Zürcher Feuerwehr: Ein Heli nützt nichts, die Leiter reicht nicht

Wie unglaublich schwierig eine Löschaktion am Zürcher Grossmünster wäre, sagt der Stv. Kommandant im Interview.

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In Paris brannte die Notre-Dame lichterloh. Könnten Sie das Zürcher Grossmünster retten, wenn es in Vollbrand stehen würde?
Löschen könnten wird den Brand, aber der Schaden wäre auch bei uns immens. Wenn ein sogenannter Innenangriff vorliegen würde, sich der Brandherd also im Innern der Kirche befände, wäre es einfacher, die Flammen in den Griff zu bekommen. Von aussen ist die Löschwirkung kleiner.

Warum?
Weil wir an dieser Stelle der Altstadt nur mit Drehleitern den Brandherd bekämpfen könnten. Diese gelangen nur auf eine Höhe von 30 Metern, das Grossmünster ist aber wesentlich höher. Alleine die Türme sind rund 64 Meter hoch. Diese Höhe erreichen wir mit der Drehleiter gar nicht.

Gibt es denn keine anderen Löschgeräte, mit denen die Einsatzkräfte höher hinauf gelangen können?
Doch, mit dem Hubretter könnten wir bis zu 53 Meter hoch. Aber anders als die Drehleitern mit ihren 18 Tonnen hat dieses Fahrzeug ein Gewicht von 28 Tonnen, und um das Grossmünster herum befinden sich unterirdische Katakomben. Sie würden diese Belastung nicht aushalten und könnten einbrechen. Aus diesem Grund können wir nicht mit den Hubrettern ans Grossmünster heranfahren. Auch als wir einen Touristen mit Beinbruch nicht mit herkömmlichen Mitteln aus einem der Türme retten konnten, mussten wir ihn damals mit einem Helikopter bergen.

Rettung aus der Höhe: Der Hubretter von Schutz und Rettung Zürich im Einsatz (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

Ein Helikopter könnte doch auch zum Löschen eines solchen Brandes genutzt werden?
Im Wald geht das schon, aber nicht bei einem Grossbrand in einem Gebäude. Ein Helikopter kann nicht in eine solche Thermik hineinfliegen. Um nicht selbst in Gefahr zu geraten, müsste der Pilot so weit hinauffliegen, dass das Wasser schlussendlich gar nicht mehr unten ankäme. Auch ein Löschflugzeug wäre für die Brandbekämpfung an dieser Stelle keine Option, weil es viel zu ungenau eine viel zu grosse Menge Wasser ablassen würde. Da entstünde noch mehr Schaden am Gebäude.

Also wie würden Sie konkret bei einem Brand im Grossmünster vorgehen?
Bei einem Vollbrand müssten wir mit Drehleitern und zu Fuss so nahe wie möglich an den Brandherd gelangen. Hinein könnten wir vermutlich nicht mehr, das wäre zu gefährlich. Auch ausserhalb des Gebäudes müssten wir konstant darauf achten, dass der Trümmerregen uns nicht gefährdet.

Gibt es ein eingeübtes Löschszenario für solche historischen Gebäude im Stadtraum?
Nein, ein standardisiertes Konzept gibt es nicht zum Löschen eines Vollbrandes im Grossmünster. In einem solchen Fall gilt es, auf alle möglichen Arten zu retten, was zu retten ist, und den Brand so schnell wie möglich einzudämmen. Mittelalterliche Gebäude enthalten viele Holzkonstruktionen, die rasch brennen wie Zunder. Auch das Grossmünster hat bereits zweimal gebrannt: Einmal 1572 und am 24. August 1763 stand ein Turm in Flammen, weil der Blitz eingeschlagen hat. Der Turm hatte damals noch ein Dach aus dünnen Holzschindeln. Die Feuerwehrleute haben dann vom anderen Turm aus den Brand gelöscht.


Der Brand der Notre-Dame
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Wäre es heute auch eine Option, vom Turm aus zu löschen?
Ja, durchaus. Solange die Türme selbst nicht einsturzgefährdet sind. Die Sicherheit der Rettungskräfte hat aber in jedem Fall Vorrang.

Wie sieht es mit dem Schutz der umliegenden Häuser aus?
Die Sicherheit der Häuser hat oberste Priorität. Aus dem Kirchenbrand darf kein Altstadtbrand werden. Es ist tatsächlich sehr schwierig, mit Löschfahrzeugen in die Altstadt hineinzugelangen. Vor allem bei der St.-Peter-Kirche kommen wir nur zu Fuss in die Nähe des Gebäudes. Beim Fraumünster sind die Platzverhältnisse besser, und der Untergrund ist stabiler. Da kämen wir mit Drehleitern bis hinauf auf das Dach. Aber im Grunde genommen kann man nur hoffen, dass ein Brand in solch alten Häusern schnell entdeckt wird. Dann hätten wir die besseren Karten.

Was ging in Ihnen vor, als Sie die Bilder der brennenden Notre-Dame sahen?
Ich war sprachlos. Es ist ein historisches Denkmal von internationaler Ausstrahlung. Man denkt unweigerlich: Wie kann ich dieser Aufgabe, es zu retten, gerecht werden? Dieses Gefühl ist schrecklich. Es nagt an einem, schliesslich ist es unsere zentrale Aufgaben, Menschen zu retten, einen Brand zu löschen und das Gebäude zu sichern. Ich bin in Gedanken bei den Kolleginnen und Kollegen der Pariser Feuerwehr.

Video: Chronologie der Pariser Brandkatastrophe

Flammen am Abend, Angst in der Nacht, Trotz am Morgen: Der Brand der Notre-Dame im Rückblick.

Erstellt: 16.04.2019, 12:16 Uhr

In Einsiedeln kämen auch Priester zum Einsatz

Bei einem Brand in der Klosterkirche Einsiedeln SZ käme auch die hauseigene Interventionstruppe zum Einsatz. Sie könnte der Feuerwehr dank ihrer Ortskenntnisse wertvolle Informationen liefern. Einen Knackpunkt bilden die hohen Kirchtürme und das Kirchenschiff.

Die Stützpunktfeuerwehr Einsiedeln verfügt über ein sogenanntes Schutzgutinventar für die barocke Stiftskirche und das Kloster, wie Kommandant Marcel Zehnder gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erklärte. Auf Papier und einem Webportal seien alle schützenswerten Güter, Bilder und Bücher aufgelistet, aber auch die Zugangsmöglichkeiten für Löschfahrzeuge und die möglichen Gefahren für die Einsatzkräfte im Brandfall.

Die Klosteranlage und die Kirche selber seien für einen Ernstfall ausgerüstet - wie zum Beispiel mit einem Brandmeldesystem für die Früherkennung von Rauch- und Flammenentwicklung oder sogenannten Trockensteigleitern, um Wasser in die Türme zu bringen. (sda)

Jan Bauke, Stv. Kommandant Feuerwehr Stadt Zürich. (Bild: zvg)

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