Schwamendingen bangt um seinen Dorfcharakter

Was in anderen Quartieren in der Stadt bereits passiert ist, steht Schwamendingen bevor: ein grosser Bauboom und eine damit verbundene – zweite – Bevölkerungsexplosion.

Der Zürcher Reformator als Fotosujet: Bis zum 19. November steht Ulrich Zwingli als speziell gestaltete Polyesterfigur auf dem Schwamendingerplatz. Foto: Andrea Zahler

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Heinrich Sulger stellt die drei grossen Steinguttassen auf den Tisch und fragt: «Wollt ihr zum Kaffee Zucker? Oder Milch? Aber doch sicher einen Schnaps?» Es ist halb zehn Uhr morgens, in der Stube des 95-jährigen Bauern in Schwamendingen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur eines weist auf die heutige Zeit hin: das Telefon mit Display. In der einen Ecke dagegen thront ein immenser Kachelofen, der im Winter wohl das ganze Haus mit wohliger Wärme versorgt, in der zweiten steht ein eingebautes Buffet aus alten Zeiten. Und wir sitzen in der dritten Ecke am Tisch und trinken den Kaffee, der mit Instantpulver angerührt ist. Ohne Schnaps.

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Gemeinderatspräsident Heinz Schatt (SVP), der selber in Schwamendingen wohnt, hat den Journalisten auf dem Spaziergang durchs Quartier als Erstes zu seinem Bekannten Heiri mitgenommen. Sulgers Haus an der Hüttenkopfstrasse liegt auf halbem Weg hinauf zum Restaurant Ziegelhütte, dem einzigen Lokal im Quartier, das auch den trendbewussten Zürchern in der Innenstadt ein Begriff ist. Das Bauernhaus steht an traumhafter Lage: unverbaubar mitten im Grünen. Mit Sicht hinunter auf die Ebene, die heute zugebaut ist.

Wir sehen zum Beispiel die Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz. Das Land, das gehörte ursprünglich der Familie Sulger. Vater Sulger verkaufte es 1938 an die Stadt. Sohn Heinrich erinnert sich: «Da kam eines Tages so ein Gauner von der Stadt, ein Doktor jur. mit einem Zwicker auf der Nase – man musste aufpassen, was man sagte.» Der habe von Expropriation gesprochen. Von Zwangsenteignung also. Sein Vater verkaufte schliesslich – für 1.50 Franken der Quadratmeter. Das Geld für das gute Stück Ackerbauland steckte er in sein erstes «Traktörli». Das machte das Arbeiten immerhin etwas einfacher.

Von 3000 auf 35'000 Leute

Heinrich Sulger und seine Familie stehen stellvertretend für viele Bauernfamilien im Quartier. Die Sulgers jedenfalls sind durch Landverkäufe nicht reich geworden. Doch in dieser Zeit, so in der Mitte des letzten Jahrhunderts, begann der erste grosse Boom in Schwamendingen. Bis 1966 explodierte die Zahl von 3000 Einwohnerinnen und Einwohnern auf 35'000. In dieser Zeit entstanden vor allem zwei Arten von ­Gebäuden: Zum einen bauten Genossenschaften Häuser mit gegen 8000 Wohnungen – darum wird Schwamendingen auch das Quartier der Genossenschaften genannt.

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Zum anderen aber, und das will Schatt seinem Gast in Schwamendingen zeigen, weil das wenig bekannt ist, erstellten Private Aberdutzende von Ein­familienhäusern. Der SVP-Parlamentarier und momentan höchste politische Zürcher führt ihn ins Gebiet beim Eichacker. Was sofort auffällt: Viele der jahrzehntealten Reiheneinfamilienhäuser sind saniert, sie haben neu grosse Glastüren in den ­Garten, eine Winterlaube oder einen Anbau. Vor den Häusern wechseln sich unterschiedliche Hecken mit Holzzäunen oder schmiedeeisernen Gittern ab. Auch die Gärten sind persönlich gestaltet. Ganz im Gegensatz zu den Genossenschaftssiedlungen: dort ist alles uniform. Sehr uniform sogar.

Schwamendingen ist lange Zeit geblieben, was es jahrelang war: ein Stadtzürcher Quartier mit dörflichem Charakter. Doch nun hat wieder ein Wandel eingesetzt. So hat der ZVV zum Beispiel die Ticketeria auf dem Schwamedingerplatz geschlossen, das Kreisbüro befindet sich in Oerlikon. Solche Entwicklungen bereiten Schwamendingern Sorge. Quartiervereinspräsidentin Maya Burri fürchtet, dass auch die Post irgendwann schliessen könnte. «Wir verlieren so den Service public in unserem Zentrum.» Damit, so fürchtet sie, gehe der Begegnungsraum auf dem Platz verloren. Es ist aber nicht das einzige Problem, das einem Zwingli den Hut lupfen könnte, wie sie sagt. Es drohen nach den Südanflügen morgens und abends nun auch Südstarts tagsüber.

56 Prozent Wachstum

Zudem werde sich das dörfliche Quartier in den nächsten Jahren massiv verändern, sagt Burri. Denn Schwamendingen ist ein Entwicklungsgebiet: Hier soll ein grosser Teil des vorausgesagten Bevölkerungswachstums im Kanton aufgefangen werden. Allein das Schwamendinger Quartier Hirzenbach soll bis 2030 um 56 Prozent auf 18'600 Einwohnerinnen und Einwohner anwachsen. Führend dabei werden die Genossenschaften sein, die bereits einen Teil ihrer alten Häuser ersetzt haben. Burri weiss, hier wird es Verlierer geben. «Auch wenn die neuen Wohnungen vergleichsweise günstig sind, einige Leute werden sich diese nicht mehr leisten können.»

Freiräume retten

Eine andere Befürchtung hat Michael Eidenbenz, der seit 13 Jahren in Schwamendingen lebt und sich dort im Vereins- und Kulturleben engagiert. Der Architekt und Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften liebt das Quartier wegen seiner ungeplanten und unkontrollierten Flächen zwischen den Häusern und Siedlungen. «Die soziale Qualität dieser etwas willkürlich wirkenden Freiräume müssen wir retten, denn sie ermöglichen die Begegnung und den Austausch zwischen den Menschen», sagt er.

Der kommunale Richtplan, der die städtebauliche Entwicklung steuern will, sei eine Reaktion auf das erwartete Bevölkerungswachstum der ganzen Stadt, sagt Eidenbenz. Dass die Verdichtung aber in Quartieren am Rande der Stadt passieren solle, sei vermutlich dem Prinzip des geringsten Widerstands geschuldet. Er ist der Ansicht, dass nicht alle Gebäude abgerissen und neu erstellt werden sollen. «Wir müssen eine Balance finden. Und vielleicht halt etwas basteln.»

Die Preise sind auch bei privaten Liegenschaften gestiegen. Heinz Schatt zeigt im Eichacker ein beidseitig angebautes, kleineres Einfamilienhaus, das für 1,3 Millionen Franken zum Verkauf steht – ein stolzer Preis.

Erstellt: 30.10.2019, 20:15 Uhr

Zwingli-Gsprööch

Am kommenden Samstag, dem 2. November, findet von 9.30 bis 12.30 Uhr das nächste Zwingli-Gsprööch im Festsaal Pflegezentrum Mattenhof an der Helen-Keller-Strasse statt. Titel der Zukunftswerkstatt ist: «Vom Bauernhof zum Trendquartier – Teilhabe am Quartier­leben». Moderation: Paul Krummenacher. Anmeldung unter ZwingliK12@gmx.ch. (zet)

Serie zum Zwinglijahr (Teil 10)

In diesem Herbst tourt Ulrich Zwingli als speziell gestaltete Polyesterfigur durch Zürichs Stadt­kreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Bis zum
19. November steht er auf dem Schwamendingerplatz. (zet)

Infos: www.zwinglistadt.ch

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