Dieses Zürcher Schulhaus schreibt Geschichte

Die Schulraumplanung der Stadt Zürich hat einen katastrophalen Ruf. Ausgerechnet beim viel kritisierten Schulhaus Freilager sind aber Fortschritte zu erkennen.

Die Räume im Schulhaus Freilager sollen flexibel genutzt werden können, je nach Anzahl Schülerinnen und Schülern. Visualisierung: Blink Design

Die Räume im Schulhaus Freilager sollen flexibel genutzt werden können, je nach Anzahl Schülerinnen und Schülern. Visualisierung: Blink Design

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Schulraumplanung ist in der Stadt Zürich ein Reizwort. Von Katastrophe und schlecht prognostizierten Schülerzahlen ist die Rede, weil Schulanlagen mit Züri-Modular-Pavillons erweitert und Schulhäuser zu klein geplant werden. Die Liste politischer Vorstösse dazu ist lang.

Das ist beim Schulhaus Freilager nicht anders, über dessen 63-Millionen-Kredit Zürich am 19. Mai abstimmt. Der Bau für 18 Klassen, 2022 bezugsbereit, biete zu wenig Platz für das Neubaugebiet Letzi in Albisrieden und Altstetten, monieren die Kritikerinnen, zu denen etwa die Grünen gehören. Auch, weil bereits Platz für die Erweiterung mit Züri-Modular-Pavillons ausgespart werde. Die Parlamentarier sagten dennoch Ja zum Bau, froh um jeden Quadratmeter Schulraum mehr.

Am Freilager lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie komplex die Schulraumplanung ist, wo die Stadt Fehler gemacht hat, aber auch, welche Lehren sie aus dieser Planung gezogen hat.

Vorwürfe in Bezug auf die Fehlplanung zielen unter anderem auf das Schulamt. Es arbeitet mit einem komplexen Prognosetool. Marcel Handler, Leiter Bereich Infrastruktur, argumentiert deshalb mit den Schülerzahlen, die in den vergangenen fünf Jahren in der Stadt um 4700 Kinder gestiegen sind. Diese Zunahme stelle alle Beteiligten vor grosse Herausforderungen.

«Sünde der Stadtplanung»

Das Wachstum im Schulkreis Letzi ist überdurchschnittlich gross. In der ganzen Stadt steigen die Zahlen bis 2025/26 im Vergleich zu 2017/18 im Schnitt um 21 Prozent – im Schulkreis Letzi um 31 Prozent, das sind 68 neue Klassen. Marcel Handler sagt: «Das Schulhaus Freilager ist nicht zu klein, es kann aber nur den Bedarf im unmittelbaren Einzugsgebiet der Schule abdecken.» Man habe das betroffene Quartier über Gründe und Massnahmen informiert.

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Klar ist: Ein Schulhaus quasi auf Vorrat zu bauen, wie etwa im Fall des Grosskomplexes Im Birch in Neu-Oerlikon, hat sich nicht bewährt. Heute plant man kleinere Quartierschulen und reizt dabei das sinnvolle Nutzungspotenzial der Bauparzelle aus, möglichst mit Reserven.

Ausschlaggebend für die Schülerzahlprognosen ist in erster Linie der Wohnbau. Er lässt sich gut einschätzen. Im Schulkreis Letzi haben sich die Überbauung Freilager und andere Bauvorhaben aber kumuliert. Schwieriger vorherzusehen ist, wie viele Kinder geboren werden und wie viele Familien wegziehen. Hinzu kommen die frühere Einschulung und der Platzbedarf für die schul­ergänzende Betreuung.

Für die Schulanlage Freilager begannen die ersten Planungsschritte vor elf Jahren, als die Schülerzahlprognosen noch tiefer und flächendeckende Tagesschulen noch kein Thema waren. Die Wahl für den Standort fiel auf das Familiengartenareal am Südwestrand des Freilager-Areals. Ein Fehler aus der frühen Planungsphase, der sich nicht mehr korrigieren liess, wie SP-Gemeinderat Jean-Daniel Strub sagt. «Man hätte auf dem Areal frühzeitig einen zentralen Standort für die Schule sichern müssen.» Walter Angst (AL) spricht in diesem Zusammenhang von einer «Sünde der Stadtplanung».

2012 konkretisierte der Stadtrat die Planung. Ein Standort auf dem Koch-Areal, wie ihn die GLP forderte, war nicht mehr möglich. Wegen der früheren Umzonung der Familiengärten in Bauland priorisierte die Stadt das Projekt, der Bezug ist nun ein Jahr früher als geplant.

Im Bürogebäude zur Schule

Die Stadt passte das Raumprogramm im Freilager den höheren Schülerzahlen an: drei Klassenzimmer mehr, Platz für die Tagesschule und statt einer Einfach- eine Doppelturnhalle sowie eine Schulschwimmanlage.

Der politische Druck nach weiteren Lösungen fürs Quartier blieb dennoch hoch. SVP-Gemeinderat Roger Bartholdi sagt: «Im Quartier Letzi ist die Stadt das Problem nie langfristig angegangen.» Seine Partei regte eine Gesamtplanung für den Schulkreis an und stimmte dem Freilager nur zu, weil ihre Motion für den Neubau der Schule Utogrund mit höherer Kapazität eine Mehrheit fand. Diese und jene der Anlagen Triemli / In der Ey sowie eine Vergrösserung der Primarschule Kappeli sind nun vorgesehen.

Weil die zeitliche Umsetzung aller Massnahmen im Schulkreis Letzi nicht sicher war, verstärkte die Stadt die Anstrengungen, schneller zusätzlichen Schulraum zu schaffen. Dabei sind auch unkonventionelle Lösungen angedacht, etwa ein Bustransport in andere Schulen. Im Schulkreis Letzi wird die Nutzung eines Bürogebäudes geprüft. Diese «Sofortmassnahmen» begrüsst FDP-Gemeinderat Christian Huser. «So können langwierige Planungsprozesse verkürzt werden.»

Die Politiker forderten im Zug der Freilager-Diskussion erfolgreich Änderungen. Seit 2018 koordiniert und berät die Delegation Schule mit den Vorstehern des Schul-, Hoch- und Finanzdepartements die Schulraumplanung. Der Investitionsplafond für Schulbau ist ab 2021 jährlich 50 Millionen Franken höher. GLP-Fraktionspräsidentin Isabel Garcia sagt: «Diese Schritte zeigen: Bei der Stadt hat auf Druck des Parlaments ein Prozess stattgefunden.» Jean-Daniel Strub lobt die bessere Qualität der Schülerzahlprognosen.

Standardschulhaus gefordert

Dennoch sehen die Politiker noch Handlungsspielraum. Walter Angst fordert, private Investoren für einen Schulhausbau in die Pflicht zu nehmen. So müsse ein Fehler, wie ihn die Stadt beim Freilager gemacht habe, nicht nach zehn Jahren ausgemerzt werden. Auch baulich sind Fortschritte gefordert.

Roger Bartholdi plädiert für flexiblere, abbaubare Bauten, Christian Huser (FDP) für ein Standardschulhaus. Das ist für die Schulraumplanung bislang kein Thema. Marcel Handler sagt: «Schulanlagen sollen Identifikationspunkte im Quartier sein und müssen die Anforderungen des Standorts erfüllen. Das kann ein Standardschulhaus nicht leisten.» An den Pavillons hält die Stadt weiterhin fest. Im Freilager sei zwar ein Standort für einen solchen vorgesehen. Es sei aber keiner geplant.


Ort der Volksgesundheit

Foto: Doris Fanconi

Das Schulhaus Hirschengraben ist typisch für das Ende des 19. Jahrhunderts. Massig, mit langen Fluren und aneinandergereihten Zimmern spiegelt der Bau den Anspruch nach Disziplin und Volksgesundheit. Das Gebäude war eines der ersten mit Warmwasser und Zentralheizung. (ema)



Altersgerechte Schule

Foto: PD

In der Nachkriegszeit baute die Stadt grossräumige Schulen mit altersgerechten, pavillonartigen Schulhaustypen auf der grünen Wiese. Das Kindswohl stand über der Repräsentation. Den ersten grösseren Bau der Art realisierte Zürich mit dem Schulhaus Probstei in Schwamendingen. (ema)



Moderner Schulkomplex

Foto: PD

2004 wurde das grösste Zürcher Schulhaus Im Birch für das Neubauquartier Neu-Oerlikon fertig­gestellt. Architektonisch gilt der flexible und transparente Bau als Leuchtturm, doch aus Sicht der Schulraumplanung gilt der Komplex für 650 Schülerinnen und Schüler als zu gross. (ema)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2019, 10:57 Uhr

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