Alte Bäume vor dem Kongresshaus heben ab

Vor dem Zürcher Kongresshaus steht ein 150-jähriger Ahorn den Bauarbeiten im Weg. Doch fällt er nicht – sondern verreist.

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Der Baum ist vor Ort verwurzelt – wohl 150 Jahre hat der Japanische Ahorn vor dem Zürcher Kongresshaus gestanden. Mag sein, dass unter ihm einst Johannes Brahms gepicknickt hat, als er das Eröffnungskonzert in der Tonhalle besuchte. Jetzt muss der etwa zwölf Meter hohe Baum und seine beiden Nachbarbäume den Bauarbeiten für das Kongresshaus weichen.

Doch wird er nicht gefällt. Das in Rapperswil-Jona ansässige Unternehmen für Landschaftsarchitektur Enea wurde auf ihn aufmerksam und hat eine Rettungsaktion gestartet. Allerdings muss er dazu fliegen lernen.

Der Baum macht keinen Wank

Heute Morgen vor dem Kongresshaus, Seite General-Guisan-Quai: Kurz nach zehn Uhr ruft der Kranführer ein erstes Mal «Achtung, ich gebe Zug!». Doch der Ahorn macht keinen Wank. Bereits gestern haben Enea-Mitarbieter sein Wurzelwerk samt Erdballen freigeschaufelt. Dann wurde er von einem emsigen Baumkletterer in vier Ketten gelegt, umgurtet und, wo es Reibungsflächen gibt, mit Bast geschützt.

Der Baum macht keinen Wank – und daran wird sich fast zwei Stunden nichts ändern. Flugangst? Erst gibt der Kranführer 14 Tonnen Zug, dann 17 Tonnen. Er hebt nicht ab.

Die Zeit läuft davon

«Hast du die Stirnlampe dabei?», frotzelt einer der Baumretter. Denn die Zeit läuft der Mannschaft davon. Bis heute Abend muss der weit ausladende Ahorn auf einen Lastwagen, einen Sattelauflieger, gelegt und für den Transport bereit sein. Nicht nur er: auch der kleinere Ahorn und der ebenfalls weit über 100-jährige Persische Eisenholzbaum neben ihm.

Das eingespielte Team und der Kranführer stehen grübelnd um den Baum und überlegen, wie sie verhindern können, dass dieser – oder gar eine der denkmalgeschützten filigranen Strassenlaternen rundum – Schaden nimmt. Die Schwierigkeit ist, dass der Baum nahe an einer Steinmauer und einer Treppe steht, die ihn wegdrückt. Es besteht die Gefahr, dass er über den Ballen abrollt.

Mit einem Ruck heben sie ab

Noch einmal klettert der Mann mit seinem Gurt voller grosser farbiger Heringshaken den Stamm hinauf. Noch einmal wird diskutiert, wie der Baum sich ausrichtet, wenn er abhebt. Das ist Statikunterricht in der Praxis. Grosse Styroporballen werden zwischen die Äste gelegt. Noch zwei Gurten werden festgezurrt.

Dann geht es plötzlich schnell: «Achtung, Zug!» Die Blätter rauschen, Äste ächzen, Wurzeln knarren, und dann – mit einem Ruck – ist er in der Luft. Ein paarmal baumelt er langsam hin und her. Dann hängt er ganz still. Das schwerste Stück Arbeit ist getan.

Sie kommen ins Museum

Morgen Donnerstag, um fünf Uhr in der Früh, werden die drei Bäume unter Polizeischutz nach Rapperswil-Jona gefahren. Damit sie nicht die Tramdrähte herunterreissen, müssen die ausladenden Kronen zurückgestutzt und zusammengebunden werden.

In Rapperswil kommen die Bäume ins Museum: ins Enea-Baummuseum. In einem 75'000 Quadratmeter grossen Park sammelt Enea spezielle Bäume. Speziell schöne, seltene, geschichtsträchtige. Der Japanische Ahorn vom Kongresshaus erfüllt gleich alle drei Kriterien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2017, 15:35 Uhr

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