Die ungebrochene Lust auf den SUV – Besuch an der Auto Zürich

Wie ist das, wenn man im Jahr der Klimademos und der grünen Welle auf dicke Autos steht? Wir fragen dort, wo wir die grössten Fans vermuten.

SUV-Liebhaber erklären an der Automesse, warum sie sich nicht schämen. Video: Andrea Zahler/Aline Bavier

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Die «Auto Zürich» ist eine Messe, an der keiner Treppe steigt. Man fährt – wenn schon nicht das Auto der Träume, dann wenigstens Rolltreppe. Mit Bequemlichkeit kennt sich auch jener Angestellte aus, der gerade mit einem Lappen die Fingerabdrücke der Besucher von der Karosserie eines SUV wischt. Ein solcher Wagen biete Komfort, auf Komfort wolle niemand verzichten. Bequemlichkeit und Business – deswegen fahre der Mensch den Planeten an die Wand, so sei das halt. «Manche Leute lügen sich wahrscheinlich selbst an. Sie sagen, dass sie nie einen solchen Wagen fahren würden, und jetzt stehen sie doch hier.»

Das SUV (Sport Utility Vehicle) ist eine Limousine, die daherkommt wie ein Geländewagen – und stand deshalb bei Umweltschützern schon als «Vorstadtpanzer» in Verruf, als die heutige Klimajugend noch kaum geboren war. Aber die wuchtigen Stadtgeländewagen sind immer noch auf jedem Stockwerk der Messe zu sehen und wirken wie Magnete aufs vorwiegend männliche Publikum. Es ist nicht so, dass man sie nur aus dem Augenwinkel bestaunen würde wie verbotene Früchte. Falls es so was wie SUV-Scham geben sollte, dann leidet hier kaum jemand darunter.

Ökologisch gesehen «nicht mehr so schlimm»

«Jeder hat das Recht, das Auto zu fahren, das ihm Spass macht oder das er braucht», sagt Marcel Kägi aus Egg. Die Kritik sei übertrieben. Er besitze selbst ein SUV, aber dank Hybridantrieb verbrauche es weniger Benzin als mancher PW. Dieses Argument hört man in Variationen immer wieder. Fabio Macri aus Eschenbach, der mit seiner Partnerin für die ganz grossen Geländewagen schwärmt, gibt sich überzeugt: «Die meisten neuen Modelle fahren sehr umweltschonend.» Die Stadtzürcherin Yara Lanz sagt es anders: Moderne SUV seien ökologisch gesehen «nicht mehr so schlimm» wie die alten. Unter Verkäufern kursiert der Spruch, dass das GT, das auf einigen SUV prangt, nicht für Gran Turismo steht, sondern die Greta-Thunberg-Edition kennzeichnet.

Kleiner Mensch, grosse Maschine. Bild: Andrea Zahler.

Am direktesten sieht man in die Seele des SUV-Fans, wenn man ihn bei der Annäherung an einen Wagen beobachtet. Es beginnt immer gleich, mit dem Öffnen des Kofferraums. Geräuschlos und elegant heben sich die schweren Deckel der aufgereihten Autos wie ein mechanisches Ballett. Dahinter ist nichts, ausser viel Platz – aber den schaut sich der SUV-Fan lange und genau an.

Er ist ein Mystiker des Raums. Höhepunkt seines Rituals ist das satte Geräusch beim Zuschlagen der Fahrertür. Jetzt hat er Ruhe vor der Welt da draussen, sitzt wie Major Tom in einer hermetischen Kapsel, geschützt von 20 Zentimeter Blech und Plastik. Der Kontakt zur Bodenkontrolle ist abgerissen – seine Frau wartet draussen und unterhält sich mit dem Personal. Er senkt behutsam die Hände aufs Steuerrad, legt sie auf die Knie, wieder zurück aufs Steuerrad und verfällt dann in einem Zustand stiller Kontemplation. Ein kleiner Mensch, geborgen in einer grossen Maschine.

Für den Motor interessiert sich nur einer

Das SUV ist bequem, ein SUV bietet Raum – «für den Transport oder wozu auch immer». Das sagen sie hier alle. Giselle Bader aus Regensdorf, die sich als Fan grosser Autos outet, benötigt den Platz, weil sie eine grosse Frau sei. Zudem sitze man höher und habe auf der Strasse mehr Überblick.

Es beginnt stehts mit dem Blick in den Kofferraum, dann nähert man sich dem Cockpit an. Bild: Andrea Zahler.

Angesichts der kraftstrotzenden Wagen wirkt es wie eine ironische Pointe, dass zwar alle in den Kofferraum schauen, aber keiner die Motorhaube öffnet. Der schnauzbärtige ältere Herr, der es dann doch tut, fällt auf wie ein bunter Hund. Jetzt steht er da, greift sich in die Hosenträger und schaut schweigend auf den dunkelgrauen Plastikblock, der zum Vorschein kommt, wo das Getriebe sein sollte. Was will man dazu auch sagen?

«Wenn man will, dass alles grün ist, soll man solche Modelle vom Markt nehmen.» Peter Arnold, Autofan

Der Urner Peter Arnold aus Bürglen hat sich hinters Steuer eines metallisch blau glänzenden Riesenschiffs mit über 300 PS gesetzt. Für ihn steht die Leidenschaft im Vordergrund. Als Autofan habe man sich früher für Sportwagen begeistert, heute seien es eher solche Modelle. Die seien für ihn etwas Spezielles, sagt er. «Wer weiss, wie lange es die noch gibt?»

Er habe gehört, dass man in der Stadt mit einem solchen Auto manchmal ausgepfiffen werde. «Das finde ich schade. Wenn man will, dass alles grün ist, soll man solche Modelle vom Markt nehmen. Dann kann man sie nicht mehr kaufen, dann ist das auch erledigt.» Vorderhand ist es aber so: Wenn etwas die SUV-Liebhaber an der Messe zurückhält, dann ist es nicht das schlechte Gewissen. Sondern das Budget.


Auto Zürich, noch bis 3. November in den Messehallen in Oerlikon. Fr 10-21 Uhr, Sa und So 10-19 Uhr.

Erstellt: 01.11.2019, 11:25 Uhr

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