Ein bisschen wenig Rock ’n’ Roll

Man wollte ein Experiment mit dieser Manifesta 11, und man kriegte eins. Doch Begeisterung mochte sich darüber in der Stadt nicht einstellen.

«Nicht ganz verstanden, worum es eigentlich geht»: Die meisten der befragten Passanten konnten der Manifesta nicht viel abgewinnen. Video: TA/lea

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Was sind wir Zürcher undankbar. Da kommt die europaweit grösste mobile Kunstbiennale zu uns, bespasst uns einen Sommer lang – und alles, was wir dazu zu sagen haben, ist: «Was isch das eigentli für es Teil, da usse ufem See?» (So gehört im 8er-Tram auf der Quaibrücke.) Mit dem «Teil» war das Holzfloss, der sogenannte Pavillon of Reflections, gemeint, immerhin Herzstück der Manifesta 11 und so etwas wie der eventeigene Treffpunkt (für den man 6 Franken Eintritt zahlte, pro Mal). Und wie lautete im Tram die Definition? «Das hät irgendöppis z tue mit Kunscht, glaubs.» Ach weh.

Nun – überpräsent war sie ja wirklich nicht, die Manifesta. Das muss man leider so sagen. Im Vorfeld gabs vonseiten der Stadtregierung etwas Brunftgeschrei und dann Aufregung um das im Migros-Museum einquartierte, geruchlich anspruchsvolle Fäkalien-Kunstwerk; die Eröffnung fiel wettertechnisch ins Wasser und, organisatorisch etwas unglücklich, mit dem Fussball-EM-Start zusammen. Und die Beiträge der stolz angekündigten grossen Namen rochen irgendwie auch ein bisschen nach Rohrkrepierer: Skandal­autor Michel Houellebecq legte Kopien seines EKG-Diagramms auf, Skandalkünstler Maurizio Cattelan liess eine Paralympionikin im Rollstuhl jesusgleich übern See gleiten, Skandalmusikerin Kim Gordon streute einen Kreis aus schwarzem Glitzer auf den Boden. Da hatte man, wenn man ehrlich war, etwas mehr Rock’n’Roll erwartet.

Wobei man es ja hätte kommen sehen müssen. Stadtpräsidentin Corine Mauch frohlockte im Vorfeld, die Begegnung mit dem Unbekannten würde Zürich guttun, Kulturchef Peter Haerle wünschte sich eine Imagepolitur weg von der Banken- und hin zur Kulturstadt, und der künstlerische Leiter Christian Jankowski entschuldigte sich schon prophylaktisch dafür, dass er nicht werde «alle glücklich machen können», und hoffte, es werde sich «was Neues entwickeln». Dass aus solchen Phrasen ein Feuerwerk zündet, ist bekanntlich die Ausnahme.

Und tatsächlich wollte sich die Begeisterung nicht recht einstellen. Sicher, die üblichen Museumsgänger sahen sich brav die Kernschau in Migros-Museum, Kunsthalle und Helmhaus an. Und auf dem Floss tat sich auch immer etwas. Aber angesichts der Tatsache, dass der Kunstkonsum dort daraus bestand, mit einem Apérol Spritz in der Hand Making-of-Filmli zu gucken, darf man das doch unter Kultur light verbuchen.

Fairerweise muss erwähnt sein, dass es durchaus auch Programmpunkte für fortgeschrittene Kunstgeniesser gab. Bloss: Was Performances von sich am Boden windenden Halbnackten mit dem Manifesta-Motto «What People Do for Money» zu tun hatten, wollte sich partout nicht herauskristallisieren.

Etwas problematisch auch, dass, wer seinen 75-Franken-Saisonpass so richtig auskosten wollte, schon die Beine in die Hand nehmen und die sogenannten Satellitenstationen abklappern musste, wo ein Teil der für die Manifesta entstandenen Kunstwerke (in homöopathischer Dosis) ausgestellt war. Da pilgerte man von Wollishofen nach Zürich-Balgrist nach Oerlikon nach Winterthur, was angesichts der teils kuriosen Öffnungszeiten eine hohe Frusttoleranz voraussetzte.

Die Rückmeldungen der ausländischen Presse? Ratlos-durchzogen. Es fehle an Konfliktpotenzial, las man; Jankowskis Zugriff aufs Thema Arbeit bewege sich auf Gesellschaftsspiel-Niveau, und politische Reibungswärme komme auch nicht recht auf. Da können die Besucherzahlen noch so üppig ausfallen: Wenn die Leute nur her­kamen, um ein Selfie im Fäkalkunst-Raum zu schiessen und dann am See eine Glace zu schlecken, ist das schon etwas ernüchternd.

Aber was will man machen? Man hat Jankowski geholt, weil er für Experimente steht. Dass es nur halbbatzig hinhaute, daraus kann man ihm keinen Strick drehen. Die Manifesta-Macher um Chefin und Mitgründerin Hedwig Fijen jedoch werden sich fragen müssen, wie viel Freestyle ihr Zielpublikum verträgt. Beziehungsweise, ob man in Zukunft wieder auf mehr Struktur/Didaktik wird setzen wollen. 2018 steht die Manifesta 12 an, in Palermo. Und zumindest eines ist jetzt schon gewiss: dass das verhältnismässig knapp bemessene Biennale-Budget dort länger hinhalten wird als in der Hochpreis­metropole Zürich.

Erstellt: 18.09.2016, 22:47 Uhr

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