Ein Haus wie ein Streichholz

Mitten in Zürich ist ein Haus versteckt, das über 100 Meter lang ist, aber nur 4 Meter breit. In diesem unpraktischen Ding wohnen sogar Menschen. Und wie.

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Zum Anfang ein Rätsel: Wozu könnte ein Haus gut sein, das 104 Meter lang ist, aber nur 4 Meter breit? Man muss sich das vorstellen: Das ist ein Streichholz, um den Faktor Tausend aufgebläht. Eine unwohnliche Form. Und doch gibt es dieses Haus, mitten in Zürich, einen Katzensprung vom Bellevue entfernt. Versteckt oberhalb der Mauer, die die Hohe Promenade zur Rämistrasse abgrenzt. Und, ja, es leben Menschen darin.

Angefangen hat alles vor 180 Jahren mit einer Demütigung: Die entmachtete Stadt musste auf Druck der Landbevölkerung ihre Festungen schleifen. Ein Herr Denzler kaufte eines der brachliegenden Areale, auf dem sich zwei mittelalterliche Fluchttunnel befanden. Die waren wie gemacht für sein Gewerbe. Denn er war Seiler, und um Seile zu drehen, braucht man einen langen, gedeckten Platz, eine sogenannte Seilerbahn. Die schweren Steinkugeln im Stollen, in früheren Zeiten zum Zerschmettern von Zürichs Feinden gedacht, nutzte er als Gewichte. Bald erweiterte er die Anlage um einen lang gezogenen Holzbau, in dem seine Erben noch bis in die 1960er-Jahre Seile herstellten.

Die Nutzer müssen sich anpassen

Seither wird der denkmalgeschützte Bau ab und zu für Anlässe genutzt, wobei die Form das Skript bestimmt. Etwa, als im Stollen ein Theaterstück aufgeführt wurde mit dem Titel «Prolog für einen langen Raum». Oder als jüngst ein Pop-up-Restaurant seine Garküchen dort einrichtete, die Streetfood aus Thailand anboten.

Folgt der Besucher den Schienen im Fussboden, über die einst die Maschinen der Seiler rollten, steht er plötzlich vor einer Barriere. Kein Durchgang. Im hinteren Teil hat sich eine WG von Glückspilzen ein Refugium eingerichtet, wie man es im Herzen der Stadt kaum vermutete. Ein Zimmer befindet sich in einer Art Wintergarten, vom Gebälk der Seilerbahn baumeln Hängematten, und aus der stilvoll eingerichteten Wohnküche geht der Blick durch Glasfronten auf den verwunschenen Garten.

Durch ein altes, hölzernes Schwingtor gelangt man ins mehrstöckige Maschinenhaus. In diesem sind weitere Schlafzimmer untergebracht. Highlight ist aber die Dachterrasse, von der der Blick in die Weite geht bis auf den See. Einige Etagen tiefer wird es eng, zweigen die alten Tunnel in den Berg ab. Einer ist mit Holz verkleidet und dient als Bad, der andere ist ein roher Keller. Vor dem Ausgang liegen noch immer die alten Steinkugeln – ein solches Idyll muss man zur Not verteidigen können.

Diese Zürcher Häusergeschichte ist eine von über fünfzig, die im Rahmen der TA-Kolumne «Bauzone» bereits erschienen sind. Jeden Donnerstag kommt eine dazu. Eine vollständige Übersicht mit allen Texten finden Sie hier auf der interaktiven Karte.

Erstellt: 13.10.2016, 13:20 Uhr

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