Die vergessenen Bunker der «Mag-i-no-gcho»-Linie

Tausende Soldaten hoben vor bald 80 Jahren die Limmatstellung aus. Nun widmet sich eine Ausstellung den Militärbauten – samt Führungen durch die Bunker Zürichs.

Befestigung im Sandstein: Hinter dieser Türe verbirgt sich das weit verzweigte Stollennetz des Bunkers mit Deckname Unterbruch. (Bilder: Sabina Bobst)

Befestigung im Sandstein: Hinter dieser Türe verbirgt sich das weit verzweigte Stollennetz des Bunkers mit Deckname Unterbruch. (Bilder: Sabina Bobst)

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Sie schlummerten Jahrzehnte lang unbeachtet tief unter der Erde, die Bunkerbauten des Uetlibergs. Einige liegen mitten im Wald, andere direkt neben den Häusern von Uitikon und Urdorf. Rund 200 Militäranlagen befinden sich im Zürcher Untergrund - allesamt Teile der Limmatstellung.

Es war ein bitterkalter Winter, als die wehrpflichtigen Männer auf Befehl von Henri Guisan diese Verteidigungslinie aus Bunkern, Schartenständen und Stollen errichteten. Die Limmatstellung erstreckt sich von Sargans der Limmat und dem Zürichsee entlang bis nach Liestal. Der General erteilte die Order zum Bau der Anlagen am 4. Oktober 1939, rund einen Monat nachdem die Deutschen den 2. Weltkrieg auslösten.

Plötzlich doppelte Einwohnerzahlen

Und so gruben sich 10100 Männer im Schichtbetrieb durch den gefrorenen Untergrund. Die Arbeit an den Befestigungen seien hart gewesen, erinnert sich ein Mann, der Aktivdienst leistete, «aber jeder hat damals gewusst, um was es ging. Jeder hat zugepackt.»

«Die Arbeit war hart, aber jeder hat damals gewusst, um was es ging. Jeder hat zugepackt.»Erinnerung eines Aktivdienstleistenden

Der Militäreinsatz wirkte sich auch auf die Dörfer entlang der Limmatstellung aus. Die Einwohnerzahl von Dietikon wuchs temporär auf das Doppelte an, weil dort plötzlich so viele Soldaten antreten mussten. Auch in Schlieren sei von September 1939 bis zum Frühling 1940 immer mindestens ein Bataillon Infanterie und eine Sappeurkompanie der 6. Division stationiert gewesen, erinnert sich ein Zeitzeuge.

Verteidigung unter Zeitdruck

Die Zeit drängte. Die Deutschen rückten vor. Längst redeten die Soldaten in Anlehnung an die Maginot-Linie, dem Verteidigungssystem entlang der französischen Grenze, von der «Mag-i-no-gcho»-Linie. Im Mai 1940 rechnete man mit dem Einmarsch der Deutschen. Doch sie wählten Belgien und nicht die Schweiz, um Frankreichs Verteidigungslinie zu umgehen.

Als Frankreich kapitulierte und Italien Achsenpartner der Deutschen wurde, war die Schweiz von feindlichen Mächten umgeben. Das Szenario «Fall Nord» wurde hinfällig. Guisan verfügte einen sofortigen Baustopp an der Limmatstellung und zog die Armee ins Alpen-Reduit zurück. Die Bunker wurden nie genutzt. Der Einsatz dauerte gerade mal zehn Monate.

Trotzdem sind die Positionen der Bunker bis Ende 1990 verborgen geblieben und werden erst jetzt sukzessive aus der militärischen Geheimhaltung entlassen. Damit eröffnet sich der Bevölkerung ein faszinierendes Stück Schweizer Geschichte, dem das Zentrum Architektur Zürich nun eine eigene Ausstellung samt Rundgängen durch die Verteidigungsanlagen im Untergrund von Zürich widmet. Einen davon, die Bunkerwanderung am Uetliberg, haben wir besucht.


Deckname «Reserve»: Ein Bunker wie ein Maulwurfhügel

Was sich hinter der unscheinbaren Tür im Wald verbirgt, ist kein Bunker, sondern eine Sandburg. Es sieht aus, als hätte sich ein riesiger Maulwurf durch das weiche Gestein gewühlt. Da gibt es keine Mauern, kein Beton, keine Ziegel. Nur nackten Sandstein. Das Wurzelwerk des Waldbodens wächst durch die Decke, aus Spalten in den Seitenwänden kriechen Insekten.

So sahen alle Befestigungsanlagen am Uetliberg aus, bevor sie mit Ziegeln ausgekleidet wurden. Den Sand haben die Soldaten auf Schubkarren aus den Gängen transportiert und draussen vor dem Eingang abgeladen. «Unauffällig war das nicht. Die Deutschen wussten, was wir machten und wo die Bunker lagen. Aber was drinnen war, wussten sie nicht», sagt der Leiter des Rundgangs, Christian Egloff. Im Grunde genommen seien die Bunkerbauten eine Art psychologische Kriegsführung. Und das war bitter nötig, denn laut Egloff hätte die Schweizer Armee mit ihren Infanteriekanonen gegen deutsche Panzer keine Chance gehabt. Die Munition für diese Geschütze nannte man nicht ohne Grund «Panzeranklopfmunition».


Deckname «Waldrand»: Die elegante Kommandozentrale

«Waldrand» ist so etwas wie ein Grossraumbüro unter der Erde. Wobei «gross» bei einem Bunker natürlich immer relativ ist. Immerhin schwingt das Gewölbe hier, anders als in den meisten Verteidigungsanlagen am Uetliberg, relativ grosszügig nach oben aus.

Sechs Räume liegen aneinandergereiht in einem langen Gang. Die weiss getünchten Sandsteinziegel und die kleinen Nischen in den Wänden für die Büromaterialien geben dem Bunker fast einen eleganten Touch. Es ist auszuhalten hier drin.

Sogar Telefonkabinen hats. Drei Stück, denn von dieser Arbeitskaverne aus hätten die Truppen im Feld ihre Befehle erhalten. An der Decke sind noch immer die Halterungen für die Drahtverbindungen zu sehen, über welche die Bunkerbesatzung mit den Soldaten kommuniziert hätte. Das über Funk zu tun, wäre viel zu gefährlich gewesen, der Feind hätte schliesslich mithören können.


Deckname «Charlotte Rudolf»: Ein Unterstand mit Sprengkraft

Nicht auszudenken, dass in diesem Unterstand 60 Mann hätten Platz finden müssen. Schon zu fünft fühlt es sich hier eng an. Die Räume sind nur rund zwei Meter hoch. An der Decke sind Metallplatten angebracht. Sie wurden jeweils montiert, wenn über den Bunkern zu wenig Erdreich lag. «Damit bei einem Bombeneinschlag kein Beton abplatzen konnte», sagt Christian Egloff, der uns bis tief hinein in die verwinkelte Anlage führt. «Es war aber eher eine Massnahme, um den Soldaten ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Geholfen hätte das im Ernstfall wohl kaum.»

Unter Beschuss geriet der Bunker tatsächlich - allerdings erst nach Kriegsende, als die Empa 1951 die Stollen mietete und darin Sprengtests durchführte. Bis 1988 konnte das Unternehmen die Gänge nutzen. Laut Egloff allerdings unter der Auflage, dass sie «nur von Schweizer Bürgern» betreten wird. «Und als später Privathäuser in der Nähe des Bunkers gebaut wurden, mussten ihre Besitzer sich damit einverstanden erklären, dass in ihrer Nachbarschaft auch weiterhin Sprengungen durchgeführt werden.»


Deckname «Unterbruch»: Das Schildkrötengrab

Wie das Tor zu einer geheimen ägyptischen Grabkammer im Tal der Könige liegt dieser betonierte Bunkerzugang versteckt am Fuss eines Sandsteinfelsens. Dahinter dringt ein Geflecht aus Gängen und Höhlen über 100 Meter in den Untergrund hinein. Guisan hat die Soldaten allerdings vom Tunnelbau abgezogen, bevor sie den Mannschaftsunterstand für 250 Infanteristen fertigstellen konnten.

Dabei entdeckten die Soldaten hier sogar einen Panzer! Genauer die Panzerteile einer Riesenschildkröte, die vor 15 Millionen Jahren hier lebte. Die fachgerechte Bergung dauerte 14 Tage. Der Fund ist heute im Paläontologischen Museum der Universität Zürich zu sehen. Lange hiess es, er sei bei Strassenbauarbeiten entdeckt worden. Die wahre Fundstelle wurde erst Ende 1990 aus der Geheimhaltung entlassen.


Deckname «Hals»: Der Kommandoposten ohne Plan

Er ist in einem mitleiderregenden Zustand, der Kommandoposten am Waldrand bei Uitikon. An einigen Stellen sind Armierungseisen zu sehen, der Beton platzt von Decken und Wänden. «Es gab damals eben nur wenige Fachleute, die hier gebaut haben. Hauptsächlich waren Laien am Werk - und es musste schnell gehen», erklärt Christian Egloff, Präsident des Vereins «Festungswerke der Limmatstellung». Auch bei der Belüftung setzte man aufs Minimum: Durch vergitterte Rohre dringt die Luft ungefiltert ins Gangsystem ein. Atom- oder Chemieschutz war damals laut Egloff noch kein Thema.

Ganz hinten im Stollen zweigt ein notdürftig ausgebuddelter Seitengang in den Sandstein ab. Das Ganze sieht aus, als wären die Soldaten erst gestern von hier abgezogen. Sogar die Einschlagstellen der Pickel, mit denen sie das Gestein bearbeitet haben, sind noch zu sehen. Wohin der Gang geführt hätte, bleibt ein Mysterium. «Es existieren leider keine Originalbaupläne mehr. Daher wissen wir nicht, wie die Bunker nach der Fertigstellung ausgesehen hätten. Den Zweck einiger Gänge werden wir nie erfahren», sagt Egloff.


Deckname «Trotzdem»: Das Spital im Untergrund

Hier wären sie gelegen, die verwundeten Soldaten. Tief unter der Erde an den Wänden des Gewölbes aufgereiht. Auf Bahren hätten sie gewartet, bis ein Arzt ihre Wunden versorgen konnte. Vielleicht wäre der Platz knapp geworden, vermutlich hätten sich die Gänge gefüllt mit dem Geschrei der Verletzten. Keine schöne Vorstellung.

Zum Glück kam es nie so weit. Das Militär baute die Anlage sogar erst 1944 fertig aus und nutzte sie zunächst als Zeughaus. 1959 mietete die Georg Fischer AG die Räume zum Einlagern «kriegswichtiger Sachen» (gemeint war damit das Metall Molybdän, das sie zur Herstellung von Panzerrohren verwendete) und seit 2002 führt die Feuerwehr in dem weit verzweigten Tunnelnetz Atemschutzübungen durch. Ist der Hindernisparcour erfolgreich abgeschlossen, löschen die Feuerwehrleute ihren Durst: in der «Stollenbeiz» im umfunktionierten WC der Kaverne.

Erstellt: 24.11.2018, 08:47 Uhr

Tourismusbüro für «111 Bunker»

Ausstellung über die Architektur der Schweizer Abwehrlinie

Das Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) in der Villa Bellerive im Zürcher Seefeld ist bis zum 28. Februar 2019 in ein «Tourismusbüro für Befestigungsbauten» umfunktioniert worden. Die Ausstellung «111 Bunker» bietet sozusagen Reisen ins Jahr 1939 an und macht Spuren jener Zeit sichtbar, die noch heute in und um Zürich existieren.

Die ZAZ hat die Ausstellung zusammen mit Noël Fäh und Domenic Schmid entwickelt. Sie basiert auf deren ETH-Masterarbeit «Obstacle Absolu» - zu einem «absoluten Hindernis» hätte General Guisan Zürich im Falle einer Invasion aus Norden erklärt.

Nebst diversen Informations- und Podiumsveranstaltungen bietet die Ausstellung Zeitreisenden am Tourismusbüro-Schalter Bunkerwanderkarten an. Sie können aber auch auf einer Wandkarte vor Ort mit sämtlichen Zürcher Bunkern ihre eigene Tour kreieren.

Zum Angebot gehören zudem die von Christian Egloff, Präsident des Vereins «Festungswerke der Limmatstellung», geführten Bunkerwanderungen am Uetliberg sowie Bunkerspaziergänge entlang der Limmat und des Seeufers.

Informationen zum Begleitprogramm der Ausstellung und zu den Bunkerführungen gibt es unter www.zaz-bellerive.ch und unter www.festungen-zh.ch.

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