Diese Villa verdanken wir den Sowjets

Zwei Männer, zwei Karrieren, der Ostblock, Wodka, Nazis: In diesem Haus in Küsnacht kommt einiges zusammen.

Umstritten: Hans Kollhoffs Tempel für Wasily Anisimow in Küsnacht. Foto: Keystone

Umstritten: Hans Kollhoffs Tempel für Wasily Anisimow in Küsnacht. Foto: Keystone

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Hans Kollhoff kommt unmittelbar nach dem Krieg in einer Kleinstadt in Thüringen zur Welt. Sowjetische Besatzungszone. Kollhoffs Vater ist Grundbesitzer, jetzt Klassenfeind. Anfang der Fünfziger flieht die Familie in den Westen.

5000 Kilometer ostwärts, in Alma-Ata, macht derweil Wasily Anisimow die ersten Schritte. Es ist ein gutes Pflaster für eine Kindheit in der UdSSR: Vom Krieg verschont und begünstigt von Sowjetchef Breschnew, boomt die Hauptstadt der kasachischen Teilrepublik. Der junge Anisimow schreibt sich am neuen Institut für Volkswirtschaft ein.

Kollhoffs Familie hat inzwischen in Karlsruhe eine neue Existenz aufgebaut. Im Bauwesen. Aufträge gibt es in der vom Krieg zerstörten Stadt genug. Der junge Hans arbeitet während der Schulferien auf den Baustellen – und entscheidet sich für ein Architekturstudium. Sein Lehrer ist der Modernist Egon Eiermann, und auch Kollhoffs erste Werke sehen aus wie etwas von Le Corbusier.

Richtige Zeit, richtiger Ort

Anisimow ist Ende der Achtziger in Moskau Direktor eines Metallwarengrossbetriebs. Es ist der richtige Ort zur richtigen Zeit. Als die UdSSR implodiert, wird Russland zum wilden Osten. Für Sowjetkader gibt es zwei Wege, um reich zu werden: Rohstoffe und Banken. Ani- simow beschreitet beide. Er kauft Metall zu staatlich tief gehaltenen Preisen und verkauft teuer auf dem Weltmarkt. 1994 übernimmt er eine Bank, erwirbt Firmen und exportiert Aluminium. Er ist jetzt Oligarch. Auch Kollhoff ist in Position: Als die Mauer fällt, hat er in Berlin einen Lehrstuhl und ein Architekturbüro. Jetzt gibt es zu tun. Weil aber Bauten fürs Stadtzentrum gefragt sind, statt wie bisher für die Peripherie, hat er einen Realitätsschock. Welcher Stil passt hier? Der Modernist wird zum Konservativen: Er besinnt sich aufs 19. Jahrhundert – und steht sofort im Zentrum des grossen Berliner Architekturstreits. «Neuteutonia!», ätzen Kritiker und schwingen die Nazikeule. Kollhoff wehrt sich, gewinnt an Renommee.

2009: Stararchitekt Hans Kollhoff baut an der Goldküste diese Prunkvilla für Oligarch Vasily Anisimow (Bruno Schlatter)

Auch Anisimow hat Ärger: Nach einem Gerichtsstreit mit Konkurrent Michail Chodorkowski gibt er alle Beteiligungen auf und taucht ab. Doch in der Ära Putin wendet sich das Blatt. Chodorkowski landet im Gefängnis, Anisimow zurück an der Konzernspitze. Sein Vermögen verzehnfacht sich. Mit den Milliarden bewahrt er Putin vor einer Blamage, indem er einen politisch ruinierten Wodkakonzern rettet. Obwohl ihn das Geschäft nicht interessiert. Kurz darauf wird er Chef des nationalen Judoverbands. Obwohl er keinerlei Affinität dazu hat. Aber das ist Putins Sport.

Ganz wohl scheint ihm in Russland nicht zu sein: 2007 taucht Anisimow in der Schweiz auf. Er kauft in Küsnacht ein Stück Land und holt als Architekten – Kollhoff. Der ist inzwischen Professor an der ETH Zürich und hat einen Stil, wie ihn Oligarchen mögen. Für Anisimow entwirft er seinen rückwärtsgewandtesten Bau: halb Schloss, halb antiker Tempel. Die Nachbarn finden ihn furchtbar, aber das ist eine andere Geschichte.

GPS-Koordinaten 47.329726, 8.581325.

Diese Zürcher Häusergeschichte ist eine von vielen, die im Rahmen der TA-Kolumne «Bauzone» bereits erschienen sind. Alle zwei Wochen kommt eine dazu. Eine vollständige Übersicht mit allen Texten finden Sie hier auf der interaktiven Karte.

Erstellt: 12.02.2018, 15:48 Uhr

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