Druckfrische Wassermelonen

Aurélie Strumans bepflanzt ein altes Gewächshaus in Samstagern mit Wassermelonen aus dem 3-D-Drucker. Ihre Installation weist auf die Widersprüche der globalen Landwirtschaft hin.

Das Original, der Prototyp 1 und eine Kopie aus dem Drucker: Aurélie Strumans in ihrem Atelier.

Das Original, der Prototyp 1 und eine Kopie aus dem Drucker: Aurélie Strumans in ihrem Atelier. Bild: Dominique Meienberg

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Die Wassermelone, findet Aurélie Strumans, ist eine gute Metapher für das Grosse und Ganze. Für die Landwirtschaft und den globalen Handel, dafür, wie wir von regional und saisonal sprechen und beinahe ganzjährig im Expressshop Wassermelonen kaufen.

Der entsprechende Preiskleber klebt seit April auf dem Schreibtisch der Künstlerin, 7,265 Kilogramm für 17.45 Franken. Herkunft ziemlich sicher Spanien. Das Land ist laut Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation die Nummer 13 der weltweiten Produzenten, der grösste in Europa: 1’113’192 Tonnen Wassermelonen wurden dort 2017 geerntet. Das ist fast nichts im Vergleich zur Nummer 1. In China wurden 2017 fast 80’000’000 Tonnen geerntet.

Landwirtschaft ist geometrisch

Aurélie Strumans, 31-jährig, studiert an der ZHDK Visuelle Kunst, ihr Atelier liegt über dem Verteilzentrum Herdern der Migros. Von dort aus werden zahllose Filialen mit Früchten beliefert. Vor dem Atelierfenster quälen sich die Lastwagen des Grossverteilers eine Rampe hoch, voll beladen mit Esswaren. Dahinter steht der Engros-Markt. Gut möglich, dass «unsere» Wassermelone hier in der Stadt angekommen ist. Gut möglich, sagt Strumans, dass die urbane Umgebung, die Logistik des Konsums, das Industrielle direkt vor ihrem Fenster ihre Kunst beeinflusse. Wie sie wohl auch früher durch ihre Umgebung beeinflusst worden sei: Strumans, belgische Wurzeln, wuchs im Wallis auf.

Was Aurélie Strumans interessiert, ist, wie Landwirtschaft die Landschaft prägt und verändert. Die Landschaft, findet sie, werde immer technischer, besonders gut zeige das ein Blick auf Google Earth. Landwirtschaft hat da etwas ausgesprochen Geometrisches. Strumans treibt diese Sicht weiter, indem sie Bilder aus Fehlern komponiert, aus jenen Übergängen zwischen zwei Satellitenbildern, die nicht genau passen – und so etwas wie verpixeltes Verschmieren entstehen lassen. Eine Stoffbahn mit solchen Fehlern, x-fach multipliziert – auf den ersten Blick hat es etwas von afrikanischen Stoffen –, hängt vor ihrem Wassermelonen-Prototyp Nummer 1: gefertigt aus eingefärbtem Montageschaum.

Prototyp Nummer 2 stammt aus dem 3-D-Drucker, in 48 Stunden hat dieser eine perfekte Kopie einer Mini-Wassermelone gefertigt. Perfekt bis zur Imperfektion, mit einer kleinen Delle in der sonst makellos glatten Schale. Das Original ist eine typische Zucht der heutigen Zeit: frei von Kernen, makellos, wenn man so will. Diese Parallele gefällt Aurélie Strumans. Ebenso, dass sie die Melone zuerst weiss anmalen musste, damit sie der Scanner überhaupt erkennen und erfassen konnte.

Aurélie Strumans macht Wassermelonen aus dem 3-D-Drucker. Bild: Dominique Meienberg

Aussen grün, innen rot, das passt farblich zu Strumans' Botschaft: Die Wassermelone sei nicht so ökologisch, wie sie auf den ersten Blick aussehe, sagt Aurélie Strumans. Die Wassermelone als Symbol: So funktioniert Strumans' Installation, die ab Samstag am Plateaux Festival in Samstagern zu sehen ist. Ein Wassermelonenfeld in einem alten Treibhaus. In den Früchten sind Lautsprecher eingebaut, die für den Klang sorgen.

Das Plateaux Festival läuft noch bis Anfang September. Der kleine Hof Froh Ussicht ist der geeignete Rahmen für die künstlerischen Aktivitäten. Einerseits weil hier Kunst und Landwirtschaft seit 2008 zusammengehören, andererseits, weil sich das Festival unter anderem dem Thema Landwirtschaft widmet. «Das Plateaux Festival lädt lokale, nationale und internationale KünstlerInnen ein, um (…) Fragen und Lösungen der Nachhaltigkeit zu behandeln», schreiben die Kuratoren.

Melonen, was der Drucker hergibt

Strumans stellte sich die Frage: Wie sieht so ein kleiner Hof im Jahr 2050 aus? Wie entwickelt sich die Landwirtschaft? Das sei der Ausgangspunkt ihres Werks. Werden irgendwann Wassermelonen in unseren Gewächshäusern wachsen? Das sind die Fragen, die sich auch die Besucherinnen und Besucher stellen sollen. Der Hof eigne sich gut, um solche Gedanken zu verfolgen, sagt Strumans. «Da ist einerseits diese perfekte Idylle. Und andererseits die stete Präsenz der Autobahn.» Diesen Kontrast ergänzt sie mit Fremdkörpern: Wassermelonen. So viele, wie der 3-D-Drucker bis Samstag noch hergibt.

Das Plateaux Festival findet noch bis 7. September statt, die Vernissage von Strumans' Installation am Samstag, 1. Juni, 16 bis 22 Uhr. Ort: Froh Ussicht, Samstagern. www.plateauxfestival.ch

Erstellt: 28.05.2019, 15:55 Uhr

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