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Drohung und Nötigung: Geiselnehmer war Polizei bekannt

Gegen den 60-Jährigen, der in Zürich zwei Frauen gefangen hielt und tötete, hatte eines seiner späteren Opfer Anzeige erstattet. Aber die Polizei verzichtete auf Schutzmassnahmen.

In dieser Wohnung in Wiedikon endete letzten Freitag eine Geiselnahme für drei Personen tödlich. Foto: Samuel Schalch
In dieser Wohnung in Wiedikon endete letzten Freitag eine Geiselnahme für drei Personen tödlich. Foto: Samuel Schalch

Drei Stunden lang verhandelten Zürcher Stadtpolizisten mit dem Mann. Der 60-Jährige hielt in einer Wohnung in Zürich zwei Frauen fest und drohte, sie zu erschiessen. Eine von ihnen war seine ehemalige Freundin (34), die andere ihre Arbeitskollegin (38). Nach drei Stunden zeigte er sich zum Aufgeben bereit, tat aber das Gegenteil. Er erschoss die beiden Frauen und sich selbst. Das geschah am vergangenen Freitagmorgen im familienfreundlichen Stadtzürcher Quartier Wiedikon.

Nun ist publik geworden, dass seine ehemalige Freundin schon vor Wochen Angst vor ihm hatte. Sie fühlte sich von ihrem späteren Mörder belästigt, gestalkt, gar terrorisiert. Die Vorfälle müssen so gravierend gewesen sein, dass sie ihn Mitte April anzeigte. Die Staatsanwaltschaft bestätigt entsprechende Recherchen des «Blicks». Sprecher Erich Wenzinger präzisiert, die Frau habe dem Mann unter anderem vorgeworfen, sie bedroht und rufschädigende Aussagen über sie gemacht zu haben.

«Geständig und reuig»

Die Stadtpolizei befragte den Mann nach dem Eingang der Anzeige und nahm verschiedene Abklärungen vor. Er war laut Wenzinger «geständig und reuig». Im Zusammenhang mit der Drohung und Nötigung habe die Polizei Schutzmassnahmen geprüft. Diese können auf der Grundlage des Gewaltschutzgesetzes ausgesprochen werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Mann die Frau nicht kontaktieren darf. Aber die Polizei verzichtete auf solche Massnahmen, «da die Frau das nicht wünschte», sagt Wenzinger. Wenige Wochen später sind die Frau, ihre Freundin und der Mann tot.

Die blutige Tat in Wiedikon erinnert an jene in Pfäffikon aus dem Jahr 2011. Damals erschoss ein 59-Jähriger seine Frau auf offener Strasse und anschliessend die Leiterin des Sozialamts in ihrem Büro. Sie soll der Ehefrau geraten haben, ihren Mann zu verlassen. Auch er war zuvor schon polizeilich bekannt. Er hatte seine Frau mehrfach geschlagen und gedroht, sie umzubringen. Die Tat in Pfäffikon löste eine grosse Debatte aus, und zwei Regierungsräte gaben eine Untersuchung in Auftrag. Sie wollten herausfinden, was im Vorfeld geschehen war und ob Polizei und Justiz sie hätten verhindern können. Das Fazit: Aufseiten der Kantonspolizei sei damals kein Fehler passiert. Allerdings hielt die Polizei im Bericht auch fest: «Unabhängig» vom konkreten Fall soll bei häuslicher Gewalt inskünftig strenger vorgegangen werden. «Im Zweifel ist von einer Ausführungsgefahr auszugehen, und es hat zwingend eine Zuführung an die Staatsanwaltschaft zu erfolgen.»

In Trennungsphase getötet

Im Nachzug zur Pfäffiker Tat haben auch die Polizeikorps aufgerüstet. So ist es heute bei Stadt- und Kantonspolizei üblich, genauer abzuklären, wie gefährlich ein Mann ist, der seine Frau bedroht. Das geschieht meist anhand eines systematischen Fragebogens, verschiedener Abklärungen und Beobachtungen. Anhand derer werden weitere Massnahmen eingeleitet oder empfohlen, wie beispielsweise der Besuch eines Psychiaters.

Mit der Tat aus Päffikon hat jene in Wiedikon allerdings nur zwei augenfällige Gemeinsamkeiten: In beiden Fällen töteten Männer ihre Lebenspartnerinnen in der Phase einer Trennung, und beide Täter waren der Polizei vorher schon bekannt und bedrohten die Frauen. Im Rahmen von häuslicher Gewalt ist Drohung ein relativ häufiges Delikt. 2018 kam es laut Kriminalstatistik zu 740 Straftaten im Kanton Zürich – rund zwei pro Tag.

Im Fall von Wiedikon ist offen, ob es gegen den Mann mehr als eine Anzeige gegeben hat – und auch, inwiefern die Polizei hätte merken müssen, wie gefährlich die Situation vor oder während der Geiselnahme war. Wegen der laufenden Abklärungen beantwortet die Zürcher Staatsanwaltschaft zurzeit keine entsprechenden Fragen und gibt keine Auskunft, ob der Mann bereits seit längerem wegen häuslicher Gewalt bekannt war.

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