Beim Studium bleibt die Lebensfreude auf der Strecke

Die Verschulung der Universitäten bremst Kreative aus, und sie fördert das Studieren mit Scheuklappen. So wird die Jugend zwar strebsam – aber nicht mehr mündig.

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Der «Werther» wäre möglicherweise nie geschrieben worden, hätte man dem Studenten Johann Wolfgang von Goethe an der Universität Leipzig einen solchen Stundenplan in die Hand gedrückt wie heutigen Studierenden an unseren Hochschulen. Durchgetaktet von Montag bis Freitag, von Morgen bis Abend, fehlt nur noch der Mittagstisch. Viel Pflicht, kaum Musse für Kür.

Seit der Hochschulreform Bologna sind die Studiengänge nichts anderes als der Weg zum Ziel: also zielstrebig durch, nur nicht nach links und rechts schauen. Auch die ETH, wo das Studium im Vergleich zur Uni bereits früher als stark strukturiert galt, wurde durch Bologna noch verschulter. Dabei bleiben das Studentenleben, die Boheme – und viel Lebensfreude auf der Strecke. Denn es ist schwierig, mit Freude zu lernen, wenn das Lernen Pflicht ist.

In den 1980er-Jahren war bereits das Zusammenstellen des eigenen Stundenplans eine lustvolle Sache. Wenn das knallrote und sicher 150 Seiten starke Vorlesungsverzeichnis erschienen war, setzten wir uns im Lichthof zusammen und begannen zu stöbern. Pflichtstoff gab es wenig, Auswahl viel. Morgenmuffel und Festhühner strichen gleich einmal alle Veranstaltungen, die vor zehn Uhr begannen. Und man hörte nicht auf zu blättern, wenn die eigene Studienrichtung durch war.

Fachfremdes nicht vorgesehen

So traf man in Vorlesungen von Peter von Matt auch Jus-Studenten, und Historikerinnen diskutierten mit Professor Alois Haas und Theologiestudenten über Mystik. Fachfremd? Na und? Wir besuchten sogenannte Orchideenfächer und lernten das Lesen von mittelalterlichen Urkunden, was tatsächlich für die wenigsten Berufe erforderlich ist. Zeitverschwendung? Ich freue mich heute noch, wenn ich in einem Museum karolingische Minuskeln entziffern kann.

Auch sind heute an den Hochschulen die Gleichsemestrigen meist unter sich. Wir sassen mit Studierenden aller Jahrgänge in den Vorlesungen. Der Held der Erstsemestrigen war ein Mann mit schütterem Haar, der schon 22 Semester studierte und noch nicht ans Abschliessen dachte. Und übrigens keine Stipendien bezog. Er war hilfsbereit, kannte alle Macken der Profs, organisierte einen Fachstammtisch und wurde bei der Einführung der Studienzeitbeschränkung ins zwölfte Semester eingeteilt. Es muss ein Stress für ihn gewesen sein.

Der gestreamte Professor

War ein Hörsaal überfüllt, setzten wir uns auf den Boden oder mit weiteren überzähligen Kollegen ins Rondell, wo wir Kaffee tranken und zusammen andere wichtige Dinge erörterten. Heutige Studierende werden in einen Ausweichsaal verfrachtet, in den die Vorlesung übertragen wird – oder sie bleiben gleich zu Hause vor ihrem Computer sitzen und schauen sich den Stream der Vorlesung an. Statt danach mit Kollegen über Sinn und Unsinn des Gehörten zu diskutieren – oder einfach zur Entspannung herumzualbern –, werfen sie in der Pause eine Kapsel in die Kaffeemaschine und warten auf den nächsten gestreamten Professor.

Wir hatten noch Profs aus Fleisch und Blut, bei denen es schon fast zum guten Ton gehörte, dass die Vorlesungen in der ersten Semesterwoche gestrichen wurden. Schliesslich hatten sie ja auch ein Leben neben der Uni. Und so mussten auch die Studierenden keinen Schnellstart hinlegen, brachten die letzten Korrekturen in den Seminararbeiten an und erkannten, wie schön es ist, studieren zu können.

Auch schienen die Professoren damals freiere Menschen, die nicht nur an ihrer Publikationsliste und an Rankings gemessen wurden. Es gab solche, die in der Forschung schlecht, in der Lehre aber grossartig waren.

Geld statt Geist

Es war eine Zeit, in der Credits nicht Leistungspunkte waren, sondern das, was man von den Eltern erbettelte, damit das Geld für den Interrail-Pass reichte. Und Bologna war eine von den Roten regierte Stadt in Norditalien, in der man billig und gut essen konnte.

Es war schön, das Studentenleben. Aber es war kein Flohnerleben. Wenn wir im Rondell Kaffee tranken, statt Vorlesungen zu besuchen, hingen wir nicht lustlos ab. Wir diskutierten und philosophierten, wir erklärten und verstanden. Wenn wir uns aus dem umfangreichen Vorlesungsverzeichnis über die Fakultäten hinweg unseren Stundenplan zusammenstellten, taten wir dies nicht nur aus Lust und Laune, sondern vor allem aus Interesse, Freude und mit offenem Geist. Der hat in durchstrukturierten Studien einen schweren Stand. Der heutige Student soll nicht mündig, sondern strebsam sein.

PS: Goethe hatte sich an der Uni Leipzig für Jura immatrikuliert, gab aber den Poetikvorlesungen den Vorzug.

Erstellt: 18.09.2016, 22:46 Uhr

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