Die ZB-Ordnungshüter im Untergrund

Ohne das Magazinteam würde in den Büchergestellen der Zentralbibliothek schnell das Chaos ausbrechen.

Im Bücherautomaten der Zürcher Zentralbibliothek. (Video: Reto Oeschger/Lea Blum)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Büchergestelle haben die Eigenschaft, dass sie unglaublich schnell viel zu voll sind – und in diesem Zustand dazu neigen, statt für Ordnung für Chaos zu sorgen. Denn in vollen Gestellen stellt man die Bücher dorthin, wo es noch eine Lücke hat, anstatt dorthin, wo sie der Ordnung halber hingehören. Das wäre auch in der grössten Schweizer Bibliothek nicht anders, würden hier nicht Bettina Heuser und ihr 15-köpfiges Team den täglichen Kampf gegen das drohende Durcheinander aufnehmen. Die Magazinerinnen und Magaziner der Zentral­bibliothek sind dafür zuständig, dass ­jedes Buch an seinem Platz steht.

Bettina Heuser evaluiert gerade die Arbeitskleidung für ihre Mitarbeitenden, bequeme schwarze Pullis mit dem diskreten Logo des Arbeitgebers. Sie hätte eigentlich ganz gerne etwas Farbiges, sagt sie, denn ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten die meiste Zeit in den unterirdischen Geschossen der Bibliothek ohne Tageslicht. Da würde ein Rot oder Grün ganz guttun. Doch ist Schwarz weniger empfindlich.

Bettina Heuser, Leiterin Magazin, mit einer «Mitarbeiterin», der Sortiermaschine. (Fotos: Reto Oeschger)

Dafür sorgt sie selbst mit ihren Haaren für einen Farbtupfer – sie sind schwarz und vorn weinrot gefärbt. Und ihr fröhliches Wesen verscheucht jeden Gedanken an Düsternis. Die 47-Jährige ist in der DDR aufgewachsen, ihr Sächsisch packt sie aber nur aus, wenn ihr zufälligerweise ehemalige Landsleute über den Weg laufen. Gelernt hat sie einst Ernährungsberaterin, doch begann sie, schon kurz nachdem sie sich mit ihrer Familie in Rümlang nieder­gelassen hatte, in der Gemeinde­bibliothek zu arbeiten. Diese Beschäftigung führte sie vor sieben Jahren in die Zentral­bibliothek.

Den Anfang macht die Maschine

Was sie als Teamleiterin Magazin richtig gern tut, ist Dienstpläne schreiben. Im Ernst, Dienstpläne schreiben? Ihr mache alles Organisatorische Spass, sagt sie. «Dabei geht es darum, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und die Anforderungen möglichst gut in Einklang zu bringen – das ist doch eine schöne Arbeit.» Aber auch eine knifflige, will sie doch vermeiden, dass ihre Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen den ganzen Tag in den Untergeschossen nur Bücher einräumen müssen. «Das braucht viel Konzentration und ist ermüdend», gibt sie zu bedenken. Sie teilt daher die Arbeitstage in Aufgabenbereiche ein, damit sie abwechslungsreicher sind.

Jeden Tag kommen im Schnitt 3400 Bücher in die ZB zurück, die eingeräumt werden müssen. Und jedes Buch geht mindestens dreimal durch die Hände eines Teammitglieds von Bettina Heuser. Doch den Anfang macht eine Maschine. Diese sortiert die Bücher, welche in den Rückgabeautomaten gelegt werden, anhand eines Chips nach den vier Stockwerken, in denen sie gelagert werden. Auf Fliessbändern werden sie in die jeweiligen Wannen geleitet – «es sei denn, das Betriebssystem streikt», sagt Bettina Heuser. «Dann landen alle hier.» Sie zeigt auf eine Wanne mit der Aufschrift «Überlauf». Wenn diese sich füllt, wirds hektisch im Wannendienst.

Die Maschine sortiert die Bücher nach den Stockwerken, in die sie gehören.

Der Wannendienst besteht darin, die Bücher aus den grossen Behältern zu nehmen und grob nach den Signaturen geordnet auf ein Holzwägelchen zu verladen, das dem jeweiligen Stockwerk zugeordnet ist. Bei der Gelegenheit wird auch kurz kontrolliert, ob das Buch in einem anständigen Zustand ist. Dabei blieb einst das wohlriechendste Buch in der Geschichte der Zentralbibliothek auf der Strecke: Eine Benutzerin hatte versehentlich ihr Shampoo darauf ausgeleert. Und wozu dient der gelb-orange Knopf oberhalb des Fliessbandes? «Den müssen wir drücken, wenn jemandem die Krawatte in den Automaten gerät», sagt Heuser lachend. So habe man das ihnen erklärt, als vor zwei oder drei Jahren diese Sortiermaschine in Betrieb genommen wurde. «Gebraucht haben wir ihn allerdings noch nie.»

Kein Platz für Zeitschriften

Doch nun geht es weiter zum Verteildienst – und in den Untergrund. Hier könnte einen in den unendlich lang scheinenden Gestellschluchten leicht die Platzangst erfassen. Nirgends ein Fenster – die Magazine sind in vier von sechs Untergeschossen untergebracht. Und es wird schnell klar, dass der zentrale Standort der Zentralbibliothek mitten in der City Vor- und Nachteil zugleich ist. Für die Benutzenden ein Plus, für die Platzverhältnisse ein Minus. Die ZB kann nämlich nicht mehr in die Breite und auch nicht in die Höhe wachsen. Und mehr als sechs Untergeschosse sind nicht erlaubt, bereits das zweite liegt unter dem Grundwasserspiegel. «Wir sind also ständig am Bücherrücken und Platzschaffen», erzählt Heuser.

Ein bisschen Luft gibt da die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz, deren Belieferung Heuser seitens der Zentralbibliothek betreut. Vor kurzem hat die ZB zusammen mit anderen grossen Bibliotheken des Landes in Büron im Luzerner Seeland ein Speicherlager eröffnet. Dorthin werden nun nach und nach die Zeitschriften ausgelagert.

Zu komplex für eine Maschine: Danach müssen Menschen die Bücher einordnen.

Während Bettina Heuser das Bücherwägelchen zielsicher durch die Gänge steuert, rollen über ihr an Schienen aufgehängte Behälter hin und her. Sie beliefern den Bestelldienst in den unteren beiden Stockwerken. In dieser modernen Flaschenpost werden die Bestellzettel für Bücher transportiert, welche in den untersten beiden Stockwerken lagern, zu denen die Benutzenden keinen Zutritt haben. Die Bücher müssen daher von den Magazinerinnen und Magazinern herausgesucht und nach oben gebracht werden.

Die verschwundenen Bücher

Heuser selbst hat mittlerweile ihre Bücher im Vorsortiergestell verteilt. Ein Kollege eilt hinzu, um diese in den Gestellen zu versorgen. Beim Vorbeieilen stutzt er kurz, zieht ein Buch aus dem Gestell, das irgendjemand falsch eingeordnet hatte. Manchmal sind es Benutzer, die in einem Buch geblättert und es dann an den falschen Ort zurückgestellt haben. «Manchmal unterlaufen aber auch uns Fehler», sagt Heuser. «Dann steht ein Buch mit der Signatur HM vielleicht bei HN oder eine Nummer 36004 am Ort von 37004.»

Ihre Mitarbeitenden haben mittlerweile ein geschultes Auge und ent­decken viele der falsch eingeordneten Bücher allein beim Vorbeilaufen. Ein Vorkommnis beschäftigt sie aber immer noch. Es begab sich kurz nach ihrem Stellenantritt. Da sah sie abends um acht Uhr eine volle Bücherwanne im Magazin stehen und ging mit dem Gedanken heim, dass sie sich am Morgen früh sputen müsse, um dies abzuarbeiten. Doch als sie am Morgen zur Arbeit kam, war die Wanne leer, und in den Vorsortier­gestellen stand kein einziges Buch. «Ich kann mir das bis heute nicht erklären, die Bücher waren wie vom Erdboden verschluckt», sagt Bettina Heuser. Da waren wohl Heinzelmännchen am Werk, welche diesen Menschen, die ganz im Verborgenen für Ordnung sorgen, eine Freude bereiten wollten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 20:43 Uhr

Collection

100 Jahre ZB

Jubiläumsserie (6)

100 Jahre Zentralbibliothek

Mitten im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1917, führten Stadt und Kanton Zürich ihre beiden Hauptbibliotheken zur Zentralbibliothek zusammen und beschlossen einen Neubau am Zähringerplatz. Heute ist die ZB die grösste Stadt-, Kantons- und Universitäts­bibliothek im Land. Der TA berichtet im Jubi­läumsjahr regelmässig darüber, was es auf, hinter und neben den Bücherregalen alles zu entdecken gibt. (net)

Artikel zum Thema

Ein Bibliothekar auf der Suche nach Zorro

Video Möchte jemand einen vergriffenen Heftchenroman oder längst vergessene japanische Gedichte ausleihen, ist das ein Fall für Claudius Lüthi und sein Team. Mehr...

Das mittelalterliche Zürich wird zugänglich gemacht

Video Im Digitalisierungszentrum der Zentralblibliothek werden jährlich über eine Million Seiten eingescannt. Manchmal hilft auch ein Roboter beim Umblättern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Sponsored

Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

Kommentare

Die ZB-Ordnungshüter im Untergrund

Video Ohne das Magazinteam würde in den Büchergestellen der Zentralbibliothek schnell das Chaos ausbrechen. Mehr...

Ein Bibliothekar auf der Suche nach Zorro

Video Möchte jemand längst vergessene japanische Gedichte ausleihen, ist das ein Fall für Claudius Lüthi und sein Team. Mehr...

Das mittelalterliche Zürich wird zugänglich

Video Im Zentrum für Digitalisierung der Zentralblibliothek werden jährlich über eine Million Seiten eingescannt. Mehr...