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Ein düsteres Geheimnis, nach 18 Jahren gelüftet

Einst machten Romane die Zeitung attraktiv: So begann auch der «Tages-Anzeiger» in seiner allerersten Ausgabe auf der Titelseite mit einem Schmöker.

Frühe Werbung für den «Tages-Anzeiger» – mit lesender Frau. Foto: TA-Archiv
Frühe Werbung für den «Tages-Anzeiger» – mit lesender Frau. Foto: TA-Archiv

«Was wir wollen!», erklärte die Redaktion den Lesern am 2. März 1893 im Editorial: ein Familienblatt sein, das «auch den Frauen eine ansprechende und unterhaltende Lektüre bietet». Diese startete dann ein paar Zeilen tiefer, «unter dem Strich», wo das Feuilleton damals stand, mit einem Roman. Bis zum 13. Juni erschienen Folge um Folge, 85 insgesamt, bald nicht mehr auf der Titelseite, aber immer prominent platziert, dreispaltig gesetzt, oft mit einem Überlauf auf die nächste Seite.

«Ein düsteres Geheimnis» hiess er, die Autorin: Hermine Frankenstein. Das war kein Pseudonym, sondern der wirkliche Name einer Wiener Jüdin, die von 1842 bis 1904 lebte und eine Ein-Frau-Romanmanufaktur unterhielt. Mehr als hundert Werke flossen ihr aus der Feder, sie belieferte vor allem das «Neue Wiener Tagblatt», dem sie als Feuilletonchefin diente, aber auch Zeitungen im ganzen deutschsprachigen Raum.

Was sie schrieb, war ohne Zweifel Trivialiteratur, die die Bedürfnisse der Leserschaft – kleine Angestellte und Hausfrauen – nach «Sensation und Skandal mit starkem Lokalbezug» befriedigte, so die Werbung. Man muss sich Hermine Frankenstein dennoch als eine moderne Frau, als Feministin vorstellen. Die Tochter eines Chirurgen am israelitischen Spital stand früh auf eigenen Füssen, verdiente sich ihren Lebensunterhalt stets selbst und – was damals wohl nur in einer Grossstadt wie Wien möglich war – trat mit ihrer Freundin Marie Kotzian als Paar auf.

Frankenstein engagierte sich in der «Frauenfrage», wie es seinerzeit hiess; sie war Mitgründerin und lange Jahre Schriftführerin des «Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien», der ihr in seinem Nachruf «genaue Sachkenntnis, praktischen Verstand und kollegiale Gesinnung» bescheinigte.

Schlösser in Cornwall

Der «Tages-Anzeiger» schrieb den Namen seiner Romanverfasserin aus; andere kürzten den Vornamen zu «H.» ab, in der Annahme, ein männlicher Autor würde ernster genommen. Im Tagi fehlt auch der Hinweis «aus dem Englischen» – viele Zeitungen suggerierten eine Übersetzung oder freie Bearbeitung einer englischen Vorlage. Wahrscheinlich eine Erfindung; Hermine Frankenstein siedelte ihre Stoffe gern in «romantischer» Umgebung an.

Auch «Ein düsteres Geheimnis», der Roman, mit dem der Tagi Abonnenten anlocken und halten wollte, kreist um zwei Schlösser in Cornwall, mit den klassischen Bestandteilen des «gothic»: Ruinen, Verstecke, Grüfte, Juwelen, unheimliche Begegnungen, falsche Identitäten und ein unaufgeklärter Mord. Der Roman ist ein Verschnitt verschiedener Gattungen, die auf dem Gaumen, gewissermassen im Abgang, den Drang nach mehr erzeugen sollten. Elemente des Abenteuerromans, des Liebesromans, des Krimis und der Enthüllungsgeschichte fliessen zusammen.

Kurios für den heutigen Leser, dass die Engländer, die im Roman auftreten, «Heinrich Graf von Königshof» oder «Freiherr Bertram von Knoll» heissen. Die (zeitlich nicht präzis situierte) Handlung beginnt in Griechenland, wo sich ein «Herr Fremd», ebenfalls Engländer, mit seiner Tochter Alex versteckt. Zu Hause wird er wegen Mordes gesucht; er soll seinen älteren Bruder, den Marquis von Heldenberg, ermordet haben; die Beweise waren erdrückend, der Hinrichtung entging er durch Flucht. Als Alex endlich das «düstere Geheimnis» erfährt, entschliesst sie sich, die Ehre ihres Vaters wiederherzustellen, indem sie den 18 Jahre zurückliegenden Kriminalfall aufklärt und den wirklichen Mörder findet. Wer das ist, begreifen die von der Autorin routiniert gelenkten Leser schnell: Es muss Peter Fuchs sein, der Kammerdiener des älteren Marquis und seines Nachfolgers auf Burg Heldenberg, trotz seines Namens ein Franzose, physiognomisch als Bösewicht klar markiert durch seinen tückischen Blick und eine entstellende Narbe.

Bis der Täter entlarvt und der irdischen Gerechtigkeit zugeführt wird, bis «Herr Fremd» wieder das Schloss seiner Vorfahren in Besitz nehmen kann, bis die tapfere Alex ihren Heinrich heiraten kann, geht es über 85 Folgen hochdramatisch zu und her. Hermine Frankenstein schreckt dabei vor keiner unwahrscheinlichen Wendung zurück. Alex, eigentlich ja ein junges, weltunkundiges Mädchen, errettet Heinrich aus dem Räuberlager des schrecklichen Manadeon, gerade als dieser ihm ein Ohr abschneiden will. Später schleicht sie sich als Gesellschaftsdame bei ihrer eigenen Mutter ein. Sie übersteht mehrere Mordanschläge des hinterhältigen Fuchs und liefert dem örtlichen Friedensrichter eine lückenlose Indizien- und Zeugenkette zu dessen Verurteilung.

Von Adjektiven durchsetzt

So spannend die Autorin ihr Erzählgarn spinnt, sie vergisst nie, was sie «der Literatur» schuldig ist, die ihr Publikum zu lesen glaubt: Poesie (viel stereotype Landschaft, verschwenderisch verstreute Adjektive) und Moral. In folgendem Ausschnitt gelingt ihr sogar eine Engführung von beidem.

Morgen im Räuberlager: «In hundert duftigen Farbenstufen röteten sich die Steine, die Felsen und Berge, die Thäler und Wälder. Die Wolken flohen vor dem reinen Azur des Himmels gleich verscheuchten Nachtvögeln. Die dunklen Blätter der Kastanien entfalteten sich, die Blütenzweige des wilden Oleanders, der Myrte und des Rosmarins wölbten sich zu grünen Hecken. Tausend Vögel belebten die Natur mit ihrem begrüssenden Gesang, und über alles das spannte sich ein Himmel so hell und freundlich, so mild und blau, dass man nicht begreifen mochte, wie unter seinem Bogen so viel schwarze Leidenschaft, so manche finstere Saat der Hölle die Herzen der Menschen verdunkeln könne.»

Aber die Hölle siegt nicht, jedenfalls nicht in Hermine Frankensteins Romanen; «die Vorsehung», die die Heldin anruft, richtet es dann schon. Darauf konnten sich die Leser verlassen. Auch beim nächsten Tagi-Roman.

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Der «Tages-Anzeiger» feiert sein 125-jähriges Jubiläum. Hier geht es zum Webspezial «Als der Tages-Anzeiger unter Polizeischutz verteilt wurde».

Das sind Zeitzeugen der Tagi-Geschichte:

TA-Journalist Iwan Städler hat den Fall Mörgeli lanciert. Im Video erzählt er, warum er einen bestimmten Satz in seinen Texten weggelassen hat.
Rolf Wespe hat mit zwei anderen Journalisten Bundesrätin Elisabeth Kopp gestürzt. Im Video schildert er den Moment, als er merkte: Jetzt passiert etwas ganz Grosses.
Der wohl berühmteste Text über die 80er-Unruhen ist die Reportage «Zürich, Anfang September». Autor Reto Hänny berichtet im Video über seine Ängste und Fehler.
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