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Die Werber langen in unsere Hosensäcke

Die Schallsensoren im Hauptbahnhof sind pädagogisch wertvoll. Sie zeigen, wie verstrickt wir im «Überwachungskapitalismus» mit unseren Handys sind.

Die geheimnisvollen schwarzen Kästchen auf den Plakaten im Hauptbahnhof stellen die Verbindung zum Handy her. Foto: Urs Jaudas
Die geheimnisvollen schwarzen Kästchen auf den Plakaten im Hauptbahnhof stellen die Verbindung zum Handy her. Foto: Urs Jaudas

Etwas Intimeres besitzen wir nicht. Smartphones sind Adressverzeichnis, Fotoalbum, Agenda und Portemonnaie in einem. Wer das Handy eines Fremden durchsucht, lernt diesen wohl besser kennen als während einer Woche gemeinsamer Ferien.

Das erklärt die Empörung über die schwarzen Boxen, welche die Swisscom kürzlich oben an den Plakatwänden am Hauptbahnhof aufgestellt hat. Mit Schallsignalen steuern sie Handys von Passanten an. Auf den mobilen Bildschirmen sollen dadurch Angebote aufscheinen, die zu den Plakaten auf den Perrons passen. Beem (so heisst das System) ist Werbung, die in den Hosensack langt. Das nervt viele. Doch ihre Empörung trifft nur Nebendarsteller. Die Kästchen am Hauptbahnhof dienen als Platzhalter für eine umfassendere Bedrohung.

Die Swisscom und ihre Partner beteuern, dass sie bei der Hochtonwerbung die Regeln des Datenschutzes einhalten. Dass sie weder Bewegungsprofile erstellen noch Gespräche mithören noch sonstwie stöbern. Schön. Das Dumme ist nur, dass internationale Digitalkonzerne all dies längst breitflächig machen. Smartphones sind durchlässige Geräte: Hersteller, Anbieter des Betriebssystems, App-Betreiber, Telefongesellschaften – alle neuseln darin herum. Und die Benutzerinnen helfen bereitwillig mit, den Zugriff zu erleichtern. Sie laden kostenlose Programme herunter, um den eigenen Schlaf zu vermessen, um sich beim Rennen zu stoppen oder Ferien zu planen. Die meisten wissen wohl, dass solche Dienste nicht gratis sind, sondern mit privaten Daten abgeglichen werden. Aber zu bequem wirken die gebotenen Vorteile.

Durch ihre spürbare Anwesenheit helfen die schwarzen HB-Kästchen, den Überwachungskapitalismus fassbarer zu machen.

Auch die Vorsichtigen haben es schwer. Der Service des Telefons verschlechtert sich, je weniger Daten man freigibt. Nicht alle App-Anbieter halten sich an ihre Privatsphärenversprechen. Und gewisse Informationen lassen sich kaum verheimlichen. Wer heute unüberwacht, aber nicht unerreichbar durch die Welt gehen will, muss umsteigen auf ein Prä-Smartphone-Handy, ein Gerät, das taub ist für das Zirpen rundherum, für die Kontaktversuche via Wi-Fi, Bluetooth oder Schallsignale.

Mit Beem versuchen Schweizer Firmen, was die internationale Konkurrenz schon längst tut. Sie testen neue Technologien, um Werbung auf das Verhalten der Kundinnen abzustimmen. Dadurch, so die Hoffnung, werden diese mehr kaufen. In den letzten zwei Jahrzehnten gaben Internetunternehmen riesige Summen für Forschung aus. Gemäss Shoshana Zuboff, Autorin des Buches «The Age of Surveillance Capitalism», haben die damit entwickelten Dienste (Navigation, Smart-Home- und Smart-City-Ansätze, automatische Autos) einen einzigen Zweck: Daten zu sammeln. Aus diesen berechnen die Unternehmen, wie sich Menschen verhalten und was sie konsumieren könnten. Auf einer nächsten Stufe gelte es, die Nutzerinnen so zu beeinflussen, dass ihr Tun den Wünschen der beteiligten Unternehmen entspricht. Am Ende dieser Bemühungen steht laut Zuboff eine sanft durchkontrollierte Ameisengesellschaft.

Die schwarzen Kästchen vom Hauptbahnhof sind ein winziger Teil dieses Systems. Dessen Hauptwährung besteht aus Daten, die Laien niemals zu sehen bekommen – ganz im Unterschied zu den HB-Kästchen. Durch ihre spürbare Anwesenheit helfen diese, den Überwachungskapitalismus fassbarer zu machen. Dafür muss man ihnen fast dankbar sein.

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