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Ein fast normaler Playboy

Das Tötungsdelikt an der Goldküste zeigt die Abgründe, die sich hinter der glitzernden Fassade der Partymetropole Zürich verbergen.

Der Beschuldigte B.S.: Goldjunge mit Abgründen.
Der Beschuldigte B.S.: Goldjunge mit Abgründen.
Digitalzh

Gute Kunst schreibt Geschichten, die die Realität präziser, dichter, besser fassen, als es das Leben selbst könnte. Aber wenn Drogen, Wahnsinn und Tod zusammenkommen, wird sie vom Leben überflügelt. Was Zürich als Spielplatz der Jeunesse dorée betrifft, haben schon einige Filme und Romane versucht, die Abgründe hinter Zürichs polierten Fassaden auszuloten.

Doch der Prozess um den «Goldküstenkiller» («Blick»), der diese Woche in Meilen verhandelt wird, stellt sie in den Schatten: Ein junger, attraktiver Galeristensohn, mit Werken von Warhol, Hirst und Richter in der eigenen Galerie, Absolvent bester Privatschulen, Kickboxer, Partytier, erschlägt einen Partykumpel brutal. Nicht gerade das, was man von einem Goldjungen erwartet.

Innerlich verwahrlost

Schon der gespenstische Auftakt zum Tötungsdelikt wirkt wie die Szene aus einem Film: Zwei junge Männer passieren nach einer langen Partynacht auf dem Heimweg im Schneegestöber das Bellevue, es schimmert gespenstisch im Licht der Strassenlampen. Das spätere Opfer A.F. sagt zum Galeristensohn B.S.: «Wir sind, glaube ich, die letzten Menschen auf Erden.» Die Aussage soll beim zugekoksten B.S. eine Kettenreaktion von Assoziationen ausgelöst haben, die tief in seinen Wahn, schliesslich zum schrecklichen Verbrechen führte.

Dazu kommt es am frühen Morgen in der elterlichen Villa an der Goldküste: Nach einem Streit über schwedische Volksmusik geht B.S. laut Staatsanwalt mit einem sechs Kilogramm schweren Kerzenständer auf A.F los, schmettert ihn in einen gläsernen Couchtisch, würgt ihn und rammt ihm zum Schluss eine Kerze in den Rachen. Dann ruft er die Polizei, die inmitten eines blutverschmierten Wohnzimmers auf die übel zugerichtete Leiche stösst.

Ein Kokainjunkie glaubt, er sei der Herr der Welt.

Das Leben von B.S. enthält alles, wofür Zürich steht. Gigantischer Reichtum, Kunsthandel, schöne Menschen, teure Autos, ein Jetset-Leben zwischen London, New York, Ibiza, Partys und vermutlich ein steter Strom von weiblicher Bewunderung, man ist schliesslich eine gute Partie. Nicht zu vergessen: massig Drogen. Der Täter hat während Jahren Kokain und Ketamin in Mengen konsumiert, die einen Elefanten umhauen würden. Aber wen kümmerts?

All diese Drogen gehören zu Zürichs Nachtleben wie einst das Heroin zum Platzspitz. Nur wanken die Drogenopfer im Unterschied zur Platzspitzzeit nicht wie Zombies durch die Strassen – sie tanzen in den Clubs. Sie fühlen sich sexy, unwiderstehlich, wichtig, sie schleppen Frauen ab, brettern mit Porsche Cayennes durch die nächtlichen Strassen und wollen immer mehr, immer weiter. Einem Heroinjunkie ist alles egal, ein Kokainjunkie glaubt, er sei der Herr der Welt. Aber Kokain lässt Menschen innerlich genauso verwahrlosen, selbst wenn die Oberfläche immer noch glitzert.

Taschengeld ohne Ende

B.S. kam selber nicht von den Drogen los, obschon sich fatale Konsequenzen abzeichneten. Selbst nachdem er sich sexuell an seiner Verlobten vergriffen und sie sich von ihm getrennt hatte, bestand er darauf, zu konsumieren, wie es ihm passt. Auch seine Eltern reagierten nicht. Der Vater bezahlte die Wohnung am Rennweg für 4000 Franken, dazu gab es ein Sackgeld von 5000 Franken, er konnte sogar Krankenkassenvergünstigungen beziehen, da er unbeschäftigt war.

Dabei wäre die Familie gewarnt gewesen. Die Verlobte berichtete beiden Eltern von den psychotischen Zuständen und B.S.s Attacken. Doch der Vater habe die Schuld bei der Verlobten gesucht, die Mutter sagte nur: Der Drogenkonsum senke halt die Frustrationstoleranz des Sohnes. Dieser hatte zuvor bereits den Vater im Wahn mit einem Spazierstock angefallen und war darauf in der Psychiatrie gelandet. Ausdrücklich hatte man dort auf Risiken bei weiterem Konsum hingewiesen, aber B.S. machte weiter.

Selbst nach dem grausamen Mord setzen die Eltern offenbar alles daran, den Sohn aus der Schusslinie zu nehmen. Sie schieben die Schuld der Verlobten und dem Opfer zu. Dass der eigene Sohn ein Junkie, Psychot und Killer sein könnte, obschon er ein ganz normales Zürcher Playboyleben führt, wäre doch einfach zu verstörend.

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