Die Fussballmisere belastet die Stadtkasse

Der Misserfolg des FC Zürich und die Absenz von GC im internationalen Fussball kosten Zürich Hunderttausende von Franken. Der Grund dafür ist ein neuer Mietvertrag.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit der laufenden Saison 2015/16 haben die Zürcher Fussballclubs FCZ und GC einen neuen Mietvertrag für das Letzi­grund-Stadion. Die Stadt, Besitzerin des Stadions, und die Clubs bezeichnen das Modell als Win­-win-­Situation. Das Prinzip: Der Grundzins liegt mit 500'000 Franken pro Club bedeutend tiefer als im alten Vertrag (870'000 Franken). Dafür wird die Leistungskomponente stark ausgebaut – um das Vier-­ bis Zehnfache. So zahlen die Clubs für ein Gruppenphasenspiel der Europa League neu 100'000 statt 10'000 Franken Extramiete und für ein ­Playoffspiel der Champions ­League 200'000 statt 50'000 Franken. In der nationalen Meisterschaft kommen für die Plätze 1 bis 4 bis zu 300'000 Franken dazu.

Je erfolgreicher ein Verein spielt, desto mehr muss er der Stadt also für die Nutzung des Letzigrund-Stadions abliefern. «Die Stadt kann mehr Einnahmen generieren, und die Clubs müssen nur dann mehr bezahlen, wenn sie erfolgreich sind und zusätzliche Erlöse – etwa Prämien des Schweizer Fussballverbands und der Uefa ­– erzielen können», sagt Hermann Schumacher, Leiter Sportanlagen beim städtischen Sportamt.

Dass die Stadt mehr einnimmt, stimmt vielleicht längerfristig. Zumindest hat sie berechnet, dass sie über die letzten sechs Saisons mit dem neuen Vertrag 3 Prozent mehr eingenommen hätte als mit der alten Regelung. Dieser Befund gründet vor allem auf der Saison 2009/10, als der FCZ die Gruppenphase der Champions League erreichte und Real Madrid, Olympique Marseille und den AC Milan im Letzigrund empfangen durfte. In jener Saison zahlte der FCZ für die Miete 1,27 Millionen Franken. Mit dem neuen Mietmodell wären 2,22 Millionen fällig geworden, weil Heimspiele in der Champions-League-Gruppenphase mit je einer halben Million besonders einschenken.

Zürich verliert halbe Million

Zurzeit bedeutet der neue Vertrag aber eine Lose-­lose­-Situation. So muss der FCZ­-Fan aus sportlicher Sicht leiden und sich als Steuerzahler ärgern. Der FCZ schied im vergangenen August in der Qualifikationsrunde zur Europa League gegen Dinamo Minsk aus und liegt in der Meisterschaft neun Runden vor Saisonende auf Platz 8 von 10 – 11 Verlustpunkte hinter dem auf Platz 4 rangierten FC Sion. Klassiert sich der FCZ also am Ende der Saison auf Rang 5 oder tiefer, zahlt er der Stadt 555'000 Franken Miete. Zum Vergleich: Letzte Saison entrichtete er 900'000 Franken – 345'000 Franken mehr. Auch die Grass­hoppers können in dieser Saison bei der Miete sparen. Allerdings wird die Differenz voraussichtlich kleiner, da sie eine erfolgreichere Saison absolvieren als der Stadtrivale. Bleibt GC, das sich letztes Jahr nicht für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert hatte, auf dem aktuellen Rang 3, werden 675'000 statt 870'000 Franken fällig. Differenz: 195'000 Franken. Macht zusammen 540'000 Franken, die der Stadt entgehen. Erreicht GC Platz 2, sinkt die Differenz auf 465'000 Franken, rutscht es auf Platz 4, betragen die städtischen Mindereinnahmen 565'000 Franken.

In der Stadtkasse werden also Hunderttausende Franken fehlen. Das Defizit der Letzigrund-­Betriebsrechnung erhöht sich mit der Erfolglosigkeit der Zürcher Grossclubs. Immerhin hat sich der FCZ für den Cupfinal qualifiziert. Für den Einzug in dieses Endspiel, das im Letzigrund stattfindet, muss der FCZ übrigens 50'000 Franken an die Stadt zahlen. Aber nicht etwa für die Miete – diese zahlt der Schweizer Fussballverband­, sondern weil im neuen Letzigrund-Vertrag ein erfolgsabhängiger Zuschlag für den Cupfinaleinzug festgehalten wurde. Für die bisherigen Cupspiele hätte der FCZ nicht extra zahlen müssen, da sie in der 500'000­-Franken-­Pauschale inbegriffen sind. So gesehen, ist es für den FCZ doppelt ärgerlich, dass er seine fünf Spiele auswärts bestreiten musste.

Immerhin sind die Aussichten für die Clubs und die Stadt besser als auch schon. Gewinnt der FCZ Ende Mai den Cup und bleiben die Grasshoppers auf den vorderen Rängen klassiert, qualifizieren sich beide Vereine im Sommer für die europäischen Wettbewerbe. Und schlagen sie sich auf dieser Bühne gut, erhalten sie mehr Prämien und zahlen mehr Miete, was einer Win-­Win-­Situation wieder näherkommen könnte.

Für Sicherheit verantwortlich

Im neuen Mietvertrag zwischen der Stadt und den Fussballclubs sind weitere Punkte geändert worden. Einer dürfte die Vereine finanziell entlasten. So sind sie seit letztem Sommer selber für die Sicherheit im Stadioninneren zuständig. Bisher zahlten sie der Stadt dafür jährlich 840'000 Franken. Wie viel sie die Stadionsicherheit heuer kostet, wollen die Clubs nicht sagen. Doch kommentieren sie die Änderung positiv. «Sehr zufrieden» ist der FCZ, wie Sprecher Patrick Lienhart sagt. GC-­Sprecherin Soraya da Fonseca meint, das Modell habe sich «organisatorisch durchaus bewährt». An den Polizeikosten für die Sicherheit ausserhalb des Stadions beteiligen sich der FCZ und GC nach wie vor bis zu einem Kostendach von 500'000 Franken für alle nationalen Spiele zusammen und 200'000 Franken pro internationalem Spiel. Da die Saison noch nicht zu Ende ist, will niemand eine Wasserstandsmeldung abgeben.

Ticketeinnahmen in Stadtkasse

Geändert haben sich im neuen Vertrag auch die Zahlungsmodalitäten. Zur «besseren Sicherung des Mietzinses», wie es im Stadtratsprotokoll heisst, wurde vereinbart, dass die Ticket­einnahmen aus den Tageskassen direkt an die Stadt fliessen. Das habe nicht mit Zahlungsversäumnissen der Clubs zu tun, sondern diene der Effizienz, sagt Hermann Schumacher vom Sportamt.

Weder die Stadt noch die beiden Vereine möchten eine erste Bilanz zum neuen Mietzinsregime ziehen, da es erst seit letztem Sommer gilt. Hermann Schumacher vom Sportamt verweist in einem Nachsatz aber auf die «immense Jugendarbeit», welche die beiden Clubs leisten und spricht von einer «fairen und guten Lösung». Kündbar ist der Vertrag erstmals auf Mitte 2018 – bei Mietzinsverzug, bei einer Fusion oder bei Verfügbarkeit eines neuen Fussballstadions.

Erstellt: 10.04.2016, 23:05 Uhr

Defizitärer Letzigrund

Coldplay entlasten Stadtkasse

Der Betrieb des stadteigenen Stadions Letzigrund ist stets defizitär. Seit der Eröffnung im September 2007 bewegte sich der Aufwandüberschuss zwischen 8,38 und 9,54 Millionen Franken im Jahr. Das grösste Minus fällt nicht zufällig auf das Jahr 2014. Damals fand die Leichtathletik­-EM in Zürich statt, die für einen grösseren Verlust in der Rechnung sorgte, aber auch für die Jahresrekordzahl von 581?600 Zuschauerinnen und Zuschauern.
Dass die Defizite in den Jahren 2011 und 2012 ebenfalls hoch waren, hat mit einem einmaligen Mietzinserlass von je 450?000 Franken für den Grasshopper-Club und den FC Zürich zu tun. Der klamme GC hatte gedroht, einen neuen Standort für seine Heimspiele zu suchen. In dieser Zeit zahlten die Vereine inklusive Sicherheit im Stadion knapp zwei Millionen an die Stadt.

Pro Jahr finden rund 45 Grossveranstaltungen und zwischen 300 und 400 kleinere und mittlere Events im Letzigrund statt, weshalb die Einnahmen von Jahr zu Jahr variieren. Eine Rolle spielen dabei neben Weltklasse Zürich die Grosskonzerte. Maximal vier sind erlaubt, wobei diese Anzahl im laufenden Jahr erstmals erreicht wird (zweimal Coldplay, einmal Beyoncé und Rihanna). Im Budget wird gemäss Hermann Schumacher vom städtischen Sportamt mit zwei Konzerten gerechnet. Die Rockstars wie auch der erstmals seit 80 Jahren in Zürich stattfindende Fussball­-Cupfinal bringen also eine «spürbare Entlastung des Defizits», wie Schumacher sagt. Von den Fussballclubs hingegen sind weniger Einnahmen zu erwarten. Der grösste Ausgabenposten sind die 7,5 Millionen Franken Miete, die das Sportamt von Stadtrat Gerold Lauber (CVP) ans städtische Hochbaudepartement (Gebäude) und ans Tiefbaudepartement (Grünflächen) überweisen muss. Schumacher: «Das Defizit für den Betrieb des Letzigrunds begründet sich im Sportförderungs­auftrag, den das Sportamt von der Politik erhält.» (pu)

Artikel zum Thema

Nefs Ärger über den Penalty für Basel

Der Captain des FC Zürich lobt seine Teamkollegen und hadert mit dem Schiedsrichter. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Sehen so Gewinner aus? Der Britische Premierminister Boris Johnson ist für kreative (Wahl-)Kämpfe bekannt, aber ob er mit Boxhandschuhen den Brexit voran und seine Wähler an die Urnen bringt? (19. November 2019)
(Bild: Frank Augstein/Getty Images) Mehr...