Durcheinander am Opernhaus

Merkwürdigerweise dominieren nicht die Komponisten die Fassade, sondern die Dichter Goethe und Schiller.

Was ist das? Eine Büste zur Erinnerung an die berühmte Goethe-Oper über Doktor Faust? Bilder: Sabina Bobst

Was ist das? Eine Büste zur Erinnerung an die berühmte Goethe-Oper über Doktor Faust? Bilder: Sabina Bobst

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Stadtbild, Nr. 011 – Wie heissen Goethes bekannteste Opern? Die Leiden des jungen Fidelio. Der Barbier von Weimar. Faust im Serail. Und was hat Schiller komponiert? Die lustigen Räuber von Windsor. Der fliegende Wallenstein. Tell fan tutte.

Da stimmt was nicht. Zu viel Glühwein getrunken? Beim Gang über den Weihnachtsmarkt auf dem Sechseläutenplatz zieht es den Blick immer wieder zum Opernhaus, das sich gegen die Girlanden des Budendorfes mit einer theatralischen Rotbeleuchtung behauptet. Der Blick lohnt sich, denn an dieser Fassade ist allerhand los: zuoberst Engel mit Fackel, Leier und Lorbeerkranz, dazu Gottheiten mit Schwertern, Adlern, Schwänen und einer Tuba. Erotiker entdecken nackte Brüste und winzige Knabenzipfel.

Auch auf dem Dach des Opernhauses ist einiges los.

Es sind Allegorien der Musik und der Dichtkunst. Sie verkünden den Triumph der Künste, bezeugt von drei Grössen der Musik: Mozart, Wagner und Weber. Doch ihre Büsten stehen zurückversetzt in der zweiten Reihe; zuvorderst an der Fassade sind Goethe und Schiller platziert, von denen einem im nüchternen Zustand keine Opern in den Sinn kommen.

Wieso setzt das Opernhaus die Dichter vor die Komponisten? Die Antwort gibt das Haus selbst. In Gold angeschrieben nennt es sich «Stadttheater Zürich». Als es 1891 eröffnet wurde, war es eine Bühne für Musik und Schauspiel. Erst 1921 trennten sich die Sparten, und die Pfauenbühne wurde die erste Adresse für das Sprechtheater. Vielleicht würde das Opernhaus heute noch Stadttheater heissen, wenn 1964 nicht der gefeierte Intendant Hermann Juch Direktor geworden wäre. Er bestand darauf, dass das Haus gleich heisst wie das Gebotene.

Das Projekt für Zürich wurde zuvor erfolglos für Krakau entworfen, die Pläne dann geringfügig angepasst.

So reich bestückt das Opernhaus aussieht, es ist kein Bau von Originalität. Die Wiener Architekten Fellner und Helmer realisierten Ende des 19. Jahrhunderts Dutzende ähnlicher Häuser. Das Projekt für Zürich hatten sie zuvor erfolglos für Krakau entworfen und passten die Pläne dann geringfügig an, als der Auftrag der Zürcher «Theater- Actiengesellschaft» eintraf.

Sie hatte seit 1834 ein Theater beim heutigen Obergericht geführt, doch ging das ehemalige Barfüsserkloster in der Silvesternacht 1889/90 in Flammen auf. Theaterbrände waren damals keine Seltenheit, weil die Gasbeleuchtung die Bühnen mit ihren Kulissen aus Holz und Leinwand bis 50 Grad aufheizte. Allein zwischen 1887 und 1897 soll es über 4500 Tote wegen Theater- und Zirkusbränden gegeben haben. In Zürich kamen die Zuschauer heil davon.

Für den Neubau schenkte die Stadt der Theater AG das Grundstück am See unter der makaberen Bedingung, dass das Land an die Stadt zurückfällt, sollte das Theater abbrennen. Weiter steuerte die Stadt 200'000 Franken an die Baukosten bei. Doch zum grössten Teil war das Theater privat finanziert. Für den Fassadenschmuck schrieben die begüterten Musenfreunde gar einen Wettbewerb aus. Präsident der Jury, die so viel von Schiller und Goethe hielt, war der Maler Arnold Böcklin.

Die bevorzugte Stellung, den die Dichterfürsten damals genossen, ist heute noch an den Namen der umliegenden Strassenzüge ersichtlich: Schiller-, Goethe-, Gottfried-Keller- Strasse. Eine Mozartstrasse gibt es nicht mehr, und die Wagnergasse im Seefeld ehrt nicht den Komponisten Richard Wagner, sondern nennt den Beruf eines früheren Anwohners: Wagenmacher.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 11.12.2019, 13:12 Uhr

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