Ein Anstoss für den Seeanstoss

Braucht es einen privaten Verein, um das Zürcher Seeufer zu verbessern? Zumindest kann er nicht schaden.

Zauberhaft gelegen und ungemein verkehrsreich: Die Quaibrücke zwischen Bellevue und Bürkliplatz. Foto: Andrea Zahler

Zauberhaft gelegen und ungemein verkehrsreich: Die Quaibrücke zwischen Bellevue und Bürkliplatz. Foto: Andrea Zahler

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Im Zürcher Seebecken liegen viele versenkte Visionen. Zahlreiche Planer und Politikerinnen versuchten in den vergangenen 100 Jahren, die schwierige Beziehung zwischen der Stadt und ihrem Wasser zu verbessern. Alle scheiterten. Seit den grossen Aufschüttungen Ende des 19. Jahrhunderts (bei denen unter anderem der Bürkliplatz entstand) hat sich die Uferlinie zwischen Tiefenbrunnen und Wollishofen kaum verändert.

Nun startet die private IG Seepärke einen Versuch. Gegründet hat den Verein der Immobilieninvestor Urs Ledermann. Im Vorstand sitzen Architekten, die FDP-Nationalrätin Doris Fiala sowie die Amtschefin von Grün Stadt Zürich. Das Engagement der Stadt ergibt Sinn. Ohne sie läuft nichts am See. Fast alle Ufergrundstücke gehören ihr. Stossend ist einzig: Hochrangige städtische Vertreter gründen einen privaten Verein mit, ohne transparent darüber zu informieren.

Das schafft Raum für Spekulationen: Ledermann gilt als «Immobilienkönig vom Seefeld». Seit den 80er-Jahren hat er im Quartier alte Häuser gekauft, sie saniert oder abgebrochen und neu gebaut. Seine Firma besitzt Dutzende Häuser im Seefeld. Eine Aufwertung des nahe gelegenen Seeufers würde den Preis dieser Liegenschaften sicher nicht mindern. Lässt sich die Stadt einspannen für ein privates Bereicherungsprojekt?

Eher nicht. Die Immobilienpreise im Seefeld liegen bereits sehr hoch. Ausserdem dürften mindestens zwei Jahrzehnte verstreichen, bis die IG Seepärke etwas verändert – wenn überhaupt. Der finanzielle Gewinn des Engagements würde wohl bescheiden ausfallen und mit grosser Verzögerung eintreten. Darin kann das Ziel der Aktion kaum bestehen. Ausserdem ist die Macht des Vereins beschränkt. Am Seebecken passiert nichts ohne Parlamentsbeschlüsse und Volksabstimmungen.

Die heutige Situation ist unbefriedigend

Es wäre falsch, die Visionen des Vereins bereits zu versenken, bevor sie überhaupt wirklich bekannt sind. Die Zürcher Politik lieferte bisher wenig Brauchbares, um die Situation am Seebecken zu verbessern. Zuletzt hat das SP-Kopräsidium im Wahlkampf 2017 eine uralte Idee herausgefischt: Einen Tunnel für Autos unter dem See hindurch, um Zürich so vom Auto zu befreien. Mehr als vereinzelte Kritik innerhalb der eigenen Partei hat es nicht gebracht.

Das Seeufer kann einen Anstoss von privater Seite brauchen. Die heutige Situation ist unbefriedigend. Eine mehrspurige Strasse umtost das obere Seebecken, trennt es von der Stadt.Die Quaibrücke bietet auch nach der Renovation nur bescheiden Platz. Und wer auf dem Sechseläutenplatz sitzt, merkt kaum, wie nah der See liegt. Autos, Hecken und Baumalleen schotten ihn vom Quai ab. Dass sich ein Stadtplatz mit Seeanstoss zum Ufer hin nicht öffnet, ist eine vergebene Chance – als würde man den Markusplatz in Venedig mit Tujabäumen vom Meer abtrennen.

Die wenigen Lösungsansätze, die bisher bekannt sind, klingen deutlich weniger revolutionär als jene der gescheiterten Seeufer-Visionäre wie Werner Müller (Übername: «Seepark-Müller»). Die Quaibrücke würde die IG mit einer zweiten Brücke für Fussgänger entlasten, die Bellerivestrasse tieferlegen.

Vielleicht liegt die Stärke dieser Vorschläge in ihrer Offensichtlichkeit. Und wenn nicht: Im Seebecken hat es noch Platz für weitere Ideen.

Erstellt: 16.10.2019, 20:43 Uhr

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