Die ungewöhnlichsten Rückspiegel Zürichs

Gross, mitten im Grünen und beheizt: In der Brunau stehen Zürichs aussergewöhnlichste Verkehrsspiegel. Sie sollten die Sicherheit erhöhen – und könnten nun abgebrochen werden.

«Relikt aus früheren Zeiten»: Über den Spiegel können die Lokführer das Perron einsehen.

«Relikt aus früheren Zeiten»: Über den Spiegel können die Lokführer das Perron einsehen. Bild: Dieter Seeger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den ersten Blick wirken sie wie eine Kunstinstallation – die vier Spiegel am Hang neben der SZU-Haltestelle Zürich Brunau. Oder sie erinnern an jene Riesenspiegel, die kürzlich für Schlagzeilen sorgten, weil sie einem schattigen Bergdorf in Norwegen neu auch im Winter zu Sonnenschein verhelfen. Bei der Haltestelle Brunau hängen zwei der rund einen Meter hohen und ebenso breiten Spiegel an Metallpfosten in der Wiese unter dem Restaurant Muggenbühl. Zwei kleinere Exemplare stehen weiter unten am Hügel, neben dem Gleis und auf dem Perron. Was soll das?, wundern sich ortsunkundige Bahnpassagiere.

Ein Unikum

Eine Nachfrage bei der Sihltal-Zürich-Uetlibergbahn (SZU) sorgt für Klärung: Die Spiegel-Ansammlung dient stadtauswärts fahrenden Lokführern als Hilfsmittel, das ihnen einen besseren Überblick über den in einer Kurve liegenden Perron verschafft. Dank der Rückspiegel sehen die Lokführer, ob alle Passagiere eingestiegen sind. Heute ist dies wegen länger gewordener Züge allerdings nur noch bedingt möglich, wie SZU-Direktor Armin Hehli sagt. Installiert wurden die Verkehrsspiegel 1991, im Zuge der Erneuerung der Haltestelle. Den Ausschlag gaben Sicherheitsüberlegungen.

Die Spiegel werden elektrisch beheizt, damit sie bei Kälte und Nässe nicht beschlagen. Unterhalt und Betrieb verursachen «nur marginale Kosten», so Hehli. Hin und wieder müsse man kontrollieren, ob die Heizung noch funktioniere und die Spiegel im richtigen Winkel stünden. Laut dem SZU-Direktor sind die Spiegel in der Brunau ein bahntechnisches Unikum im SZU-Netz. Auch bei den VBZ und SBB sind im Raum Zürich keine vergleichbaren Spiegel an Haltestellen bekannt. Doch jetzt könnten die Tage für das Kuriosum gezählt sein. «Wir überprüfen, ob wir sie demontieren sollen», so Hehli. Sie seien nicht mehr notwendig. Allerdings störe das «Relikt aus früheren Zeiten» auch nicht.

Optische Verzerrungen

Heute sind Lokführer nicht mehr auf das altmodische Hilfsmittel angewiesen. Dank moderner Türschliessungssysteme können sie erst losfahren, wenn alle Trittbretter frei und die Türen geschlossen sind. Zudem finden sich auf den Perrons der Haltestelle Brunau auch Kameras. Solche überwachen auch in anderen Kurven-Bahnhöfen wie Stadelhofen oder Zürich-Flughafen den Bahnsteig.

Die Spiegel bei der SZU-Station Brunau gehören «zu den grössten Modellen» in Zürich, sagt Heiko Ciceri von der Dienstabteilung Verkehr im Polizeidepartement. Insgesamt gibt es in Zürich derzeit 330 Verkehrsspiegel. Nicht alle davon wurden von der Dienstabteilung Verkehr oder den VBZ montiert. Auch Private haben an heiklen Orten Spiegel angebracht – mit dem Segen der Stadt. Diese ist beim Einsatz von Spiegeln «sehr zurückhaltend», wie Ciceri sagt. Grund: Die Grössenverhältnisse werden nicht realistisch wiedergegeben, die optische Verzerrung macht Distanzeinschätzungen schwierig.

So besteht die Gefahr, dass sich Verkehrsteilnehmer in falscher Sicherheit wiegen oder zu unvorsichtigem Fahren verleiten lassen. Gar nicht mehr eingekauft werden Spiegel mit integrierter Heizung. Sie widersprechen den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft.

Erstellt: 10.03.2014, 10:28 Uhr

Artikel zum Thema

Papierchaos in der SZU

In den Fahrzeugen der Sihltal-Zürich-Uetlibergbahn (SZU) bleiben immer mehr Zeitungen liegen. Zu Hauptverkehrszeiten wird das Papier nicht entfernt. Mehr...

SZU-Züge sind ständig verspätet

In den letzten Wochen verspäteten sich Züge der S 10 und S 4 regelmässig. Der Grund liegt zum Teil bei den Passagieren selbst. Mehr...

Uetlibergbahn: Was alles umgebaut wird

Fünf Stationen der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn werden in den kommenden vier Jahren erneuert. Eine davon soll sogar um mehrere Meter verlegt werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...