Diese Zürcher geben ihr Haus für etwas Grösseres her

Quartierbewohner aus Seebach könnten mit ihren kühnen Plänen zum Vorbild für die Stadtentwicklung werden.

Bereit für unkonventionelle Lösungen: Christian Häberli (2.v.r.) und weitere Bewohner des Grubenacker-Quartiers wollen bei der Verdichtung mitbestimmen. Foto: Dominique Meienberg

Bereit für unkonventionelle Lösungen: Christian Häberli (2.v.r.) und weitere Bewohner des Grubenacker-Quartiers wollen bei der Verdichtung mitbestimmen. Foto: Dominique Meienberg

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Ein paar Hausbesitzer in Seebach – solider Mittelstand allesamt – haben avantgardistische Pläne: Sie wollen ihre Häuser verkaufen, ohne äusseren Zwang, ohne Aussicht auf das grosse Geld. Profitieren würde eine Genossenschaft, die sie gerade selber gegründet haben.

Damit testen sie ein Modell, das zum Vorbild werden könnte für die Verdichtung Zürichs.

Den Anstoss gegeben hat ein gigantisches Bauvorhaben. Entlang der Thurgauerstrasse in Leutschenbach plant Zürich einen neuen Stadtteil. Auf einem halben Kilometer langen Streifen Land – 65'000 Quadratmeter Fläche, die Europaallee hat 78'000 –, wo es heute Schrebergärten und einen riesigen Parkplatz gibt, sollen 1800 Menschen Platz finden. Vorgesehen sind ein Schulhaus, Alterswohnungen, ein Park, dazu drei Türme, bis zu 70 Meter hoch.

Widerstand gegen Hochhaus

Gleich daneben, etwas abgeschottet durch Bahnlinie und Schrebergärten, liegt das Grubenacker-Quartier, eine Arbeitersiedlung aus den 30er-Jahren – bescheidene, zweistöckige Häuser, der Traum vom Eigenheim, bezahlbar gemacht für einfache Leute. Heute leben dort rund 400 Menschen, manche davon seit ihrer Kindheit.

Hier sollen 1800 Menschen Platz finden: Abgeschottet hinter Bahnlinie und Schrebergärten liegt das Grubenacker-Quartier. Bild: Dominique Meienberg.

Die Grubenacker-Bewohner taten, was die meisten Menschen tun, wenn man ihnen ein Hochhaus vor die Terrasse stellen will: Sie gründeten eine IG, drohten mit rechtlichen Schritten, wehrten sich mit gut 200 Einwendungen gegen den Gestaltungsplan.

Doch jetzt hat gut ein Dutzend der Bewohner die Taktik geändert. Im November starteten sie die Genossenschaft Grubenacker. Die Idee dazu habe sich langsam entwickelt, sagt Mitgründer Christian Häberli. Der Einsatz gegen das städtische Projekt habe die Nachbarschaft zusammengebracht. Man traf sich oft, um das gemeinsame Vorgehen zu besprechen und über die Zukunft des Quartiers nachzudenken. Anregungen steuerte die Genossenschaft Nena1 bei.

«Wenn jeder auf seinem Boden in die Höhe baut, entstehen diese schrecklichen Cremeschnitten-Häuser.»Christian Häberli
Grubenacker-Genossenschafter

Christian Häberli, ein promovierter Meteorologe, kennt jede Ecke seines Quartiers. Dort, sagt der 57-Jährige auf einem Rundgang, habe H.R. Giger bis zu seinem Tod gewohnt. Ein paar Häuser weiter veranstaltet ein Profipianist klassische Konzerte, in einer dafür umgebauten Garage.

Manche der Grubenacker-Häuschen haben eine umfassende Renovation nötig. Genossenschaftlich organisiert, lasse sich das besser bewältigen, sagt Häberli. Und vor allem gerate das Quartier durch das Projekt Thurgauerstrasse unter Druck. «Türme neben Einfamilienhäusern; das passt nicht zusammen.» Die Stadt hat den Grubenacker zum Verdichtungsgebiet erklärt. Sie will aufzonen, bis zu fünf Stockwerke hohe Häuser erlauben.

Das Problem dabei: Fast alle Grundstücke gehören Einzelpersonen. Mehr als zwei, drei Parzellen besitze keiner, sagt Christian Häberli. «Wenn jeder auf seinem Boden in die Höhe baut, entstehen diese schrecklichen Cremeschnitten-Häuser.» Dazu bestehe das Risiko, dass Firmen Land erwerben und «reine Renditeprojekte hinstellten».

Gemeinsam Land sammeln

Beides soll die Genossenschaft verhindern. Ihr Auftrag lautet: Grundstücke kaufen und zusammenlegen. Möglichst viel Land soll sie sammeln, um darauf grössere Projekte zu bauen – mit «moderater Verdichtung», wie Häberli sagt. Damit behalten die Quartierbewohner die Kontrolle. Und machen eine zusammenhängende Entwicklung ihrer Umgebung möglich.

Der Preis dafür: Verzicht auf Haus und Garten. Von den Gründungsmitgliedern schrecke das niemanden ab, sagt Häberli. Die Ziele reichen über den Grubenacker hinaus. Beim Grossprojekt Thurgauerstrasse wird die Stadt mehrere Baufelder an Genossenschaften vergeben. «Wir werden uns sicher bewerben», sagt Häberli. Niemand als die Anwohner wisse besser, was das Quartier brauche. Einen Treffpunkt zum Beispiel. Obwohl in Leutschenbach während der letzten Jahren grosse neue Siedlungen entstanden sind, fehle ein solcher Ort.

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Das gleiche Problem wie im Grubenacker stellt sich in vielen Quartieren, die die Stadt zu Entwicklungsgebieten erkoren hat. Wo Zürich wachsen soll, funktioniert das durch «Verdichten nach innen». Sind die Eigentumsverhältnisse jedoch verzettelt, können die Behörden die Entwicklung kaum steuern. Alle bauen für sich, oder nicht. So entsteht kaum eine geordnete Stadt.

Anders sieht es aus, wenn sich die Eigentümer zusammentun. «Das gemeinsame Vorgehen ist ein guter Weg», sagt eine Sprecherin des Hochbaudepartements. «Es vergrössert die Spielräume für eine qualitätsvolle Verdichtung.» Der Verband der Zürcher Genossenschaften spricht von einem «einzigartigen, interessanten Modell».

Schlecht behandelt gefühlt

Die Genossenschaftsgründung half auch, das Verhältnis zur Stadt zu verbessern. Lange fühlten sich die Bewohner von oben herab behandelt. Die IG forderte den Gemeinderat auf, die Pläne der Stadt abzuschmettern.

Seither hat die Stadt ihren Gestaltungsplan angepasst und etwas Dichte rausgenommen – wie von der IG gefordert. Wichtige Vorbehalte wie gegen den Schattenwurf der Hochhäuser blieben aber bestehen, sagt Häberli.

Nach dem Rundgang treffen sich ein paar Neo-Genossenschaftler im Häuschen einer Mitgründerin. Es besteht Skepsis gegenüber den «übermächtigen» Behörden. Gleichzeitig macht sich die Lust breit, selber mitzugestalten. Workshops mit der Stadt stehen an. Anregungen aus dem Quartier könnten «Eingang in die Wettbewerbsprogramme finden», heisst es beim Hochbaudepartement.

«Wir müssen weitere Mitglieder gewinnen.»Christian Häberli
Grubenacker-Genossenschafter

Momentan berät die Baukommission des Gemeinderats den Gestaltungsplan. In der zweiten Jahreshälfte 2019 wird das Parlament die Dimensionen des Projekts festlegen. Ab 2020 sollen das Schulhaus und der Park entstehen, ab 2023 der Rest.

Die Genossenschaft lässt sich mehr Zeit. Ihre Häuser werden vielleicht erst in 20 bis 30 Jahren fertig sein. «Zuerst müssen wir weitere Mitglieder gewinnen», sagt Christian Häberli. Im neuen Jahr werde man im Quartier auf die Genossenschaft aufmerksam machen. Avantgardistisch zu sein, gibt viel zu tun.

Erstellt: 31.12.2018, 07:30 Uhr

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