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Ein Bibliothekar auf der Suche nach Zorro

Möchte jemand einen vergriffenen Heftchenroman oder längst vergessene japanische Gedichte ausleihen, ist das ein Fall für Claudius Lüthi und sein Team.

Die Fernleihe der Zentralbibliothek: Claudius Lüthi von der Information und Fernleihe in der Zürcher Zentralbibliothek. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

Seine Berufsbezeichnung hört sich staubtrocken an. Claudius Lüthi ist Bibliothekar, Leiter der Fernleihe und stellvertretender Leiter Information in der Zentralbibliothek Zürich. Doch sobald er von seinem Berufsalltag erzählt, fühlt sich die Zuhörerin in einen Detektivroman versetzt. Denn Lüthi und sein Team sind in der ZB für die schwierigen Recherchen zuständig. Sie sind dann gefragt, wenn eine Benutzerin einen Gedichtband eines längst vergessenen japanischen Dichters aus dem 19. Jahrhundert sucht oder Informationen zu einer Mission der russischen Kosmonauten.

Da landet Lüthi virtuell in Tokio und per Post auch mal im tiefsten Sibirien und stellt fest, dass dort Englisch wirklich noch eine Fremdsprache ist. Er erlebt bei seinen Recherchen hin und wieder einen Kulturschock, so etwa, wenn ihm Bibliothekskollegen in der italienischen Provinz mitteilen, dass sie ihm sehr gerne einen Scan oder eine Kopie eines gewissen Textes zukommen lassen würden, wenn sie denn über einen Scanner oder ein Kopiergerät verfügten. Und der Fax steht in der Zentralbibliothek nur noch, weil die Deutschen aufgrund von irgendwelchen Urheberrechtsbestimmungen keine Scans über die Grenze schicken dürfen.

Eigenes Fernleihe-Geld

Rund 1200 solche Aufträge deponieren Benutzer jährlich beim fünfköpfigen Fernleihe-Team der Zentralbibliothek. Und etwa gleich viele Anfragen kommen aus aller Welt, welche Schriften oder andere Medien aus der ZB anfordern. Diese Dienstleistung ist verhältnismässig wohlfeil: 10 Franken kostet eine Fernleihe inklusive Recherche innerhalb der Schweiz, 20 Franken ins benachbarte Ausland. Wenn es nach Übersee oder in den asiatischen Raum geht, wird erst eine Offerte erstellt. Einmal allerdings lieferte die ZB die gewünschte Arbeit über Meeresbiologie für den Gegenwert eines Selfies. Die Bestellerin war auf einer Ölplattform mitten im Atlantik stationiert und hatte keine Möglichkeit, mit der Karte zu bezahlen. Lüthi machte eine Ausnahme und bat sie um ein Handybild von ihr auf der Plattform, das umgehend eintraf.

Um babylonische Verhältnisse im Zahlungsverkehr zwischen den Bibliotheken auf aller Welt zu vermeiden, haben die in der International Federation of Library Associations and Institutions (Ifla) vereinigten Bibliotheken ein eigenes Zahlungsmittel für Fernleihen kreiert: Sie bezahlen in ihrer Währung in einen Pool ein und erhalten dafür eine gewisse Anzahl Ifla-Karten, mit denen sie bezahlen.

Hier ist Übersicht gefragt: Regale voller Karteikarten und Bücher. Foto: Reto Oeschger
Hier ist Übersicht gefragt: Regale voller Karteikarten und Bücher. Foto: Reto Oeschger

«Wir sind richtig gut im Finden, und so schnell geben wir nicht auf», sagt Claudius Lüthi, der nicht abstreitet, dass es für seine Arbeit manchmal ein detektivisches Gespür braucht. So etwa damals, als er sich für einen Benutzer auf die Suche nach den ersten Abenteuern Zorros machte, des schwarz maskierten Rächers der Armen. Die Geschichten waren 1919 in fünf Folgen in einem amerikanischen Groschenroman erschienen und unauffindbar. «Das wurde damals als Schund empfunden – keine Bibliothek der Welt hat diese Kioskheftli aufbewahrt», erklärt Lüthi diesen Umstand. Doch eben: So schnell gibt Lüthi nicht auf. Er erzählte davon in einer Facebook-Fernleihe-Gruppe und landete einen Treffer: Es meldete sich eine auf Comics spezialisierte Bibliothek aus ­Atlanta im US-Bundesstaat Georgia.

Recherchebibel tief im Keller

Claudius Lüthi hat Geschichte und Philosophie studiert, war kurze Zeit Dramaturgieassistent am Schauspielhaus Zürich und bildete sich schliesslich zum wissenschaftlichen Bibliothekar weiter. Vor fünf Jahren kam er in die Zentral­bibliothek: «Ich habe viel mehr mit Menschen als mit Büchern zu tun», sagt er. So gehört es auch zu seinen Aufgaben, Führungen für Gruppen und Einzelpersonen anzubieten, etwa 500 sind es pro Jahr. Und wohl noch nie war der Wissensstand der Benutzer so unterschiedlich wie heute: Für junge Leute wurde eine App entwickelt, die in Form einer Schnitzeljagd durch die ZB führt, doch steht auch die Klosterfrau am Schalter, die noch nie eine Computermaus in der Hand gehabt hat.

Dann drückt ihm ein Benutzer forsch einen Zettel in die Hand mit dem Befehl: «Besorgen Sie das für mich» – der Gesichtsausdruck teilt unmissverständlich mit, dass er dem «neumodischen» Computerkatalog gar nichts abgewinnen kann. Wohingegen der junge Mann, der seine Maturaarbeit über die Kulturgeschichte der selbst gedrehten Zigarette schreiben wollte, unbeholfen vor dem alten Zettelkatalog stand, der noch irgendwo in den Katakomben der ZB steht. Wie klickt man sich hier durch?

Spezielles Zahlungsmittel für Geschäfte zwischen Bibliotheken: Ifla-Karten. Foto: Reto Oeschger
Spezielles Zahlungsmittel für Geschäfte zwischen Bibliotheken: Ifla-Karten. Foto: Reto Oeschger

Lüthi ist in der analogen wie in der digitalen Welt zu Hause, doch sein Liebling ist – aus heutiger Sicht – ein Dinosaurier der Bibliothekskataloge: der NUC, der National Union Catalogue der Library of Congress, die einstige Bibel für Fernleihe. Tief im Keller unten stehen reihenweise über tausend in grünes oder blaues Leinen gefasste Bände. Darin sind ab den 1950er-Jahren und nach einem raffinierten System geordnete Fotokopien der Katalogkarten von über tausend amerikanischen Bibliotheken aufgelistet. Eine Heidenarbeit, die niemandem Ruhm und Reichtum brachte und der die Idee von Wikipedia zugrunde lag, das gesamte Wissen der Menschheit möglichst allen zugänglich zu machen. Lüthi ist daran, einen Artikel über dieses Gewaltswerk in ebendieser Wikipedia zu schreiben.

Auskunft ungern gegeben

Musste er trotz NUC und digitalen Katalogen bei einer Recherche auch schon einmal das Handtuch werfen? Er nickt. Einmal, als ihm eine Frau am Telefon den Inhalt eines Buches erzählte, das sie verloren hatte, und wissen wollte, wie es zu Ende gehe. Auch dem Zürcher Maler konnte er nicht weiterhelfen, dem vorgeworfen wurde, er habe eines seiner Bilder einem anderen Zürcher Maler abgeschaut, der im 17. Jahrhundert gelebt hatte. Nur den Namen des betreffenden Künstlers kannte er nicht.

Andererseits war er einmal gar unglücklich, dass er Auskunft geben konnte. Da fragte eine alte Frau am Schalter, ob man ihr sagen könne, wie oft ein bestimmtes Buch ausgeliehen worden sei. Das Buch erzählte die Geschichte eines jüdischen Mädchens, das als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust überlebt hatte. Claudius Lüthi fragte freundlich, weshalb sie denn das interessiere. Die Frau zog den Ärmel ihrer Bluse zurück und zeigte eine Nummer, die ihr im Konzentrationslager in die Haut tätowiert worden war. Das Buch erzähle ihre Geschichte. Und sie wüsste gerne, ob sie noch nicht vergessen sei. Lüthi schaute im System nach und musste ihr mitteilen, dass das Buch kaum je ausgeliehen worden war.

App (Apple oder Android): ZB entdecken, Startcode einlesen (vor Ort erhältlich)fuehrungen@zb.uzh.ch

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