«Draussen wäre Brian ein anderer»

Ist Brian alias Carlos eine Gefahr für die Bevölkerung? Oder ist sein Verhalten eine Reaktion auf eine unmenschliche Justiz? Das Bezirksgericht Dielsdorf steht vor einem schwierigen Entscheid.

Carlos – respektive Brian, wie er eigentlich heisst – ist nicht vor Gericht erschienen: Der Staatsanwalt hält sein Plädoyer. Illustration: Robert Honegger

Carlos – respektive Brian, wie er eigentlich heisst – ist nicht vor Gericht erschienen: Der Staatsanwalt hält sein Plädoyer. Illustration: Robert Honegger

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Er hat es wieder getan, wieder und wieder und wieder hat er im Gefängnis auf Versuche, ihn zu disziplinieren, mit Gewalt reagiert. Meist verbal, aber manchmal auch mit Schlägen und Tritten. So jedenfalls steht es in der Anklageschrift. Die Rede ist vom heute 24-Jährigen Mann, den die Schweiz vor gut sechs Jahren unter dem Pseudonym Carlos kennen gelernt hat.

Diesen Namen will er nicht mehr tragen: Er heisse Brian, gab er letzte Woche gegenüber dem Schweizer Fernsehen bekannt. Man hätte gestern vor Gericht gern erfahren, warum er seinen Namen plötzlich bekannt gemacht hat. Man hätte gern seine Version der Geschichte gehört. Was er sagt zu dem, was ihm der Staatsanwalt vorwirft: versuchte schwere Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Sachbeschädigung und vieles mehr – 19 Vorfälle, mutmasslich geschehen im Gefängnis.

Doch Brian erschien nicht. Weder ein Sondereinsatzkommando noch der Richter persönlich konnten ihn dazu bewegen, seine Zelle in der Strafanstalt Pöschwies zu verlassen. «Das wäre nur mit massiver Gewalt möglich gewesen», sagte der Richter. «Das wollten wir nicht.» Der Verteidiger hatte zuvor ein Gesuch um Dispensation gestellt. Brian gehe es nach mehr als einem Jahr Isolationshaft miserabel, er habe vor der Verhandlung «panische Angst».

Er sieht sich als Boss, als King Brian

Angst? Brian? Nimmt man das Bild als Messlatte, das der Staatsanwalt und der forensische Gutachter gestern zeichneten, ist das nur schwer vorstellbar.

Der Gutachter beschrieb den Angeklagten als Menschen, der ein völlig überhöhtes Selbstbild habe, der sich als Boss, als Kämpfer, als King Brian sehe: «Wankt dieses Bild, besteht die Gefahr, dass er psychotisch reagiert.» Das Risiko weiterer Gewalttaten sei sehr hoch – und der Strafvollzug verschärfe dieses eher noch. Zwar sei Brian theoretisch therapiefähig, faktisch aber verweigere er jede Behandlung – und die Chance, dass eine solche erfolgreich sei, sei ohnehin winzig: «Man müsste immer wieder mit Rückfällen rechnen.»

Geht es nach dem Staatsanwalt, sollen solche Rückfälle möglichst ausgeschlossen werden. Er verlangte eine Strafe von siebeneinhalb Jahren mit anschliessender Verwahrung: «Brian ist mit seinem Verhalten an einem Punkt angelangt, an dem es keinen anderen Weg mehr gibt. Selbst hinter Gittern ist so viel Personal nötig und so hohe Sicherheitsmassnahmen wie sonst nie in der Schweiz. Wird er frei gelassen, ist er eine ernste Gefahr für die Bevölkerung.»

In drastischen Worten schilderte der Staatsanwalt den Hauptvorwurf, die versuchte schwere Körperverletzung. Brian sei ausgerastet, als man ihm in der Pöschwies eröffnet habe, er müsse die letzten zwei Monate seiner Haft in der Sicherheits­abteilung verbringen, weil man befürchte, andere Häftlinge wollten ihm etwas antun. Darauf habe er sich auf einen Aufseher gestürzt und diesem «mit rücksichtsloser Brutalität» gezielte Faustschläge gegen den Kopf verpasst: «Der Mann hatte tausend Schutzengel.»

Ganz anders klingt derselbe Vorfall aus dem Mund des Verteidigers. So, wie es in der Anklageschrift stehe, könne sich die Sache nicht zugetragen haben. Nur schon die Verletzungen des Angegriffenen – oberflächliche Prellungen – passten nicht dazu. Ausserdem hätten während des Gesprächs sechs Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung vor der Tür gestanden: «Und gemäss ihren eigenen Aussagen waren sie innert Sekunden im Raum, als Brian laut wurde.»

In den ersten Befragungen habe keiner dieser Männer ausgesagt, er habe Schläge gegen das angebliche Opfer gesehen – später aber erklärten alle «in fast identischen Worten», Brian hätte sein Opfer totgeschlagen, wären sie nicht dazwischengegangen. Das klinge schwer nach Absprache. Dabei habe es wohl nicht mehr als eine Rangelei gegeben.

Auch Brians Charakter beschreibt der Verteidiger ganz anders. Der 24-Jährige sei keineswegs der notorische Gewalttäter, als den ihn die Justiz und die Medien sehen würden. Vielmehr zeichnete er das Bild eines schwierigen, aber nicht per se gefährlichen Mannes im Kampf gegen eine inhumane Justiz.

Zwei Stunden nackt und gefesselt liegen gelassen

Was der Verteidiger dann schilderte, war schwer erträglich. Er beschrieb, wie die Aufseher Brian nach seinem Ausraster an Händen und Füssen fesselten, in die rosa Sicherheitszelle brachten, ihm die Kleider aufschnitten und ihn zwei Stunden lang nackt und gefesselt liegen liessen, bevor sie ihn, nur mit einer Papierunterhose notdürftig bedeckt, in die psychiatrische Klinik Rheinau brachten. Und das war keine Ausnahme. Im Gefängnis Pfäffikon musste Brian tagelang auf dem Boden schlafen, nur mit einem Papierumhang bekleidet, an Händen und Füssen gefesselt. «Kein Verhalten rechtfertigt eine solche Erniedrigung», so der Verteidiger.

Für ihn ist klar: Das wenige, was von der Anklageschrift bei Lichte betrachtet übrig bleibe, reiche höchstens für ein Jahr Gefängnis. Dieses Jahr habe Brian längst abgesessen. Er zeigte sich überzeugt: «Der Brian draussen ist ein anderer als der Brian, der im Gefängnis den Kampf sucht, um nicht kaputtzugehen.» Er erinnerte an die Sonderbehandlung, während der Brian enorme Fortschritte gemacht habe: «Das ist der Weg. Die maximale Repression ist gescheitert.»

Es gehört zur traurigen Ironie dieser Geschichte, dass das Pseudonym Carlos, das Brian nun nicht mehr tragen will, ausgerechnet aus jener Zeit stammt, in der es ihm am besten ging. Ob das Gericht dem jungen Mann diesen Weg noch einmal öffnet oder ob es die Türen auf lange Zeit schliesst, wird am nächsten Mittwoch bekannt. Eine einfache Aufgabe hat das Gericht nicht.

Erstellt: 30.10.2019, 23:10 Uhr

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