Diese Kritzeleien sind amtlich bewilligt

Hunderte Zeichnungen zieren die Wände im Amtshaus am Helvetiaplatz. Dahinter steckt der Künstler Nedko Solakov.

Zeichnet sein typisches Wandwerk bereits seit Ende der 80er-Jahre: Der bulgarische Künstler Nedko Solakov. Foto: Sabina Bobst

Zeichnet sein typisches Wandwerk bereits seit Ende der 80er-Jahre: Der bulgarische Künstler Nedko Solakov. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Plötzlich beginnen die Wände und Gegenstände zu sprechen: «Believe it (or not): I’m your friend» («Glaube es (oder nicht): Ich bin dein Freund»), steht unter der Überwachungskamera im Eingang. Dass er Geheimnisse für sich behalten würde, steht auf einem Aktenschredder. Hinter einem Exit-Schild rennt eine kleine Figur in die andere Richtung. Farbflecken sind plötzlich Geister, Astlöcher erhalten Kinder, und eine Leimspur wird zur Liane für ein fingernagelgrosses Männchen. Hunderte solcher witzigen, skurrilen und manchmal nicht ganz jugendfreien Kritzeleien finden sich neu im wieder instandgesetzten Amtshaus am Helvetiaplatz.

Urheber dieser Werke ist kein unbekannter Vandale, sondern der bulgarische Künstler Nedko Solakov. Er gewann vor drei Jahren den Kunst-am-Bau-Wettbewerb der Stadt Zürich – und hat deshalb ganz legal das Sozialzentrum vollgekritzelt. Letzten Freitag wurden seine «Arbeitsdoodles», wie die Arbeit heisst, eingeweiht.

«Glaube es (oder nicht): Ich bin dein Freund» steht unter der Überwachungskamera am Eingang des Amtshauses. Foto: Sabina Bobst

Leicht hinkend, aber zielstrebig geht Solakov am Eröffnungsabend durch das Gebäude an der Molkenstrasse. Er deutet scheinbar beiläufig auf die Zeichnungen, von denen man viele erst mit einem Hinweis sieht, so klein oder versteckt sind sie. Er kommentiert seine Werke nüchtern, nur manchmal lächelt er. Etwa dann, wenn er über eines seiner liebsten «Arbeitsdoodles» spricht: «Feng Shui oriented cabinet» («Feng Shui-orientierter Schrank») steht über einem weissen, symmetrischen Wandschrank, vor dem ein niedriger Tisch mit einer schlichten Topfpflanze steht. «Es fühlt sich einfach richtig an», antwortet er trocken auf die Frage, weshalb er gerade dieses Doodle besonders möge.

Eine lange Beziehung zu Zürich

Nedko Solakov wurde 1957 in Bulgarien geboren und studierte an der Kunsthochschule in Sofia Wandmalerei. Seit Ende der 80er-Jahre zeichnet er seine typischen Wandwerke, realisiert aber auch grossformatige Skulpturen und Rauminstallationen. Mittlerweile ist er in der Kunstwelt kein Unbekannter mehr: 2007 wurde er an der Kunstbiennale in Venedig ausgezeichnet, 2013 nahm er an der prestigeträchtigen Documenta in Kassel teil, und letztes Jahr zeigte er eine Arbeit an der Art Basel Unlimited.

Nicht immer ganz jugendfrei: Ein weiteres Werk von Nedko Solakov. Foto: Sabina Bobst

Seine Beziehung zu Zürich sei lang, erzählt Solakov: «1992 lebte und arbeitete ich sechs Monate hier, weil ich ein Atelierstipendium gewann.» 13 Jahre später hatte Solakov eine Einzelschau im Kunsthaus mit dem Titel «Leftovers», in der er eigene Werke, die Galerien nicht verkauften, zeigte. Auch Doodles von Solakov gibt es in Zürich bereits: Als er 2016 an einer Gruppenschau im Haus Konstruktiv teilnahm, beschriftete er mehrere Stahlkonstruktionen im 5. Stock des Hauses, die bis heute zu sehen sind.

Kommentare zu unserer Zeit

Die Arbeit im Haus Konstruktiv sei für ihn insofern anders gewesen, als dass die Besucher sich, anders als im Amtshaus, ohnehin schon für Kunst interessieren würden. Sonst sei es für ihn dasselbe gewesen: «Ich betrete das Gebäude und lasse es auf mich wirken.» Dann beginnt Nedko Solakov zu zeichnen, ohne konkreten Plan. Er reagiert auf Flecken, Schatten und Objekte. «Ich erzähle Geschichten in einem Raum», sagt er. Doch einige seiner Doodles gehen tiefer; sie sind auch Kommentare zu unserer Zeit. Etwa der CEO hinter Gittern in der Garage oder besagter Text unterhalb der Überwachungskamera im Eingang.

Man müsse als Künstler auf die Architektur eingehen, findet Solakov. Foto: Sabina Bobst

Bis heute verfolgt Solakov das Mantra eines ehemaligen Professors: «Wenn du als Künstler ein Gebäude betrittst, bist du immer der Zweite. An erster Stelle steht die Architektur, darauf musst du eingehen.»

Doch der Bulgare interagierte im Amtshaus nicht nur mit der Architektur, sondern auch mit den Mitarbeitenden des Sozialzentrums. Ursprünglich sollte er nur die Gemeinschaftsräume gestalten, doch als er den Angestellten seine Werke zeigte, fragten ihn immer mehr, ob er nicht auch in ihrem Büro oder in ihren Gängen zeichnen würde. So kamen letzte Woche zahlreiche weitere «Arbeitsdoodles» hinzu. «Ausser auf einem Stock, da waren die Leute gar nicht begeistert», sagt Solakov amüsiert. Und so schrieb er bei der Stockwerkbezeichnung: «No doodles here, it’s not allowed» («Keine Zeichnungen hier, es ist nicht erlaubt»).

Ursprünglich waren die Zeichnungen Solakovs nur in Gemeinschaftsräumen geplant, doch viele Angestellten wollten auch eine. Foto: Sabina Bobst

Neben den sechs Stockwerken des Sozialzentrums hat Nedko Solakov auch die öffentliche Parkgarage und die Toiletten der Cafébar Campo, die vor einigen Wochen ins Gebäude zog und das italienische Piazza-Feeling in den Kreis 4 brachte, gestaltet. Wer nicht im Sozialzentrum arbeitet oder dort einen Termin hat, der sollte deshalb bei einem Besuch im Café Campo nicht nur einen Kaffee trinken, sondern sich auch genügend Zeit auf der Toilette nehmen.

Erstellt: 07.10.2019, 13:22 Uhr

Artikel zum Thema

Ein erster Blick in den Zürcher «Betonkoloss»

Für 50 Millionen Franken wurde das Amtshaus am Helvetiaplatz saniert. Nun ist es beinahe bezugsbereit. Mehr...

Wo Mickry3 das Stadtbild prägen

Das Kunst-Trio gestaltet grossformatige Skulpturen für den öffentlichen Raum. Fünf Zürcher Werke. Mehr...

Das «Campo» bringt Italianità auf den Helvetiaplatz

Die Crew von Café Lang und La Stanza hat auf dem Helvetiaplatz ein neues Boulevardcafé eröffnet. Jedes Detail der Einrichtung ist instagrammable. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...