«Ein Concierge hilft gegen die Verwahrlosung in Hochhäusern»

Der Hamburger Wohnforscherin Antje Flade schwebt ein ideal durchmischtes Hochhaus mit Empfang vor. Deshalb bedauert sie, dass Bauherren nur ökonomisch denken.

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Eine neue Studie belegt, dass viele Zürcher gerne in Wohnhochhäusern wohnen würden. Was sagen Sie dazu?
Das Wohnen in Hochhäusern kann für junge Singles und Haushalte ohne Kinder sehr vorteilhaft sein, da man da keinen Zwang zu sozialem Verhalten hat.

Jene Menschen schätzen also die Anonymität?
Sagen wir es so: Sie pflegen meist einen mobilen Lebensstil, möchten sich auch nicht verorten und sind deshalb nicht so sehr an nachbarschaftlichen Beziehungen interessiert. Sobald Kinder da sind, ändert sich das schlagartig. Da sucht man den Kontakt zur Nachbarschaft.

Heisst das, Sie raten Familien mit Kindern vom Wohnen in Hochhäusern ab?
Es gibt diverse Untersuchungen, dass das Leben für kleine Kinder in einem Wohnhochhaus nur unter bestimmten Bedingungen vorteilhaft ist. Sie sollten in den unteren vier Etagen wohnen. So ist der Sichtkontakt zu den Eltern gegeben, wenn die Kinder draussen sind, und sie können sich allein bewegen. Ansonsten müssen Eltern die Kinder begleiten, und das kann zu einem Stressfaktor werden, wie Untersuchungen aus Japan gezeigt haben.

Das ideale Wohnhochhaus sähe also Familienwohnungen unten und flexible Einheiten für Singles und Paare ohne Kinder in den oberen Etagen vor. Gibt es Beispiele dafür?
Ich weiss leider von keinem entsprechenden Projekt. Für den Bauherrn ist es immer ökonomischer, ein Gebäude zu bauen, in dem die Grundrisse auf allen Etagen identisch sind und die künftigen Bewohner aus derselben Einkommensschicht stammen.

Welche Wirkung hat das Wohnen in Hochhäusern auf den Menschen?
Nachteilig ist es dann, wenn darin nur sozial- und einkommensschwache Haushalte wohnen und keine Durchmischung erreicht wird. Dann sind Hochhäuser fatal und bekommen einen schlechten Ruf, sodass keiner mehr hinzieht. Es gab eine Untersuchung von zwei identisch gebauten Hochhäusern, das eine für einkommensstarke Mieter, das andere für -schwache. Das erste genoss hohes Ansehen, das zweite geriet bald in Verruf, weil es verwahrlost war. In solchen Fällen könnte aber eine Concierge-Lösung helfen.

Was kann der Mann am Empfang gegen die Verslumung tun?
Er kontrolliert, wer ins Haus kommt. Für die Bewohner ist er eine positive Anlaufstelle, was die Anonymität reduziert. Zudem werden über diese Person Reparaturen abgewickelt, was wiederum dazu beiträgt, dass das Haus nicht verwahrlost. Eine solche Lösung ist zwar teuer, aber nachhaltig.

Erstellt: 11.03.2016, 12:27 Uhr

«Das Wohnen in Hochhäusern kann für junge Singles und Haushalte ohne Kinder sehr vorteilhaft sein.» (Bild: PD)

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