Ein Gebäude für die Hüter der Originale

Am kommenden Wochenende weiht das Staatsarchiv Zürich seinen Erweiterungsbau ein. Er bietet Platz für sechzehn Kilometer Akten und ist teilweise ganz schön unterkühlt.

Für die Zukunft gerüstet: Staatsarchivar Beat Gnädinger im Kühlraum, in dem künftig audiovisuelle Medien fachgerecht aufbewahrt werden.

Für die Zukunft gerüstet: Staatsarchivar Beat Gnädinger im Kühlraum, in dem künftig audiovisuelle Medien fachgerecht aufbewahrt werden. Bild: Urs Jaudas

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Alle Welt spricht von Digitalisierung, und das Staatsarchiv des Kantons Zürich rüstet seine Aktenschränke auf. Am kommenden Freitag und Samstag wird der Erweiterungsbau mit einem Publikumsfest eingeweiht. Der Bau des Zürcher Architekturbüros «architektick» knüpft nahtlos an die bestehenden Gebäude an und bietet in seinen vier Untergeschossen Platz für sechzehn bis achtzehn Laufkilometer Dokumente und Bücher.

«Noch treffen bei uns vor allem Unterlagen in Papierform aus dem 20. und 21. Jahrhundert ein», sagt Staatsarchivar Beat Gnädinger. Der Aktenberg wächst jährlich um etwa 700 Meter. Das sind allerdings nur etwa zwei Prozent der von den kantonalen Dienststellen angebotenen Unterlagen.

Bei der Uni Irchel: Der Neubau fügt sich nahtlos an die bestehenden Gebäude an. Bild Urs Jaudas

Diese werden nämlich von Mitarbeitenden gesichtet, ob sie tatsächlich überlieferungswürdig sind. Bei manchen, die massenhaft anfallen, werden nur Stichproben aufbewahrt.

Digitalisierung wenig spürbar

Gnädinger geht davon aus, dass die Papierflut in den nächsten zwei Jahrzehnten nur langsam abnimmt. Die Digitalisierung kommt zwar auch im Staatsarchiv an, wird aber erst in Bau 4 richtig sichtbar werden. Dieser ist bereits heute angedacht: für circa 2035.

Seit geraumer Zeit treffen jedoch immer mehr analoge audiovisuelle Originale im Staatsarchiv ein: Dias, Fotos, Tonbänder, Videos… Dafür ist es dank Bau 3 gewappnet.

Wir steigen in das vierte Untergeschoss von Bau 3 hinunter. Und durchlaufen dabei gleich mehrere Klimazonen: von gemässigt bis zu polaren null Grad.

Von trocken bis feucht

Gnädinger erläutert die komplizierten klimatischen Verhältnisse: Pergament muss relativ kühl und feucht gelagert werden, Papier jedoch kühl und trocken. Damit audiovisuelle Medien nicht schnell altern, müssen sie es kalt und trocken haben. Und die Menschen, die im Staatsarchiv arbeiten – Angestellte und Kundinnen und Kunden –, fühlen sich wohl bei mittleren Temperaturen und nicht zu trockener Luft.

Angenehme Arbeitsplätze für Mitarbeitende sowie Kundinnen und Kunden. Bild: Urs Jaudas

All das bietet der Neubau – und noch mehr. Denn für die heiklen Videos und Tonbänder wurden vier Klimakammern eingerichtet: Die kälteste wird auf polare null Grad gekühlt, in der wärmsten herrschen etwa fünfzehn Grad.

Wird ein entsprechendes Original aus dem Null-Grad-Magazin verlangt, muss dieses schrittweise akklimatisiert werden, damit es nicht zu «schwitzen» beginnt. Ähnlich heikel reagieren viele Dokumente auf Licht, was etwa UV-Filter in Fenstern erfordert.

Der neue Bau erfüllt die allerneusten Anforderungen des Kulturgüterschutzes und auch die Standards für Minergie P-Eco. Er verfügt über ein ausgeklügeltes Kühl- und Heizsystem und ist mit Fotovoltaik ausgerüstet. Die Energie für die im Untergrund benötigte Kälte wird auf den Dächern von Bau 2 und 3 produziert.

Viel Technik: Das raffinierte Kühl- und Heizsystem wird mit hausgemachtem Strom betrieben. Bild: Urs Jaudas

Ist das alles nicht etwas viel Aufhebens um altes Papier, alte Tonbänder und Videokassetten? Man könnte diese doch auch digitalisieren. Die Digitalisierung von Akten sei nicht nur zeitaufwendig und teuer, es gehe dabei auch Information verloren, sagt Gnädinger. Deshalb macht das Staatsarchiv nur von den zentralsten Aktenserien digitale Volltexte. «Wir sind hier die Hüter der Originale.»

Der Charme des Originals

Gnädinger stellt etwa im Umgang mit Mittelschülerinnen und Mittelschülern fest, dass sich gerade ganz junge Menschen durch Originaldokumente fesseln lassen. «Die Vorstellung, dass man das Original vor sich hat und nicht irgendeine Kopie oder die Abbildung auf einem Bildschirm, ist für sie ein spezielles Erlebnis.»

Zudem wisse man nie, was spätere Generationen interessiere. Das könne auch mal das Material eines Tonträgers oder das Rauschen eines Super-Acht-Films sein. Derzeit wird gerade evaluiert, ob die alten Tonbandaufnahmen der Kantonsratssitzungen archiviert werden.

Glastropfen: Kunst am Bau von Tobias Rehberger. Bild: Urs Jaudas

Die Sitzungen sind zwar alle schriftlich protokolliert, aber beim Reinhören stellt man fest, welch grosser Unterschied es ist, ob im Protokoll «Gelächter» steht, oder ob man den ganzen Rat lauthals lachen hört. «Die Aufnahmen stehen also in starkem Verdacht, überlieferungswürdig zu sein», sagt Beat Gnädinger.

Ebendieser Kantonsrat bewilligte im März 2016 für den Bau 3 des Staatsarchivs mit 162 zu 9 Stimmen einen Kredit von rund 25 Millionen Franken. Im Protokoll steht nichts von Gelächter.

Tage der offenen Tür: Freitag, 5. Juli, 14 bis 18 Uhr, Samstag, 6. Juli, 10 bis 17 Uhr. Mit Führungen und Workshops. Tramhaltestelle Universität Irchel oder Milchbuck. www.staatsarchiv.zh.ch

Erstellt: 02.07.2019, 13:58 Uhr

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