Die Zürcherin, die niemals schläft

Seit drei Monaten harrt Marianne W. auf der Treppe der Predigerkirche aus – bei Regen und Eiseskälte. Wer ist die mysteriöse alte Frau?

Ein Leben auf dem Treppenabsatz: Marianne W. vor dem Eingang zur Predigerkirche. (Foto: Reto Oeschger)

Ein Leben auf dem Treppenabsatz: Marianne W. vor dem Eingang zur Predigerkirche. (Foto: Reto Oeschger)

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Wer an Marianne W. vorbeiläuft, erntet in der Regel ein Lächeln. Rauchend liegt sie auf der obersten Treppenstufe zur Predigerkirche. Es ist die Bühne, auf der sie ihre Armut präsentiert. Seit drei Monaten schon. Auch bei Regen und Eiseskälte, nur in Decken gehüllt. Die alte Frau ist eine von knapp 15 Obdachlosen, die auch den Winter unter freiem Himmel verbringen. Diese Zahl stammt von der SIP – dem städtischen Sicherheitsdienst, der bei seinen Kältepatrouillen die Obdachlosen der Stadt aufsucht.

Sie residiert an einem belebten Ort. Am Tag ist der Predigerplatz von Studenten bevölkert, die draussen vor der Zentralbibliothek eine Pause einschalten. In der Nacht blüht hier das Niederdorfer Nachtleben. Die Leute, die regelmässig hier verkehren, haben sich längst an ihren Anblick gewohnt. Wer ein Vierteljahr auf einer Treppe verharrt, bleibt nicht unbemerkt.

Ihr spärliches Hab und Gut besteht aus ein paar Kerzen, einer Gamelle, einigen Medikamenten, einem kleinen Radio, einer Pflanze, einem Hufeisen, einer Glocke, einem Stein und einer Kafikasse: «Herzlichen Dank» steht auf dem Kartonschild. Den Kaffee trinkt sie meistens im benachbarten Kaffee Zähringer. Meistens dann, wenn es schon dunkel ist. Dann muss Marianne W. jeweils die Treppe verlassen: «Das habe ich der Kirche versprochen.»

Kaffee trinken statt schlafen

In der Nacht geht die Frau nicht etwa ins Obdachlosenheim, sondern auf Beizentour. In jene Lokale im Niederdorf, die bis in die frühen Morgenstunden geöffnet haben. Es beginnt im Zähringer, später ins Odeon und dann immer weiter. Auch der «Türke» gleich ums Eck sei eine gutes Lokal, da es bis um vier Uhr morgens geöffnet habe: «Der Kaffee ist okay», sagt Marianne W. Die Frau führt ein Leben ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne Privatsphäre. Mit dem Schlafen habe sie schon länger aufgehört.

«Hier draussen bin ich mein eigener Chef.» (Foto: Reto Oeschger)

Wenn die Obdachlose ihre Geschichte erzählt, tut sie dies eloquent. Jedoch nicht allzu stringent. Sie stamme aus Hannover, sagt Marianne W. Ihrem Dialekt nach könnte sie auch aus Österreich sein. Sie habe früher als Gemüseverkäuferin gearbeitet. Das kann sie nicht mehr – «nicht mit diesen Händen». Die alte Frau zeigt auf ihre Gelenke: Sie sind von der Gicht befallen. In Deutschland sei sie «mordgefährdet» gewesen und deshalb vor langer Zeit nach Basel geflohen. Zuletzt habe sie bei Freunden in einem Keller gewohnt. Nun auf der Treppe der Predigerkirche. Hier gefalle es ihr recht gut: «Ich bin mein eigener Chef.» Sie zieht das Leben in der Kälte dem Obdachlosenheim vor. «Im Heim wird geklaut», sagt Marianne W..

Obdachlose in Zürich erzählen von ihren Wünschen. (Video: Mirjam Ramseier)

In der Regel suchen sich Obdachlose trockene, windgeschützte Stellen auf – nicht so Marianne W. Ihr derzeitiger Aufenthaltsort ist weder richtig trocken noch sonderlich windgeschützt. Er ist geradezu exponiert. Einige Anwohner zeigen sich solidarisch und bringen ihr regelmässig Kleider, Essen oder ein wenig Geld vorbei. Anderen missfällt ihr Anblick.

Traum des Wohnwagens

«Es sind schon einige Beschwerdebriefe bei uns eingegangen», sagt Catherine Roschi, Sigristin der Predigerkirche. Dies, obwohl die Frau sich kaum von der Stelle rührt und niemandem was zuleide tut. «Die Polizei wollte mich einmal vertreiben», sagt Marianne W. Doch dazu fehlt den Beamten die rechtliche Grundlage. Die reformierte Kirchenpflege hat den Aufenthalt offiziell genehmigt.

Die Frage ist nur, wie lange noch. «Uns ist allen klar, dass das nicht ewig so weitergeht», sagt Sigristin Roschi. Auf Dauer sei es keine Lösung. Während die Kirche abwartet, harrt Marianne W. weiter auf der Treppe aus. Ihr Traum wäre ein eigener Wohnwagen. Die eigenen vier Wände in einem mobilen Gefährt: «Da würde ich mich richtig frei fühlen.»

Erstellt: 01.02.2017, 13:02 Uhr

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