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Die Unnötige

Die neue Börse wurde so lange geplant, bis es sie nicht mehr brauchte.

Die neue Zürcher Börse, 1992 triumphal eröffnet, war nur vier Jahre später überflüssig geworden. Im August 1996 ersetzte die elektronische Börse den bisherigen Handel im Ring. Der Ringsaal im Erdgeschoss wurde ausgeräumt und in ein Grossraumbüro umgewandelt. Die technische Entwicklung hatte die Voraussicht der Planer überholt. Noch 1992 sagten diese voraus, dass sich innerhalb der nächsten 20 Jahren «keine Veränderung aufdrängen» würden.

Die Börsianer bedauerten die Umstellung. Eine soziale Tätigkeit mit Geschrei und Gefühlsausbrüchen normalisierte sich zu einem Computerjob. Und die neue Börse wurde zu einem gewöhnlichen Bürogebäude – obwohl man jahrzehntelang auf sie gewartet hatte.

Die lange Suche

Schon zu Beginn der 70er-Jahre hatten die Betreiber der damaligen Börse am Bleicherweg versucht, ihre Räume zu vergrössern. Alle Ausbaupläne in benachbarte Liegenschaften scheiterten, die Börse kämpfte gegen immer drängendere Platzprobleme. Ende der 70er-Jahre schlug der Kanton einen Neubau auf einem eigenen Areal vor, dem Grundstück zwischen City-Hallenbad und Selnaustrasse. Darauf befand sich damals das «Kantonskriegskommissariat», doch dieses konnte an die Uetlibergstrasse ausweichen. 1980 schrieb der Kanton einen Wettbewerb aus, die Architekten Suter & Suter AG setzten sich gegen 73 Mitbewerber durch.

Das Projekt stiess von Beginn weg auf Widerstand. Die Linke hätten auf dem Areal lieber Wohnungen erstellt, der Heimatschutz wollte das barocke Henkerhaus bewahren, das neben dem Hallenbad stand. Andere hielten den Standort für zu abgelegen oder sahen voraus, dass Computer den Ringhandel bald überflüssig machen würden. Trotz breiter politischer Mehrheit fiel 1985 der Volksentscheid zum 24-Millionen-Kredit knapp aus. 162'000 Zürcher sagten Ja, 156'000 stimmten dagegen.

Rekurse verzögerten den Baubeginn. Als das Gebäude mit der markanten, steinernen Stirn und dem riesigen Eingangsportal (genannt Haifischrachen) 1992 eröffnete, herrschte Optimismus. Endlich habe Zürich wieder eine Börse, die einem der weltgrössten Finanzplätze würdig sei, hiess es in den Zeitungen. Restaurants und Geschäfte in Erd- sowie Untergeschoss sollten den Platz vor dem Neubau zu einem «neuen Zentrum der City» beleben.

Schriftzug verschwindet

Auch dieses Vorhaben misslang. Die Läden liefen von Beginn weg schlecht, die Plaza blieb leer. 2002, sechs Jahre nachdem die Händlerringe verschwunden waren, schloss der Kanton die Geschäfte im Untergeschoss, riss die Rolltreppen heraus und baute für 5 Millionen Büros ein. Auch die unterirdische Passage zum SZU-Bahnhof Selnau wurde geschlossen.

Mit den Jahren zogen mehrere Behörden ein, etwa das Statthalteramt, der Bezirksrat und die Staatsanwaltschaften II. Einen Grossteil der Räume mietet aber bis heute die SIX, Betreiberin der Schweizer Börsen. Sie wird 2017 umziehen, um alle Zürcher SIX-Arbeitsplätze in Zürich-West zu konzentrieren. Dies vereinfache die interne Zusammenarbeit, sagt ein Sprecher. Zudem lägen die Mieten im Kreis 5 «deutlich tiefer» als in Selnau. Mit dem Wegzug von SIX wird auch der grosse Schriftzug «Börse» vom Gebäude verschwinden.Beat Metzler

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