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Die Zeitmaschine

Am 5. Juni wird über die Sanierung der Tonhalle abgestimmt. Aber was ist das eigentlich für ein Ort, diese Tonhalle?

Historizistische Pracht: Die Tonhalle um 1915, vor dem Teilabriss und dem Bau des Kongresshauses. Foto: Bildarchiv ETH-Bibliothek Zürich
Historizistische Pracht: Die Tonhalle um 1915, vor dem Teilabriss und dem Bau des Kongresshauses. Foto: Bildarchiv ETH-Bibliothek Zürich

Eine Würdigung der Tonhalle haben die Kollegen bestellt, einen Huldigungs­artikel sozusagen. Nichts leichter als das, denkt die Musikkritikerin. Man könnte ja wieder einmal von dem Deckengemälde im grossen Saal schwärmen, von dem Komponisten von Bach bis Brahms aufs Publikum hinabschauen. Auch den Blick auf den See und die Alpen müsste man erwähnen, den man trotz des dazwischengebauten (und nun dem Abbruch geweihten) Panoramasaals erhascht, wenn man mal den Weg auf die Terrasse gefunden hat.

Und natürlich wäre die Akustik zu rühmen, die weltberühmte und wirklich grandiose, in der Patricia Kopatchinskajas angriffige Geigenkunst genauso zur ­Geltung kommt wie der stille Orchesterklang, den Bernard Haitink zu gestalten weiss. Es ist Wärme in diesem Saal: Das ist mehr, als man von vielen mo­derneren, teureren, schickeren Sälen ­sagen kann.

Aber dann kommt einem eben doch der saure Kaffee in den Sinn, den man einmal und nie wieder getrunken hat in einer Pause. Das weiss-braune Kratzmuster an den Wänden im Foyer, das dank Denkmalschutz jede Sanierung über­stehen wird. Die langen Schlangen vor den wenigen Toiletten. Und es wird klar: Man muss das Thema doch ein bisschen differenzierter angehen.

Prähistorie und 90er-Jahre

Also beginnen wir von vorne, beim Weg ins Konzert, der für alle, die sich kein Taxi leisten wollen, ein Fussweg ist: Schliesslich gibt es keine Tramhalte­stelle vor der Tonhalle und nur wenige Parkplätze. Damen, die an der Garderobe die wetterfesten Schuhe gegen die hochhackigen austauschen, sieht man hier im Unterschied zum Opernhaus trotzdem nicht. Die Eleganz in der Tonhalle ist eine diskretere, währschaftere.

Ballkleider wären ja auch fehl am Platz hier, zumindest im Eingangsbereich. Ein wenig ältlich wirkt der, ein wenig improvisiert mit dem CD-Tisch und den kreuz und quer aufgestellten Pla­katen. Aber sonst unauffällig; nichts würde hier darauf hinweisen, dass die Treppen nicht nur in ein Konzerthaus führen, sondern in eine Zeitmaschine.

Auf dem Weg in den grossen oder kleinen Saal absolviert man in dieser Maschine folgende Stationen: das Foyer (1937, Haefeli Moser Steiger). Die klotzige Polstergruppe in der Ecke des Foyers (schwarzes Kunstleder, 90er-Jahre). Die vom Kongresshaus betriebene Restaurationstheke (mit besagtem Kaffee und den oft noch teiltiefgekühlten Wähen – prähistorisch, was das gastrono­mische Konzept angeht).

Die Akustik im grossen Tonhalle-Saal ist hoch gerühmt. Bild: Gaëtan Bally/ Keystone
Die Akustik im grossen Tonhalle-Saal ist hoch gerühmt. Bild: Gaëtan Bally/ Keystone

Und dann kommt man in den grossen Saal, Baujahr 1895, Eröffnung mit Johannes Brahms als Stargast und Dirigenten. Farbenfroh muss dieser Saal damals gewesen sein, man sieht es an den wenigen Flecken, die probehalber bereits zurücksaniert wurden. Der Rest ist grau übermalt, ganz entsprechend der Vision von 1937, die das Opulente dem Sachlichen anpassen wollte. Aber Moment, da gibts ja noch was: Baustellenschein­werfer nämlich, 21. Jahrhundert, an Schienen links und rechts übers Podium gehängt. Ein optischer Affront nicht nur gegenüber dem Kronleuchter.

Baustellenscheinwerfer gegen Kronleuchter

Diese Scheinwerfer sind, wie vieles hier, ein Statement. Seit Jahren machen sie auf den dringenden Sanierungsbedarf aufmerksam, man möchte geradezu vermuten, sie seien bewusst so klobig gewählt worden. Sozusagen als neuester Beitrag zu dem, was ein Chronist 1895 zusammenfasste mit den Worten, «ganz ohne Kampf und Streit» sei dieser Bau nicht zustande gekommen.

Damals war es der Trocadero-Pavillon vor der eigentlichen Tonhalle gewesen, der das Publikum in Fans und Verächter spaltete (1937 wurde er abgerissen). Seither hat man sich immer wieder über Um- und Ausbaupläne gerauft – mit jenem architektonisch schizophrenen Resultat, das sich den Besuchern heute präsentiert.

Hier hat Brahms dirigiert!

Aber seltsam, die Musik stört dieses Flickwerk kein bisschen. Auch mit ihr unternimmt man ja Zeitreisen: Dass jene in die Gegenwart als die abenteuerlichsten gelten, ist eine Besonderheit dieser Kunstform; dass auch solche in die Jahre 1778 oder 1913 direkt ins Hier und Jetzt führen können, eine weitere. Zumindest in den Sternstunden fliessen Vergangenheit und Gegenwart ineinander.

Hier, in diesem Saal, hat Brahms dirigiert! Hier hat Thomas Mann in seinem «Doktor Faustus» jenes Konzert stattfinden lassen, in dem der reale Volkmar Andreae die Brentano-Lieder des fiktiven Adrian Leverkühn aufführt! Mittlerweile steht die Ururenkelgeneration der ersten Solisten auf dem Podium, das Tonhalle-­Orchester hat sich vom lokalen Klangkörper in ein 20-Nationen-Ensemble verwandelt, Elektronik und Slam-Poetry wurden eingemeindet: Aber die Musik packt, berührt (und verärgert manchmal) immer noch.

Tatsächlich, dieser Raum hat es verdient, dass man seine Aura pützelt, seine Geschichte würdigt, in seine Zukunft investiert. Und während die Tonhalle-Habitués dank ihrer raffinierten Technik des als Standing Ovation getarnten Rückzugs bereits ihre Jacken abholen, schaut die Kritikerin noch einmal hoch zur Galerie der Komponisten an der Decke: Sie werden im Unterschied zu den Scheinwerfern auch nach der ­Sanierung noch da sein. Recht haben sie.

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