In der Limmat ertränkt – und dann vergessen

Der Zürcher Stadtrat drückt sich um ein Mahnmal für die Hexenverfolgungen. Dagegen wehrt sich ein Verein.

Ihr wurden ihre Kenntnisse der Kräuterkunde zum Verhängnis: Agatha Studler wurde 1546 in der Limmat ertränkt. Foto: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich, MS F13 fol. 90

Ihr wurden ihre Kenntnisse der Kräuterkunde zum Verhängnis: Agatha Studler wurde 1546 in der Limmat ertränkt. Foto: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich, MS F13 fol. 90

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Vergangen und vergessen. Das suggeriert die Haltung des Zürcher Stadtrats. Es scheint offenbar kaum der Rede wert, dass zwischen 1487 und 1701 in Zürich 85 Menschen, 80 davon Frauen, der Hexerei angeklagt, meist brutal gefoltert und dann verbrannt, ertränkt oder enthauptet wurden. Es ist nämlich mehr als fünf Jahre her, dass der Gemeinderat mit 70 gegen 49 Stimmen ein Postulat überwies, mit dem ein Mahnmal für diese Opfer des Stadtstaates Zürich gefordert wurde.

Zweimal ist seither die Zweijahresfrist abgelaufen, zweimal plädierte der Stadtrat dafür, das Postulat als erledigt abzuschreiben. Erledigt? Das erste Mal hiess es sinngemäss, dass Zürich sich zwar des dunklen Kapitels der Hexenprozesse durchaus bewusst sei, es aber im Vergleich zu anderen Städten doch nicht sehr viele Menschen betraf. 2018 verwies er dann auf ein Objekt, das in der Zürich-Ausstellung im Landesmuseum an den Hexenwahn erinnere: Daumenschrauben, die bei der Folter zum Einsatz kamen.

Sylvie F. Matter und Esther Straub, beide SP, hatten das Postulat eingereicht, beide sitzen mittlerweile im Kantonsrat. Und beide sind nicht bereit, die Abschreibung hinzunehmen. «Wir halten daran fest und lassen uns nicht abwimmeln», sagt Matter.

Bestürzende Lektüre

Den Ausschlag für das Postulat gab damals ein Buch des vormaligen Zürcher Staatsarchivars Otto Sigg. Es war eine bestürzende Lektüre, gerade weil der Historiker allein die Quellen sprechen liess und damit ein wenig bekanntes Kapitel der Zürcher Geschichte schnörkellos dokumentierte. Der Untertitel: «Justizmorde der Zunftstadt Zürich».

Sigg forderte etwas später eine Rehabilitierung der Opfer, wie 2008 Glarus die 1782 enthauptete Anna Göldi rehabilitierte. Mittlerweile ist in Enneda ein Museum eröffnet worden, das diese Geschichte aufarbeitet. Es war allerdings auch dort ein steiniger Weg, bis es so weit kam. In Zürich sperrt man sich aber bis heute, Ähnliches zu tun.

«Wir stellen in der Schweiz lieber Heldendenkmäler als Mahnmäler auf», stellt die Historikerin Sylvie Matter fest. Dazu kommt, dass viele der damaligen Ratsherren, welche die Verfolgungen verantworteten, Vorfahren noch heute in Zürich lebender Familien waren. So stiess Sigg, als er für sein erstes Buch einen Verlag und einen passenden Rahmen für die Vernissage suchte, auf Zurückhaltung und kühle Distanz. Er gab das Buch dann im Selbstverlag heraus.

Reiche Bürgerin als Opfer

Das Projekt, in irgendeiner Form an die Opfer des Hexenwahns zu erinnern, bekam in den letzten Monaten Schub. Das hat, unter anderem, wieder mit Sigg zu tun. In einem Nachtrag zum ersten Buch führt er weitere Fälle auf, womit wir bei 85 bekannten ­Zürcher Opfern angelangt sind. Einige davon beschreibt er neu ausführlich, so die Verfolgung und Hinrichtung der einzigen Stadtzürcher Bürgerin, die das Opfer einer Hexenverfolgung wurde: Agatha Studler.

Zudem haben Matter und Straub den Verein Pro Mahnmal gegründet, der Bestrebungen zur Aufarbeitung dieser Geschichte unterstützt und vernetzt. Der Verein hat am Frauenstreiktag auf der Rathausbrücke einen violetten Scheiterhaufen errichtet. Und in den nächsten Tagen starten in Zürich gleich mehrere ­Projekte, welche sich mit dem Thema beschäftigen. Koordiniert und kuratiert werden sie von Tanja Rochow.

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Wir treffen Rochow vor dem Chamhaus an der Unteren Zäune 1. Sie hat dieses repräsentative Eckhaus mit Bedacht als Treffpunkt gewählt. Hier lebte Agatha Studler, welche am 27. Februar 1546, wohl als etwa 55-Jährige, unter Läuten der Kirchenglocken in der Limmat ertränkt wurde. «Nur ertränkt», wie es damals hiess. Denn eigentlich sei die angebrachte Todesart für ihr Vergehen, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Ihr wurde ihre Kenntnis der Kräuterkunde zum Verhängnis. Sie wurde des Schadenzaubers beschuldigt, insbesondere soll sie mehrere Männer impotent gemacht haben. Rochow sagt: «Nichts weist in dieser Stadt auf das Schicksal dieser Frau hin. Nicht einmal eine Plakette an diesem Haus. Man will das einfach nicht wissen.»

Tanja Rochow beschäftigte sich beruflich lange mit der ­Erinnerung an den Holocaust in München. Dabei interessierte sie sich speziell für die Frage, wie man an Geschehnisse erinnert, an die man lieber nicht mehr denkt. Anfang der 1990er-Jahre prägte der US-amerikanische Sprachwissenschaftler James E. Young dafür den Begriff des Counter-Monument. Die Kuratorin sagt: «Es geht ­darum, die Erinnerung an ­Ereignisse, die man lieber verdrängt, wachzurufen und ins kollektive Gedächtnis der Stadt zu überführen.»

Der Gang des Todes

Rochow ist Mitorganisatorin dreier Projekte, die das versuchen. In Kooperation mit dem Verein Frauenstadtrundgang Zürich werden ab dem 8. September Rundgänge angeboten, die an Orte führen, welche direkt mit den Verfolgungen von vermeintlichen Hexen verbunden sind: das Rathaus etwa. Unweit davon stand der Wellenbergturm in der Limmat, wo die Opfer eingekerkert und gefoltert wurden. Oder die Kiesbänke in der Sihl, wo die Verurteilten lebendig verbrannt wurden.

Hier wurden Frauen eingekerkert und gefoltert: Der Wellenbergturm auf einem Stahlstich von 1843. Foto: Wikipedia/Adrian Michael

Rochow hat dazu einen Stadtplan erstellt: Topografie der Hexenverfolgungen in Zürich. «Die Schauplätze der Hexenverfolgung in Zürich sollen so verortet und mit dem verlinkt werden, was dort geschehen ist.» Doch wollen wir überhaupt ­immer daran erinnert werden? Rochow meint dazu: «Wir sollten das zulassen, denn wir lernen so Zürich in seiner Vielschichtigkeit besser kennen.» Zudem ­weise die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Stadtgeschichte über die reine Vergangenheitsbewältigung hinaus. «Die Verfolgungen prägen die Beziehung der Gesellschaft sowie der Frauen zu Sexualität und zum weiblichen Körper bis heute.» So seien die damit verbundenen Themen nach wie vor Grund für gesellschaftliche Auseinandersetzungen.

Es ging vorab um Macht

Tanja Rochow ist zudem überzeugt, dass die gängigen Erklärungen für die Verfolgung ­vermeintlicher Hexen zu kurz greifen. Die sogenannte kleine Eiszeit oder einfach düsterer Aberglaube werden etwa angeführt. «Damit werden die Täter entschuldigt. Dabei gab es bereits damals Menschen, die auf das Unrecht solchen Tuns hinwiesen.» Für sie ging es dabei in erster Linie um Macht.

Tatsächlich trafen die Verfolgungen oft Frauen, deren Verhalten nicht der gängigen Sitten- und Sexualmoral entsprach, die Wissen in Kräuter- und Heilkunde hatten – oder das Opfer war eben eine reiche Frau wie Agatha Studler. «Sie stellten den absoluten Herrschaftsanspruch von Klerus und Patriziat infrage.»

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Hier setzt das dritte Projekt an: Am 6. September wird im ­Oncurating Project Space neben dem Museum für Gestaltung eine Ausstellung eröffnet, in der acht Künstlerinnen sich unter anderem mit der Verbindung der Hexenverfolgung und der Entwicklung der Medizin in Gynäkologie und der weiblichen Sexualität beschäftigen. Im März 2020 wird das Thema erneut im Strauhof Zürich aufgenommen.

Doch was ist mit dem Mahnmal? «Das steht – ergänzend zu diesen Projekten – immer noch im Raum», sagt Sylvie Matter. Gerade die Karte «Topografie der Hexenverfolgung» ergebe ja zahlreiche Orte, an denen ein solches Sinn machen würde. Ein kleiner Anfang wäre schon einmal eine Plakette am Chamhus. Es wurde nach seinem späteren Besitzer Bernhard von Cham (1508–1571), Bürgermeister und Obmann der Schildner zum Schneggen, so genannt. Zu Agatha Studlers Zeit hiess es Haus zur Meerkatze.

Nach ihrer Hinrichtung fiel ihr riesiges Vermögen grösstenteils an die Stadt Zürich, auch das Haus an der Unteren Zäune. Zudem hatten die Städte Zürich, Winterthur, Lindau und Überlingen gegen jährliche Leibrenten Kredite bei Studler aufgenommen, die mit ihrem Ableben nun an sie – und zu kleinen Teilen an den geschiedenen Ehemann – übergingen. Agatha Studlers Hinrichtung kam ihnen – zumindest – gelegen.

Buch: Otto Sigg: «Hexenmorde Zürichs und auf Zürcher Gebiet» Ausstellung: 7.–29. Sept. Ausstellungsstrasse 16 www.oncurating-space.org

Frauenstadtrundgang: Infos und Anmeldung auf www.frauenstadtrundgangzuerich.ch/hexen

Erstellt: 04.09.2019, 23:01 Uhr

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