Die unsichtbaren Süchtigen

Viele Heroinabhängige leben seit dem Ende der offenen Drogenszene am Platzspitz in städtischen Einrichtungen. Dort werden sie immer älter.

Roland aus Zürich hat die Zustände am Platzspitz miterlebt. Video: Lea Blum (Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viel Zeit hat Sandra Limacher nicht für das Gespräch. Das Programm in den letzten Tagen hat sie müde gemacht. Sie sitzt im hellen Gemeinschaftsraum der stationären Wohnintegration an der Gerechtigkeitsgasse in ­Zürich auf einem Sofa und berichtet von der Premiere von «Platzspitz­baby». Weil sie als Statistin im Film mitwirkte, war sie zur Gala am Abend zuvor im Kino Abaton geladen. Den Kinosaal musste sie aber frühzeitig verlassen. «Mir ging das alles sehr nahe», sagt sie. «Das Elend war so authentisch dargestellt.»

Mit dem Film kommen die Bilder der Drogenhölle zurück ins Gedächtnis einer breiten Öffentlichkeit. Aus Zürich verschwunden ist das Heroin in all den Jahren nie. Auch nicht für Limacher. Zwar klaubt sie schon lange nicht mehr die Resten Heroin aus den Zigarettenfiltern der anderen Süchtigen, doch die Sucht ist geblieben. Seit Anfang der 1990er-Jahre nimmt sie Heroin, damals auf der Strasse und im Park, seit vielen Jahren in den Einrichtungen der Stadt. Dort wohnt sie und nimmt unter ­Aufsicht Diaphin, ein pharmazeutisch hergestelltes Heroin in Tablettenform.

«Die Schliessung des Platzspitz und die städtischen Einrichtungen haben mir das Leben gerettet»: Sandra Limacher. Foto: Urs Jaudas

Die 53-jährige Limacher ist eine von vielen Personen in den städtischen Einrichtungen, die eine so weit zurückreichende Suchtgeschichte haben. «Viele, die heute noch Heroin oder Substitute wie Methadon konsumieren, haben den Platzspitz oder den Letten miterlebt», sagt Florian Meyer, Leiter der drei städtischen Kontakt- und Anlaufstellen (K&A). Das Durchschnittsalter bei den Anlaufstellen beträgt heute 48 Jahre. Experten gehen davon aus, dass heute etwa gleich viele Sucht­betroffene in Zürich leben wie noch zu Zeiten der offenen Drogenszene. Nur sichtbar sind sie schon lange nicht mehr.

Süchtige altern schneller

Das hat auch mit den Kontaktstellen zu tun. In den betreuten Räumen der Stadt werden monatlich 22'000-mal illegale Sub­stanzen konsumiert, es handelt sich dabei oft um Kokain, Heroin und Benzodiazepine, häufig auch gemischt. 950 Personen frequentieren die drei Einrichtungen an der Selnaustrasse, bei der Kaserne und in Oerlikon. «Jede Konsumation, die bei uns stattfindet, ist eine weniger im öffentlichen Raum», sagt Meyer. «Wir können die Zahl der Süchtigen in der Stadt mit unseren Einrichtungen gut bewältigen.»

Sorge bereitet ihm etwas anderes: Das fortschreitende Alter der Suchtbetroffenen ist für die Anlaufstellen und auch jene stationäre Wohneinrichtung, in der Limacher lebt, eine Herausforderung. «Süchtige altern schneller, ein 50-Jähriger hat etwa die Verfassung eines 70-Jährigen», sagt Marianne Spieler, Leiterin der stationären Wohnintegration an der Gerechtigkeitsgasse. Auch Limacher klagt über Beschwerden. Ihr Herz und andere Organe sind von der jahrzehntelangen Sucht beeinträchtigt. «Man kann mir meine Sucht ansehen», sagt sie.

«Ich werde wohl nicht mehr wegziehen»

Meyer sagt, dass sich der physische und psychische Zustand der Klientinnen und Klienten der Stelle im Verlaufe der Zeit deutlich verschlechtert haben. Um darauf reagieren zu können, seien neben der Weiterbildung des Personals künftig auch infrastrukturelle Anpassungen notwendig. Auffallend sei für ihn etwa, dass zunehmend Bedarf an Unterstützung bei der Körperpflege bestehe. «Inkontinente Klienten stellen immer mehr ein Problem dar», sagt Meyer. Es brauche auch Räume, um psychisch stark beeinträchtigte und im Verhalten unberechenbare Menschen individueller ­betreuen zu können. «Ansonsten laufen wir Gefahr, diese Gruppe von unseren Angeboten auszuschliessen, was zu vermehrtem Drogenkonsum und Konflikten im öffentlichen Raum führen würde.»

Auf Pflege ist Sandra Limacher nicht angewiesen. Würde diese notwendig, müsste sie die stationäre Wohnintegration verlassen. Doch ein Leben ausserhalb des Heims ist für sie derzeit unvorstellbar. «Ich werde wohl nicht mehr wegziehen», sagt sie. Ähnliches gilt auch für die an­deren 22 Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses. Sie alle erhalten hier ein Obdach und dürfen in den Räumen konsumieren. Das Team gewährt ihnen nicht nur eine grundsätzliche medizinische und psychologische Betreuung, die Suchtbe­troffenen erhalten vom Team auch psychotrope Substanzen und Medikamente.

Wartelisten werden länger

Mit dem Alter der Süchtigen steigt der Bedarf an Einrichtungen wie jene an der Gerechtigkeitsgasse. «Es gibt zwar fast keinen Nachwuchs unter den Heroinabhängigen, aber der Bedarf an betreutem Wohnen nimmt zu», sagt Marianne Spieler. Die Wartelisten würden immer länger. Neben der ähnlich grossen stationären Wohnintegration an der Feldstrasse, die seit acht Jahren in Betrieb ist, plant die Stadt zusätzlich eine dritte. Sie eröffnet noch diesen Sommer in Zürich-Unterstrass und hat Platz für 33 Personen.

«Die Schliessung des Platzspitz und die städtischen Einrichtungen, die später entstanden sind, haben mir das Leben gerettet», sagt Limacher. Dass die Mitarbeiter der K&A auch heute noch Menschenleben retten, belegen die Zahlen. Allein 2019 intervenierten sie in 27 Fällen mit lebenserhaltenden Massnahmen. Zu einer tödlichen Über­dosierung sei es in den 30 Jahren seit Einführung der Anlaufstellen noch nie gekommen, sagt Meyer. Im Vergleich: Im Jahr 1992 alleine starben auf dem Platzspitz knapp 420 Personen. Die Bilder von vegetierenden Süchtigen auf den Bahngleisen und im Park – sie sind längst Vergangenheit, das tägliche Elend der Suchtbetroffenen ist deutlich eingedämmt.

«Es ist gut, geht ‹Platzspitz­baby› wieder auf das Thema Drogensucht ein», sagt Limacher. Sie erzählt gern, steht als Zeitzeugin und Gezeichnete hin, wenn Fernsehstationen und Zeitungen ­anfragen. «Vielleicht hält meine Geschichte ein paar junge Leute davon ab, den Stoff zu probieren», sagt sie. Doch das viele ­Engagement, es macht sie auch müde. Nach 20 Minuten möchte sie das Interview abbrechen. In einer halben Stunde steht die nächste Heroinabgabe an.

Erstellt: 15.01.2020, 21:26 Uhr

Heroinkonsum auf Rekordtief

Die Zahl der jungen Heroin­abhängigen in Zürich hat seit Ende der 1990er-Jahre stark abgenommen. Das spiegelt sich auch im Durchschnittsalter der Klientinnen und Klienten bei den drei Stadtzürcher Kontakt- und Anlaufstellen. Nur rund 1 Prozent der Personen ist unter 30 Jahre alt.
Auch beim Drogeninformationszentrum (DIZ) handelte es sich 2018 nur bei 4 Prozent der getesteten Proben um Heroin. Bei einer Konsumentenbefragung gaben nur 3 von 343 Personen an, in den letzten zwölf Monaten Heroin konsumiert zu haben. «Im Freizeitdrogenkonsum spielt Heroin heute keine grosse Rolle mehr», sagt Christian Kobel, Leiter des DIZ. Laut Kobel wurde das Opiat vor allem durch anregende illegale Substanzen ersetzt. Am meisten konsumiert wird heute gemäss Kobel Kokain, an zweiter Stelle steht Metamphetamin, und an dritter Stelle stehen die Partydrogen Ecstasy und MDMA.
Der Trend weg vom Heroin zeigt sich auch bei der Kantonspolizei. 2018 hat sie 16 Kilo ­Heroin beschlagnahmt. Das ist noch ein Drittel der Menge, die vor 15 Jahren sichergestellt wurde – und ein Rekordtief. Schweizweit gingen auch die Verzeigungen im Zusammenhang mit Heroin drastisch zurück. Von über 20000 im Jahr 1993 bis auf unter 7000 ab 2002. (dsa)

Artikel zum Thema

«Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt»

Interview Martin Keller nimmt seit 28 Jahren Heroin. In dieser Zeit war er keinen Tag nüchtern. Wie sein Alltag mit der Droge aussieht und weshalb ein Ausstieg aus der Sucht für ihn keine Option mehr ist. Mehr...

«Das ist ein Wunder. Ich könnte weinen»

Interview Bernie hat in den 90er-Jahren auf dem Platzspitz Crack konsumiert. 30 Jahre war er süchtig. Jetzt kehrt er in den Park zurück. Mehr...

Die Zürcher Drogenhölle prägte ihr Leben

Anlässlich des neuen Films waren wir mit «Platzspitzbaby» Michelle Halbheer an den Schauplätzen ihrer Kindheit. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...