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Was Angestellte zum Schiffsfünfliber sagen

Der Zuschlag auf dem Zürichsee trifft sie besonders hart: Das Schiffspersonal.

Die Aussicht ist traumhaft, die Innensicht weniger: Der Umsatz sei eingebrochen, beklagen Mitarbeiter. Fotos: Dominique Meienberg
Die Aussicht ist traumhaft, die Innensicht weniger: Der Umsatz sei eingebrochen, beklagen Mitarbeiter. Fotos: Dominique Meienberg

Wer kann der Schönheit des Zürichsees schon widerstehen. Dieser malerische Anblick, der sich von der Quaibrücke ergibt; das stechende Blau des Wassers, die leuchtend-weissen Berge im Hintergrund, die vergnügten Flaneure, die das Ufer säumen. Selbst Hobbyfotografen mit zittriger Hand gelingen hier noch Bilder auf Postkarten-Niveau. Mag das Wetter auch mal ein Sauhund sein: Der Zürichsee bleibt ein Touristenmagnet.

Der Stadtrat weiss um seinen Wert. Deshalb wird die Planung um das Seebecken sorgsam in einem 36 Seiten dicken Leitbild verschriftlicht: Als «wichtigster Freiraum», als «imagebildende Visitenkarte» wird der See gerühmt. Die Zürcher und ihr See: das ist eine Beziehung aus Leidenschaft. Sie basiert auf Schönheit und wirtschaftlichem Nutzen.

Seit diesem Jahr ist die Harmonie allerdings gestört. Der Bruch kam mit dem Schiffsfünfliber. Dieser Transportzuschlag, der die Leute wahlweise verärgert, irritiert oder gar verängstigt – je nachdem, mit wem man gerade spricht. Die Zürcher Schifffahrt leidet seit dessen Einführung Anfang Jahr. Auch an einem sonnig-warmen Herbsttag wie heute, an dem die Passagiere beim Bürkliplatz eigentlich Schlange stehen müssten.

Das tun sie nicht. Nicht, seit es den unheilbringenden Zuschlag gibt.

Markiert: Ein Sticker weist auf den Schiffszuschlag hin.
Markiert: Ein Sticker weist auf den Schiffszuschlag hin.

Der Kapitän

Der Kapitän der Säntis (Baujahr: 1958, Antrieb: 1 Schraube, Personenkapazität: 300) steht am Ufer und begrüsst jeden Passagier einzeln: «Willkommen, welcome, benvenuto!» Seine Freundlichkeit wirkt ansteckend. Gegerbtes Seemannsgesicht, strahlendes Lachen, das die asiatischen Touristinnen zum Kichern bringt. Beinahe scheint die Harmonie wieder hergestellt. Alles wunderbar an diesem Postkarten-Tag? «Schön wärs», sagt der Kapitän. Sein Passagierzähler zeigt kurz vor Abfahrt auf 46. «Bis vor einem Jahr wären es bei gleichen Bedingungen 200 gewesen.» Er seufzt: «Dieser Schiffsfünfliber, er ist schuld!»

Der treue Fahrgast

Die Nummer 46 auf dem Passagierzähler gehört zu Robert Kuster. Der Rentner bezeichnet sich als Seebuben, obwohl er weder am Wasser wohnt, noch in Zürich aufgewachsen ist. Vor 50 Jahren fand der Luzerner «durch die Liebe» in die Stadt. Seither fährt er mehrmals wöchentlich Schiff. Den Entscheid für den Schiffsfünfliber kann er nicht nachvollziehen. «Eine typische Bünzli-Massnahme», sagt er. Auf kleinkarierte Weise wolle man Geld verlangen, an Orten, wo es nichts zu holen gebe. «Logisch, vertreibt das Kundschaft. Der Konsument reagiert sensibel.» Trotz Aufpreis will er der Schifffahrt treu bleiben. «Wenn wir jetzt geizig werden, dann trifft es die Falschen: das Personal.»

Ganz weg sind sie nicht: Passagiere auf einem Kursschiff.
Ganz weg sind sie nicht: Passagiere auf einem Kursschiff.

Die Deckchefin

Halb entschuldigend verlangt die Deckchefin die fünf Franken für den Aufschlag: «Ist schon ein Seich mit diesem Schiffsfünfliber.» Seine Einführung habe auf Deck die Stimmung getrübt. Passagiere, die sich weigerten, die fünf Franken zu entrichten, gebe es regelmässig. «Sie verteilen mir Schlötterlig, kommen mir frech.» Sie habe sich inzwischen daran gewöhnt und gelernt, Ruhe zu bewahren. Habe sie es mal wieder mit einem störrischen Passagier zu tun, schaue sie diesem tief in die Augen und sage: «Ich muss das jetzt tun. Also bitte . . .» Ehrlich, aber bestimmt: das wirke meistens.

Der Servicemitarbeiter

Im Restaurant schöpft der Servicemitarbeiter gerade Gulasch in einen Teller. Die zweite Portion an diesem Donnerstag, dabei ist es schon fast 13 Uhr. «Die Umsätze sind mit dem Schiffsfünfliber um 30 bis 40 Prozent eingebrochen», sagt der Kellner. Die Konsequenzen sind schon jetzt spürbar: Mehrere seiner Arbeitskollegen wurden entlassen. «Es war mein erster Job in der Schweiz, und ich hoffe, es wird mein letzter sein.» Er habe immer gerne für das Unternehmen gearbeitet. Die Anstellung auf dem schönen Zürichsee: Das habe ihn damals als Einwanderer mit grossem Stolz erfüllt. Zurzeit gehe er aber jeden Abend mit einem schlechten Gefühl nach Hause. «Ich frage mich ständig, ob ich der Nächste bin, der ins Personalbüro zitiert wird.»

Perfektes Wetter auf dem Zürichseee.
Perfektes Wetter auf dem Zürichseee.

Der Schiffsfünfliber, dank dem 3 Millionen Franken in die Kantonskasse fliessen sollen, hat dem Personal auf den Zürichsee-Schiffen jedenfalls nichts Gutes gebracht.

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