«eZürich», die Internet-Hauptstadt

Der Zürcher Stadtrat fördert in den nächsten vier Jahren die Kultur- und Kreativwirtschaft, die Quartiere sowie die kleinen Kinder. Und er will Zürich zum europäischen Silicon Valley machen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie stark die Abhängigkeit der Stadt vom Finanzplatz ist, hat sich am Dienstag bei der Präsentation des städtischen Budgets gezeigt. Finanzvorstand Martin Vollenwyder (FDP) rechnet 2011 mit einem Defizit von 206 Millionen Franken. Hauptgrund: Die tiefen Steuererträge von den Grossbanken.

Gestern Mittwoch hat Vollenwyder bekannt gegeben, wie er das Klumpenrisiko vermindern will: mit «eZürich». Unter diesem Begriff fasst der Stadtrat das Internet, damit verbundene Technologien, Firmen und Ideen zusammen. Zürich habe in diesem Bereich bereits heute eine Sonderstellung, sagte Vollenwyder. Ein Viertel aller Schweizer Informationstechnologie-Firmen sind im Kanton Zürich ansässig. Und ETH, Uni und Fachhochschulen geniessen international einen hervorragenden Ruf als Forschungsinstitute und Ausbilder.

Vereinfachung für Spitäler

Das will der Stadtrat ausnützen: Zürich soll in den nächsten vier Jahren zum Top-Standort für IT-Unternehmen werden. Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen (SP) träumt von einem europäische Pendant zum Silicon Valley. Die Technologie müsse auch der Bevölkerung zugute kommen. Der Stadtrat will den sogenannten digitalen Graben überwinden. Menschen, welche die modernen Technologien nicht oder nur selten nutzen – ältere Personen, aber auch Mädchen – sollen ihre Berührungsängste abbauen und «Medienkompetenz» erlangen, damit sie aktiv am digitalen Leben teilnehmen können und wichtige Informationen erhalten.

Laut Nielsen ist das Potenzial der modernen Technologien noch lange nicht ausgeschöpft. So beginnen zum Beispiel die Stadtspitäler und Hausärzte gerade erst damit, Daten untereinander auszutauschen. Heute komme es immer wieder vor, dass Behandlungen oder Röntgenbilder doppelt gemacht würden, weil eine elektronische Registrierung fehle. Auch der Rest der Verwaltung will stärker im Netz tätig sein. Die meisten Verfahren und Kundenkontakte möchte man in Zukunft über das Internet abwickeln lassen. Nielsen kann sich auch den Aufbau eines WLAN-Netzes in der Stadt Zürich vorstellen.

In 34 Tagen fällt der Startschuss zu «eZürich». Dann beginnt ein Wettbewerb für die Bevölkerung, die Ideen einreichen kann. Im Januar findet ein Workshop statt mit Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Laut Stadtrat Vollenwyder haben mehrere Firmenchefs namhafter IT-Unternehmen zugesagt, konkrete Namen will er keine nennen. «Unsere Idee stösst aber auf sehr grosses Interesse.»

Grosses Dada-Festival

«eZürich» ist einer von vier Legislaturschwerpunkten des im März neu gewählten Stadtrats. Besondere Akzente setzen will er auch in diesen drei Bereichen:

Die Stadtregierung möchte die Kultur- und Kreativstadt Zürich fördern. Sie soll im Ausland stärker wahrgenommen werden. Fördern will die Stadt Anlässe mit internationaler Ausstrahlung wie das Filmfestival Zürich, das Theaterspektakel oder die für 2016 geplante Veranstaltung zum 100-Jahr-Jubiläum der Dada-Bewegung. In Zürich sollen Kultur- und Kreativwirtschaft mehr Platz haben; der Stadtrat unterstützt die Suche nach mehr Raum.

Der Stadtrat will die Bevölkerung bei der Entwicklung von Stadt und Quartieren stärker miteinbeziehen. Laut Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) sollen mögliche Konflikte dadurch «konstruktiv und produktiv» bewältigt werden. Als Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen Stadt und Quartier nennt Odermatt die Schaffung einer Beratungsstelle für Immobilienbesitzer im Seefeld. Sie ist vor kurzem vom Quartierverein Riesbach ins Leben gerufen worden, um der «Seefeldisierung» entgegenzuwirken.

Kinder sollen gute Startchancen haben. Der Stadtrat richtet sein Augenmerk deshalb neu auf die Frühförderung in den ersten vier Lebensjahren. Laut Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) weisen heute rund 2 Prozent aller Kindergartenkinder sprachliche oder motorische Defizite auf. Oft sei es schwierig, die Entwicklung nachzuholen. Die Kindertagesstätten sollen die Kinder in Zukunft gezielter und systematischer fördern. Ziel des Stadtrats ist weiter, die bestehenden Stellen wie Elternberatung, Gemeinschaftszentren oder Kinderärzte besser zu vernetzen, damit die betroffenen Kinder auch erfasst werden. In Zürich-Nord startet der Stadtrat ein Pilotprojekt. Das Sozialzentrum Dorflinde in Oerlikon begleitet sozial benachteiligte Kinder nach der Geburt auf freiwilliger Basis, bis sie in eine Spielgruppe oder Krippe eintreten.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2010, 23:05 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mühevoll geschmückt: Trachtler reiten mit ihren Pferden während des traditionellen Georgiritts zum «Ettendorfer Kircherl» in Bayern. (22. April 2019)
(Bild: Matthias Balk) Mehr...