Er gamte zu viel, sie stach zu

In Zürich findet morgen ein besonderer Gerichtsfall statt. Psychologe Franz Eidenbenz sagt, was Computerspiele bewirken können.

Der exzessive Computerspieler ist in der Regel ein männlicher Jugendlicher oder ein erwachsener Mann.

Der exzessive Computerspieler ist in der Regel ein männlicher Jugendlicher oder ein erwachsener Mann. Bild: Keystone

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Weil der Freund immer mit der Playstation spielte, versteckte seine Freundin das Gerät. Im November 2017 kam es zu einem heftigen Streit, und die junge Frau stach ihm mit einem Messer in den Herzbereich. Der Mann überlebte mit Glück. Die heute 24-jährige Frau steht am Freitag wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Bezirksgericht Zürich. Der Spielsuchtexperte und Psychologe Franz Eidenbenz erklärt, warum exzessives Computerspielen Beziehungen zerstören kann.

Beim beschriebenen Gerichtsfall ging die Aggression nicht primär vom Spieler aus, sondern von der Partnerin. Ein typisches Beispiel?
Nein, in der Regel reagieren betroffene Computerspieler – vor allem Ego-Shooter-Spieler – extrem, wenn sie von Angehörigen am Spielen gehindert werden. Sie können aggressiv werden, was von verbalen Beleidigungen bis zu Tätlichkeiten führen kann. Diese Reaktionen sind von den Betroffenen im Nachhinein kaum mehr nachvollziehbar. In konkreten Fall war es aber umgekehrt, weil der Freund immer wieder die Playstation der Partnerin vorzog und sie dies nicht mehr verstehen und aushalten konnte.

Wann wird dann Computerspielen zu einer Sucht?
Problematisch wird es dann, wenn das Spielen zum Wichtigsten im Leben wird und es offensichtlich ist, dass sich das exzessive Computerspielen auf die sozialen Beziehungen sowie auf Arbeit und Leistungen auswirkt. Es ist deshalb wichtig, dass Betroffene und Angehörige klare Regeln treffen, wann Computer gespielt wird und wann nicht.

Wie häufig kommt es in Ihrer Praxis vor, dass Sie mit erwachsenen Spielsüchtigen zu tun haben?
Wir haben zwar mehrheitlich mit jugendlichen Spielsüchtigen zu tun, es kommt aber gelegentlich vor, dass sich erwachsene Betroffene und deren Partnerinnen melden.

Sind demzufolge die meisten Spielsüchtigen Männer?
Ja, der exzessive Computerspieler ist in der Regel ein männlicher Jugendlicher oder ein erwachsener Mann. Misserfolge im realen Leben oder Partnerschaft sowie eine Faszination am Spiel führen dazu, dass sich der Lebensmittelpunkt von der realen in die virtuelle Welt verschiebt. Dies oft vor dem Hintergrund von anderen psychischen Belastungen wie Depressionen oder Ängsten.

Mit welchen Ansätzen therapieren Sie Ihre Klienten?
Beim Computerspielsüchtigen ist das Umfeld für eine Veränderung der Situation von grosser Bedeutung. Dies, weil Betroffene oft erst aufgrund des Drucks von Angehörigen bereit sind, an ihrem Verhalten etwas zu ändern. Deshalb macht es in vielen Fällen Sinn, dass Angehörige und Betroffene gemeinsam in eine Therapie gehen.

Gibt es Spiele, die besonders süchtig machen?
Spiele mit besonderem Suchtpotenzial sind gewisse Ego-Shooter-Spiele. Zudem verschiedene Rollenspiele. Dies war früher «World of Warcraft» (WOW), heute sind es meist Spiele wie «Fortnite» oder «League of Legends». Die meisten Computerspieler pflegen aber einen unproblematischen Freizeitkonsum. Ein Teil davon, die Rede ist von fünf bis zehn Prozent, ist aber suchtgefährdet oder spielsüchtig.

Erstellt: 04.10.2018, 10:57 Uhr

Spielsuchtexperte

Der Psychologe Franz Eidenbenz ist Leiter Behandlung im Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix.

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