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Ein Lehrstuhl darf kein heiliger Stuhl sein

Die Entlassung einer ETH-Professorin ist kein Einzelfall – aber ein besonders öffentlicher.

MeinungRafaela Roth
Die Hochschule wird Lehrstuhlinhaber nicht so schnell los, auch wenn Verfehlungen vorliegen: Hauptgebäude der ETH Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)
Die Hochschule wird Lehrstuhlinhaber nicht so schnell los, auch wenn Verfehlungen vorliegen: Hauptgebäude der ETH Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Historisch! Die erste Entlassung einer Professorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in 164 Jahren! Die Meldung schien sensationell zu sein. Der erste derartige Vorfall seit dem Jahr 1855? Damals erfasste die Cholera die Schweiz, in Basel starben daran 400 Menschen. Zwischen 1846 und 1878 regierte Pius IX. im Vatikan – eines der längsten Pontifikate überhaupt. Damit sind wir bei den heiligen Stühlen.

Denn die Astronomie-Professorin ist natürlich nicht die erste in der Geschichte der Hochschule, die ihren Lehrstuhl verlassen musste. Dass ETH-Präsident Joël Mesot es bei seiner Ankündigung letzte Woche dennoch so formuliert hat, soll wohl das neuerdings entschlossene Zupacken der Hochschulleitung signalisieren.

Wenig bekannt ist allerdings, dass schon einige Professoren in all den Jahren ihre Büros räumen mussten. Ihnen wurde meist vom Präsidenten ohne grosses Aufsehen – aber deutlich – nahegelegt, sich eine neue Stelle zu suchen. Andere wurden vor der Zeit emeritiert oder intern versetzt. Zwar entgehen damit sowohl die Professoren als auch die ETH einer öffentlichen Blossstellung. Oft bleibt aber leider auch eine gründliche Untersuchung der Vorfälle auf der Strecke.

Das System macht Professorinnen und Professoren nahezu allmächtig.

Dass Professoren in die Wüste geschickt werden, kommt nur ausnahmsweise und darum selten vor. Die Hürden für Entlassungen sind hoch, was durchaus sinnvoll ist. Mit hoher Jobsicherheit gewährleistet die ETH, dass die Forschenden den Mut haben, wissenschaftliches Neuland zu betreten und dabei auch zu scheitern. Denn der Weg zum Forschungserfolg ist oft genug mit lauter Rückschlägen gepflastert.

Das Problem dabei: Die Hochschule wird Lehrstuhlinhaber auch dann nicht so schnell los, wenn Verfehlungen gegenüber ihren Mitarbeitern und Doktorierenden oder den ihnen anvertrauten Mitteln vorliegen. Das System macht Professorinnen und Professoren nahezu allmächtig. Sie bestimmen über Budgets, Arbeitsverträge und Labore. Dabei hängen gerade in den Naturwissenschaften die Karrieren der Nachwuchsforscherinnen und -forscher immer auch von der Infrastruktur ab: Verlieren sie ihre Labore, verlieren sie ihre Forschungsprojekte, ihre Laufbahn kann im Nichts enden.

Eine erste Massnahme, dem möglichen Machtmissbrauch auf den Lehrstühlen vorzubeugen, hat die ETH angekündigt. Studierende sollen bei der Forschung bei ihren Dissertationen künftig nicht mehr von einer Professorin oder einem Professor allein betreut werden, sondern von mehreren. Das ist ein wichtiger und richtiger Schritt.

Was sich gründlich ändern muss, ist das Verhältnis der Hochschulleitung zur Kommunikation.

Aber: Die Löhne und Arbeitsverträge der Doktorierenden hat weiterhin immer nur je eine Person im Griff, und zwar die oder der direkte Vorgesetzte. Viele ausländische Hochschulen lösen das anders. Dort sind die Anstellungsbedingungen Sache des übergeordneten Departements. Damit wird vermieden, dass rein administrative Aufgaben mit wissenschaftlichen Kriterien vermischt werden.

An der ETH sind nur knapp 15 Prozent der Vollzeitprofessuren von Frauen besetzt. Dass es nun bei der ersten öffentlichen Entlassung seit 164 Jahren ausgerechnet eine Frau getroffen hat, ist darum ein kommunikatives Desaster. Was sich deswegen gründlich ändern muss, ist das Verhältnis der Hochschulleitung zur Kommunikation.

Es darf nicht länger sein, dass Fehltritte, Vergehen und Pannen auf den heilig-unheiligen Lehrstühlen von der Hochschulleitung verwedelt und über die Hintertreppe gelöst werden. Anders als wohl beabsichtigt leidet darunter die Reputation der Hochschule. Nur Offenheit, Klarheit und das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit schaffen das Vertrauen, das eine Institution wie die ETH braucht.

Wenn die Verantwortlichen dem endlich nachleben würden – das wäre dann wirklich historisch.

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