein Messer zücke oder die Pistole, habe man keine Chance. Dann verlasse er, Baiata, auch mal den Posten an der Tür, gehe in den Club, rufe die Polizei.

Decken für knapp bekleidete

Und wie erkennt man Troublemaker? Marcel Hirschi, Geschäftsführer von Security & Safety, sieht es an körperlichen Zeichen: «An der Art, wie sie dastehen, anhand der Körperspannung, aufgrund der Augen. Und daran, wie sie andere Leute anschauen.»

Hirschi, schlank und sportlich, ein begeisterter Bergsportler, ist seit 20 Jahren im Security-Geschäft. Das Club­wesen ist ein kleiner Teil der Firmen­aktivität; man sieht sich als Dienstleister im Bereich Objektschutz, Gastro & Event und gewährleistet auch die Sicherheit an der Street-Parade und am Zürich Openair. Auch von ihm hört man das Credo: «In schwierigen Situationen ist Kommunizieren das Wichtigste. Man muss sich in andere versetzen und zu­hören können.» Das sei sehr anspruchsvoll. «Wenn ein Girl zusammenbricht – wie beruhigt man ihre zwei Kolleginnen, die gerade total hysterisch werden?»

Apropos frauliche Rage: In einem sehr hippen Zürcher Club erlebte Hirschi, wie zwei Hip-Hopperinnen sich anschrien und an den Haaren rissen. Dazwischengehen sei heikel gewesen. «Das Problem ist, dass solche Frauen oft knapp gekleidet sind. Du packst eine, schon ist sie ausgepackt.» Eine Rettungsdecke sei in solchen Fällen hilfreich.

Hirschis Erklärung, was nachts vor und in den Clubs passieren kann: «Wir haben in der Schweiz, insbesondere in Zürich, sehr viele Sozialschichten, Ideologien, Sprachen, Herkunftsländer, Erziehungen und Werte. Diese treffen oft mitten in der Nacht irgendwo auf engem Raum in lauter Umgebung aufeinander. Da gilt es Probleme frühzeitig zu er­kennen und mit dem nötigen Feingefühl zu schlichten.»

Am häufigsten sieht Hirschi Messer. Daneben aber auch abgebrochene Gläser und Flaschen. Wurfsterne. Gegenstände, die eigentlich keine Waffen sind, Gürtel zum Beispiel oder abgebrochene Stuhlbeine. Und einmal sei da eine Pistole gewesen. Drei junge Männer durften nicht in den Club. Sie hätten ausgesehen wie «Jungs, die direkt aus dem Krieg kamen». Der eine zog eine Pistole, hielt sie Hirschi kurz vor den Kopf, einfach so. Dann zogen sie ab.

«Türsteher ist ein Exotenjob. Es wird sehr viel verlangt von dir, und oft wirst du schlecht bezahlt. Ein guter Türsteher muss sich geistig und körperlich fit halten und gerät ab und zu an Situationen, die seine Zukunft bestimmen können», sagt Hirschi.

Den wahren Grund nennen

Ralph Roos ist Inhaber der Sicherheitsfirma Novaprotect, die für etliche Clubs und Bars in Zürich zuständig ist. Zwei seiner Türsteher, Patrick Friedli und Dominik Riekmann, sagen, ihre wichtigste Waffe sei der Mund. Sie sitzen im Büro der Firma und rauchen ununter­brochen. «Man nimmt uns als die Bösen wahr. Ist ja klar, wenn wir jemandem ­sagen, dass er nicht reinkommt, kränkt ihn das», sagt Friedli, er trägt eine Silber­kette um den Hals. Darum sei es wichtig, den wahren Grund für die Abweisung zu nennen. «Wir bringen keine Standardausreden à la ‹Der Club macht bald zu›. Wir sagen der Person, dass sie zu betrunken ist oder vom Outfit her nicht passt», erklärt Riekmann. So fühle sich der Abgewiesene als Gegenüber, dem man ehrlich begegnet.

Die Leute von Novaprotect treten die Arbeit in Zivil an, meist um elf Uhr abends, und haben ausser Funkgerät und Pfefferspray nichts bei sich. Ab und zu vielleicht Handschellen. «Ich lächle die Gäste an, wenn sie zum Club kommen. Ich will nicht den Chef markieren», sagt Friedli.

Kampfgas in Gesicht und Rachen

Probleme macht bisweilen das Rauchverbot. Dass Sicherheitsleute zu zweit einen Gast ins Freie bringen, weil der partout die Zigarette nicht ausmachen will und handgreiflich wird, empfinden die Leute draussen als Machtgehabe. Einmal mussten Friedli und ein Kollege einen Besucher aus einem Club an der Langstrasse werfen, der rauchte und kiffte. Man rief die Polizei, weil er handgreiflich wurde. Diese liess ihn laufen. 45 Minuten später tauchte er mit Kollegen auf. Er sprayte Friedli CS-Gas – ein Kampfgas – ins Gesicht und in den Rachen. Friedli sah nichts mehr, später kriegte er keine Luft mehr.

«Im Unterschied zur Polizei sind Türsteher rechtlich Privatpersonen», so Roos. Seine Leute werden in Rechtskunde unterrichtet, absolvieren einen Sanitätskurs, beherrschen den Selbstverteidigungssport Krav Maga. «Das gibt dem Sicherheitsmann Optionen, wie er sich im Konfliktfall verhalten kann.»

Zurzeit arbeitet man im Kanton Zürich an einem Entwurf für die Ergänzung des Gastgewerbe- und Polizeigesetzes (siehe Artikel vordere Seite). Roos kann mit dem Vorstoss leben, findet aber, dass einige Punkte angepasst werden müssten. Dass Sicherheitsleute keinen Strafregistereintrag haben dürfen, gehe zu weit: «Wenn jemand mal zu schnell gefahren ist, darf das kein Berufsverbot bedeuten.» Ausgeschlossen werden sollte nur, wer ein Gewaltverbrechen begangen haben, findet Roos.

Schwarze Schafe an der Clubtür

Security-Unternehmer Hirschi bringt den Gesamtarbeitsvertrag zwischen dem Branchenverband VSSU und der Gewerkschaft Unia ins Spiel; dieser wurde vom Bundesrat für allgemein verbindlich erklärt. Er gilt aber nur für Betriebe ab zehn Mitarbeitern. Einige Clubs und Bars nutzten diese Lücke und stellten selber Sicherheitsleute an. So kämen «schwarze Schafe» an Clubtüren zu stehen. Auch gebe es zu wenige Kontrollen, welche Betriebe sich wirklich an den Gesamtarbeitsvertrag hielten, kritisiert Hirschi.

Branko (Name geändert) hat eine eigene Sicherheitsfirma; er sieht gut aus, gepflegter Bart, gepflegte Finger, edles Sakko. Zehn Jahre lang war er Selector in Zürich und wurde oft beschimpft: «inkompetenter Komplexhaufen», «ich figg dini Mueter und dini Chind». Wenn einer so gegen seine Kinder rede, sei die Grenze erreicht, sagt er. Er bitte einen Kollegen, ihn abzulösen.

Keiner verstehe den Security-Mann so gut wie der Polizist, sagt Branko. «Wir werden beide in unserer Funktion angegriffen, nicht als Mensch.» Bloss könne der Polizist jemanden «ratzfatz in Handschellen legen».

Auch Branko glaubt an das Gespräch als bestes Beruhigungsmittel. «Du darfst dabei aber keine Angst vor dem Konflikt haben. Du musst standhalten, mental. In die Situation reingehen.» Zwei heisse Phasen gebe es im Zürcher Clubleben. Nachts um zwei wirkten der Alkohol und die anderen Drogen so richtig. Und um vier hätten viele den Frust, weil sie keine Frau abbekämen. Beide Zeiten seien sehr heikel.

Apropos Frauen: Fünf Prozent der Gewalt ginge von ihnen aus, sagt Branko. Meist seien es «durchgedrehte, abgefüllte Teenager-Meitli». Einmal habe er gesehen, wie die eine der anderen den «Stöggelischuh» in die Stirn rammte. Dazu passt, was Sicherheitsunternehmer Roos sagt: «Im Nachtleben treffen Alkohol und Emotionen aufeinander. Das vertragen die wenigsten Menschen.»

Erstellt: 15.03.2015, 23:34 Uhr

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Sicherheitsdienstleister

Zürich will weniger scharfe Regeln

Das Geschäft mit der Sicherheit boomt. Mittlerweile gibt es in der Schweiz über 600 private Unternehmen, die Sicherheitsdienstleistungen anbieten. Sie beschäftigen rund 17'000 Angestellte. Allein im Kanton Zürich sind über 100 Firmen tätig. Diese Zahlen präsentierte kürzlich Daniel Frei (SP, Niederhasli) im Kantonsrat. «Vom selbst ernannten Hilfssheriff bis zum professionellen grossen Dienstleister ist alles vorhanden.»

Deshalb ist die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) aktiv geworden. Sicherheitsleute seien teils mit Schusswaffen oder Schlagstöcken bewaffnet oder würden von Hunden begleitet. Damit sichergestellt ist, das Personen, «die derart sensible Tätigkeiten ausüben, ihren Anforderungen gewachsen sind und sich angemessen verhalten», hat die KKJPD im November 2010 ein «Konkordat über private Sicherheitsdienstleistungen» erlassen. Dieses soll die Zulassung von privaten Sicherheitsunternehmen und Mitarbeitenden gesamtschweizerisch regeln.

Dem Konkordat, das am 1. Januar 2017 in Kraft tritt, sind bis Ende Februar zehn Kantone beigetreten. Während sich die sechs Westschweizer Kantone in einem eigenen Konkordat organisieren, lehnten die Innerschweizer Kantone Luzern, Obwalden, Schwyz und Zug einen Beitritt ab. Auch die Kantone Baselland und Schaffhausen sind nicht dabei. Sie wollen ähnliche Bestimmungen im kantonalen Recht verankern.

Diesen Weg will auch der Kanton Zürich einschlagen. Eine parlamentarische Initiative der kantonsrätlichen Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit sieht eine Ergänzung des Gastgewerbe- und Polizeigesetzes vor. Diese wurde am 23. Februar mit 157:3 Stimmen vorläufig unterstützt. Der Entwurf geht weniger weit als das Konkordat. Als Sicherheitsdienstleister gelten nur Firmen, deren Angestellte «unmittelbar gegenüber der Öffentlichkeit auftreten». Zudem sollen nur die Unternehmen, nicht aber jeder einzelne Angestellte, einer Bewilligungspflicht unterstellt werden. Es liegt also an den Firmen, sicherzustellen, dass sie nur Personal ohne Vorstrafen beschäftigen, dass dieses über die entsprechende Ausbildung verfügt und sich regelmässig weiterbildet. Geregelt wird auch die Zusammenarbeit mit der Polizei und eine Meldepflicht der Gerichts- und Verwaltungsbehörden.

Ausdrücklich verzichtet werden soll auf eine Regelung über den Einsatz von Hunden, das Tragen von Waffen oder die Anwendung von Zwang. Mit den restriktiven Regeln des Zürcher Hunde­gesetzes sowie der bereits bestehenden Waffen- und Polizeigesetze existierten die notwendigen Bestimmungen bereits.

Thomas Hasler

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