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Drei Stunden für eine Minute

Vergangene Woche begannen in Zürich die Dreharbeiten zum neuesten Film von Michael Steiner. Ein Besuch am Set der 3,8 Millionen Franken teuren Produktion.

Thomas Hasler
Filmaufnahmen an der Badenerstrasse: Hauptdarsteller Joel Basman und Noémie Schmidt (auf dem Velo). Foto: Sabina Bobst
Filmaufnahmen an der Badenerstrasse: Hauptdarsteller Joel Basman und Noémie Schmidt (auf dem Velo). Foto: Sabina Bobst

Für alle, für die Thomas Meyer einfach ein Schweizer 08/15-Name und «Wolkenbruch» ein Wetterphänomen ist: Meyer (43) ist ein in Zürich lebender Mann, der sich vom Werbetexter- und Journalistendasein in die Sphäre des Schriftsteller­lebens bewegt hat. Und Wolkenbruch ist die Hauptfigur in seinem Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», mit dem ihm 2012 ein Überraschungserfolg gelungen ist, der zwar für den Schweizer Buchpreis nicht ganz, aber immerhin für den Anerkennungspreis des Zolliker Kunst­preises gereicht hat. Dieses Buch wird seit vergangener Woche verfilmt. Drehort: Zürich.

Meyers Werk in der Kürzestfassung: Motti Wolkenbruch ist ein junger orthodoxer Jude aus Zürich, den seine Mutter endlich verheiratet sehen will. Zu ­diesem Behuf schleppt sie ohne Ende Frauen an, die eines gemeinsam haben: Sie sehen der Mutter aufs Unangenehmste ähnlich. Hannah, heisst es zum Beispiel, «war von fesselnder Hässlichkeit». Motti wüsste eine Kandidatin. Doch die Jeans tragende und Gin Tonic trinkende Mitstudentin Laura, die mit dem knackigen Hinterteil, hat einen grossen Makel: Sie ist eine Schickse, eine nichtjüdische Frau.

Eine kurze Velosequenz

Das Drehbuch zum Film lieferte, von einem Profi unterstützt, der Buchautor höchstselbst. Auf dem Regiestuhl sitzt mit Michael Steiner (48) jener Mann, der sich vor fünf Jahren mit dem «Missen-Massaker» fast seinen Ruf ruinierte, nachdem man sich daran gewöhnt hatte, dass er jeweils den erfolgreichsten Schweizer Film des Jahres abliefert.

Steiner sitzt an diesem Samstag – dem vierten von vierunddreissig geplanten Drehtagen – an der Ecke Badener-/Pflanzschulstrasse in einem improvisierten Zelt, das ihm die Sonne vom Leib halten soll, und starrt in den dreissig Zentimeter vor seiner Nase entfernten Regie-Monitor. Über vierzig Personen sind an diesem Nachmittag auf dem Set. Bei mindestens der Hälfte wird dem Laien nicht auf Anhieb klar, was genau ihre Aufgabe ist. Für Hektik sorgt in ­erster Linie der Verkehrslärm.

Gedreht wird die Szene, in welcher Motti (Joel Basman, 27) und Laura (Noémie Schmidt, 27) sich zum ersten Mal begegnen. Die beiden stossen mit dem Velo zusammen, wobei Lauras Handy zu Boden fällt. Motti hebt es auf, gibt es ihr zurück, risikiert einen kurzen, verschämten Blick und fährt dann stadteinwärts (auf dem Trottoir!) weiter, wo er aus sicherer Distanz sich noch ­einmal kurz zu ihr umdreht.

Nicht vorgesehene Zufälle

Es ist allgemein bekannt: Die grösste Kunst beim Filmen ist die Gabe des Wartens. Denn selten gelingt eine Einstellung auf Anhieb. Auch Joel Basman, der mit Kippa, Perücke, Brille, Bart, weissem Hemd, grauem Pullover, schwarzem Anzug bei dieser Hitze «mindestens zwei Schichten zu viel» trägt, dafür aber wie ein original orthodoxer Jude daherkommt, muss wiederholt auf die Kamera zufahren.

Das eine Mal findet Regisseur Steiner die Fahrt zu langsam. Das andere Mal kommt Laura beim «Zusammenprall» zu wenig deutlich ins Bild. Vor einer erneuten Aufnahme scheucht ein Mann auf dem Trottoir jeweils zufällig anwesende Passanten aus dem Bild. Denn Zufälle sind im Drehbuch nicht vorgesehen. Bei den sieben Passanten, die jeweils scheinbar zufällig ins Bild schlendern, handelt es sich um Statisten.

Szene noch gerettet

Etwa drei Stunden dauern die Aufnahmen, bis die Szene, die im Film etwa eine Minute dauern wird, aus verschiedenen Blickwinkeln im Kasten ist. Michael Steiner ist mässig zufrieden. Weil die Zürcher Verkehrsbetriebe den Trambetrieb wegen des Umbaus beim Stauffacher eingestellt haben, konnte die Szene nicht so gedreht werden, wie sie vorgesehen war. Aber auch die geänderte Version funktioniere. «Meine Schauspieler haben die Szene gerettet», sagt Steiner beim anschliessenden ­Pressetermin.

Joel Basman, der absolute Shootingstar unter den Schweizer Jungschauspielern, findet es vor allem grossartig, in jener Stadt filmen zu können, in der er zu Hause ist. Die Verwandlung in Motti Wolkenbruch sei psychologisch herausfordernd, weil es «für mich eine komplett neue Welt ist». Da kann Udo Samel, der den Vater Wolkenbruch spielt, nur schmunzeln. Samel spielte vor dreizehn Jahren im Kinoerfolg «Alles auf Zucker» bereits einen ultra-orthodoxen Juden: Samuel Zuckermann.

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