Die Zukunft des Carparkplatzes ist geklärt

Flixbusse statt gemeinnütziger Wohnungsbau: Der Zürcher Stadtrat trifft einen überraschenden Entscheid zur Nutzung der Busstation am Sihlquai.

Soll nun doch saniert werden: Der Carparkplatz hinter dem Zürcher Hauptbahnhof.
Foto: Samuel Schalch

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Der Carparkplatz an der Sihl ist im Grunde ein Unort, ein extrem begehrter Unort. Die Tristesse, die sich den ankommenden Touristen hinter dem Hauptbahnhof bietet, wird durch die äusserst zentrale Lage locker aufgewogen. Weil es sich dabei um eines der letzten innerstädtischen Areale handelt, die noch verbaut werden könnten, weckt die Fläche von 7000 Quadratmetern aber auch Begehrlichkeiten: ein neues Kongresszentrum, Gewerberäume oder ein gemeinnütziges Wohnbauprojekt? Die Brache beflügelte in der Vergangenheit die Fantasie vieler Politikerinnen und Politiker – egal ob links oder rechts.

Diese Träume finden nun ein jähes Ende. Nach Jahren der Unklarheit hat der Zürcher Stadtrat entschieden: Die Busstation Zürich bleibt nicht nur erhalten, sie soll auch noch aufgewertet werden. Folgt der Gemeinderat der Vorlage des Stadtrats, so wird der Standort für mindestens 15 Jahre ein Busterminal bleiben. Damit bestehe in naher Zukunft auch kein Bedarf für eine neue Nutzungsplanung, meint der Stadtrat: «Es ist nicht zwingend, dass die letzten grossen innerstädtischen Areale von der heutigen Generation überbaut werden müssen», sagt Hochbauvorsteher André Odermatt (SP).

Entscheid gegen links-grüne Mehrheit

Keine neue Idee also, für einen Platz, den auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) als «wenig anmächelig» und «nicht sehr prunkvoll» bezeichnet. Die Infrastruktur wurde in den letzten Jahren vernachlässigt, gleichzeitig verkehrten immer mehr Busse auf dem Areal. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Der Stadtrat stellt deshalb einige Sofortmassnahmen in Aussicht: Den Unterstand, der bereits verbessert wurde, Begrünungsmassnahmen und zusätzliche mobile WCs, um die schlechte sanitäre Situation zu verbessern.

Der Entscheid zum Erhalt des Carparkplatzes überrascht insofern, als der Stadtrat im letzten Jahr eine Weisung zur Sanierung der Busstation zurückgezogen hat. Viele werteten dies als Zeichen, dass der Carparkplatz am aktuellen Standort keine Zukunft mehr hat. Die links-grüne Mehrheit stellt sich Folgendes vor: günstige Wohnungen und Gewerberaum, Erdgeschossnutzung und öffentlichen Raum. Der Gemeinderat hat vor zwei Jahren eine entsprechende Motion für eine «quartierverträgliche Entwicklung» überwiesen. Der Stadtrat beantragt dem Gemeinderat nun die Abweisung der Motion – obwohl er die Meinung der Motionäre grundsätzlich teile.

«Eigenmächtiges» Handeln

Urs Helfenstein (SP), Hauptunterzeichner der Motion, ist erstaunt, wie eigenmächtig der Stadtrat in der Causa Carparkplatz gehandelt habe: «Die Bevölkerung wurde von Anfang an aussen vor gelassen. Das ist schon etwas speziell», sagt der Gemeinderat. Der Stadtrat könne dies ausgleichen, indem er die Anwohner wenigstens für die Sanierung miteinbeziehe. Etwas Gutes könne er dem Entscheid jedoch abgewinnen: «Das Kongresszentrum ist damit ein für allemal begraben.»

Im Sommer 2018 wurde zudem die Volksinitiative «Neue Arbeitsplätze anstatt Carparkplätze» eingereicht. Diese basierte auf Plänen einer Gruppe um den früheren Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber (SP), die ein Kongresszentrum auf dem Parkplatz wünschte. Mit dabei waren die Parteien FDP und SVP, Wirtschaftsverbände und Unternehmen, vorab die Hotellerie. Der Stadtrat beantragte, die Initiative für ungültig zu erklären, worauf das Komitee seine Pläne auf Eis legte.

Stadtpräsidentin Mauch bekräftigte heute ihre kritische Haltung: «Der Kongressmarkt stagniert, und ein starker Verdrängungsmarkt findet statt.» Der Stadtrat vertrete die Ansicht, dass die Region Zürich mit der Wiedereröffnung des Kongresshauses am See im Jahr 2021 und dem vor der Eröffnung stehenden Circle am Flughafen gut aufgestellt sei.

Die Carunternehmen sind grösstenteils glücklich über den Entscheid. «Das Terminal am Sihlquai ist genial», sagt ein Sprecher von Walliser Reisen. Dank der zentralen Lage könnten die Reisenden direkt weiterreisen. Einen Verbesserungsvorschlag hätte das Busunternehmen allerdings für die marode Infrastruktur: Der Unterstand für die Reisenden sei zu klein. «Es wäre toll, wenn es ein Café oder einen grösseren Aufenthaltsraum geben würde», sagt der Sprecher. Auch bei Heini Car ist man zufrieden. Die zentrale Lage sei jedoch Fluch wie Segen. «Zu Stosszeiten ist es manchmal schwierig, aus der Stadt herauszukommen», sagt eine Sprecherin.

«Keine gute Visitenkarte»

Der Stadtrat will nun die Infrastruktur des Carparkplatzes längerfristig aufwerten. Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) nennt dafür einen «siebenstelligen Betrag»: «Die Busstation ist zurzeit keine gute Visitenkarte für Zürich.» Aufgrund der geplanten intensiveren Nutzung soll sie saniert und «so quartierverträglich wie möglich» betrieben werden. Genaue Pläne müssten allerdings erst ausgearbeitet werden. Eine entsprechende Weisung werde dem Gemeinderat im ersten Halbjahr 2020 zur Behandlung vorgelegt.

Die Anhänger einer Neunutzung des Carparkplatzes werden damit für mindestens 15 Jahre hingehalten. Was danach geschieht, lässt der Stadtrat offen. Als künftige Alternative für einen neuen Busparkplatz nennt er die Aargauerstrasse oder «einen geeigneten Standort ausserhalb der Stadt».

Die Nüchternheit des Carparkplatzes täuscht im übrigen, seine Geschichte ist bewegt: einst fand darauf eine Landesausstellung statt, in einem Biergarten stillten die Zürcherinnen ihren Durst und die bewegte Jugend, organisierte sich vom Autonomen Jugendzentrum aus, das zu Beginn der 80er-Jahre auf dem Carparkplatz stand.

Erstellt: 19.09.2019, 10:44 Uhr

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