Dieser Zwingli hat den Kopf verloren

Die Zwingli-Figur im Seefeld ist plötzlich kopflos. Das ist Anlass für wilde Spekulationen.

Etwas fehlt: Wie soll er nur das Buch lesen? Bild: PD/smartcut consulting AG

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Weshalb lupft es Zwingli den Hut? Das ist die Frage, welche die verschiedenen Figuren des Reformators, die in diesen Wochen nach und nach in den Zürcher Stadtkreisen auftauchten und noch auftauchen, in den Raum stellen. Der eine Zwingli ist dabei etwas über das Ziel hinausgeschossen. Derjenige im Seefeld verlor gleich noch den Kopf dazu.

Es war Sonntagmorgen, als Passanten es entdeckten: Der blaue Zwingli stand vor dem Freien Gymnasium, ein Buch in der Hand, doch ohne Kopf. Dieser lag etwas weiter weg im Strassengraben. Die Gerüchte schossen sogleich ins Kraut. Ein Anschlag von Islamisten!? Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, Initiant des Projektes Zwinglistadt, war verblüfft. «Es ist erstaunlich, dass manche Menschen gleich einen solchen Verdacht hegen.»

Ein Fest lief aus dem Ruder

Sigrist kam bald zu Ohren, dass es am Abend zuvor ein wohl ziemlich spontanes Fest zu Füssen Zwinglis gegeben habe, das etwas aus dem Ruder gelaufen sei. Dabei ist es wohl passiert. Das eigentlich Rätselhafte aber ist: Der Kopf, den einige gegen Mittag noch da liegen sahen, war mittlerweile spurlos verschwunden.

Er müsse Strafanzeige erstatten, rieten ihm Menschen, welche die Schandtat an dem Kunststoff-Zwingli erzürnte. Sigrist machte sich lieber Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Ereignisses.

Affinität zu Kopflosen

Tatsächlich hat ja das Grossmünster eine Affinität zu kopflosen Menschen. Was heisst das Grossmünster? Ganz Zürich. Jahrhundertelang zierten die kopflosen Stadtheiligen Felix und Regula die Münzen und Siegel des alten Zürich. Später gesellte sich noch ihr Diener Exuperantius dazu – ebenfalls kopflos.

Den Kopf verloren sie nach der Legende dort, wo die Wasserkirche heute steht, weil die koptischen Christen den römischen Kaiser nicht als Gott verehren wollten. Mit dem Kopf unter dem Arm marschierten sie noch vierzig Schritte, bevor sie tot umfielen – dort, wo heute das Grossmünster steht.

Nun hat es Zwingli ihnen quasi gleichgetan. Denn auch er wird, so der Plan, in den nächsten Wochen auf dem Balkon beim Grossmünster stehen. Kopflos. Unter den anderen beköpften Zwinglis, die nach und nach aus den Quartieren ins Herz der Stadt zurückkehren, wo sie am 6. Dezember versteigert werden.

«Unsinn!», würde der Zwingli aus Fleisch und Blut gesagt haben. «Unsinn, diese Geschichte mit den kopflosen Stadtheiligen.» «Macht durchaus Sinn», findet dagegen Christoph Sigrist. Macht Sinn, dass Zwingli es ihnen gleichtut. Zumal der kopflose Zwingli ausgerechnet den Humanismus repräsentiert.

«Wer bisweilen den Kopf unter dem Arm trägt, hat den Verstand nahe beim Herzen.» Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist

Der Prediger in ihm mag solche Geschichten. «Wer bisweilen den Kopf unter dem Arm trägt, hat den Verstand nahe beim Herzen», sagt er. Und das «verständige Herzauge» sehe hinter die Fassaden und entdecke dort zuweilen helle Köpfe, wo andere nur Schreihälse hören. «Weil es mit den Augen Gottes zu sehen vermag.»

Der kopflose Humanisten-Zwingli weise deshalb auf ein in unserem humanistischen Erbe von Vernunft und Verstand eingelagertes Mysterium der Zwingli-Stadt hin: «Angesichts von Kirche, Politik, Wirtschaft und Bildung kann ich manchmal erst dann Verstand und Durchblick gewinnen, wenn ich Kopf und Kragen riskiert und beides verloren habe.»

Wo ist der Kopf?

Ob das in Zwinglis Geist ist? Oder ihm den Hut lupfen würde? Wobei sich die Frage stellt: Welchen Hut soll es ihm lupfen so ganz ohne Kopf? Damit sind wir beim nächsten Punkt: Wo ist der Kopf?

Der Humanismus-Zwingli mit Kopf. Bild: Urs Jaudas

Grausig erinnert man sich an die Geschichte, dass Zwinglis Leichnam nach dessen Tod in der Schlacht bei Kappel zerstückelt und als Trophäe an die siegreichen Parteien verteilt worden sei. Wird auch dieser Kopf irgendwo als Trophäe für dummdreisten Vandalismus aufbewahrt?

Sigrist macht einen Vorschlag zur Güte. Wer Zwinglis Kopf gefunden und an sich genommen hat, soll ihn doch im Grossmünster unter dem Bild von Felix und Regula hinlegen. Als Finderlohn winkt eine Führung durch das Grossmünster, bei der es um das Geheimnis des Glaubens ginge. Mit und ohne Kopf.

Erstellt: 07.10.2019, 17:00 Uhr

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