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Ein Lächeln für ihre Feinde

Bereit für ihre Wiederwahl: Zürich ist mit Stadtpräsidentin Corine Mauch gewachsen, Mauch ist an Zürich gewachsen.

Corine Mauch zeigt ihren Unort bei der Autobahn N01/40 in Schwamendingen und erklärt, was sie daran ändern will. (Video: Lea Blum)

Wer Corine Mauch kritisiert, erntet ein Lächeln. Je härter die Kritik, desto breiter ihr Lachen. An diesem Abend – wir befinden uns an einem Wahlpodium im Zürcher Kaufleuten – ist es Roger Bar­tholdi (SVP), der den Angriff wagt: Träg und selbstzufrieden sei die Regierung unter Mauch geworden, visionslos.

Während der Kandidat sich rhetorisch ins Zeug legt, zeigen die Mundwinkel der Stadtpräsidentin nach oben. Kritiker von Mauch mögen darin etwas Arrogantes finden, doch sie kann es sich leisten. Vermutlich ist sie auch selber ein wenig verblüfft. Darüber, dass ihren Gegnern schon wieder nichts Neues eingefallen ist. Ihr Erfolg gründet auch in der Harmlosigkeit ihrer Gegner.

Sie antwortet: «Ich verstehe ihre Verzweiflung. Sie müssen krampfhaft etwas Negatives suchen. Selbst jetzt, wo es dieser Stadt doch so gut geht wie schon lange nicht mehr.» Es folgt eine Aufzählung der städtischen Erfolgsbilanz: 50'000 neue Arbeitsplätze in zwölf Jahren, 25'000 zugezogene Steuerzahler im selben Zeitraum, nur zwei Prozent Arbeitslose, Spitzenplatz im Ranking der lebenswertesten Städte, ein Eigenkapital von über einer Milliarde Franken.

Bei jedem Superlativ, den Mauch in die Runde wirft, lassen die bürgerlichen Podiumsteilnehmer die Köpfe etwas tiefer hängen. Kein Widerspruch, kein Kopfschütteln – wie Schulbuben, die gerade von ihrer Lehrerin in die Schranken verwiesen werden. Dabei wissen alle im Saal: Der Erfolg ist nicht in erster Linie der Stadtpräsidentin zu verdanken, sondern der blühenden Konjunktur. Doch daran werden Stadtpräsidentinnen und Stadtpräsidenten gemessen: am wirtschaftlichen Erfolg.

Schwäche zur Stärke gemacht

So gesehen übernahm Mauch das Amt der Stadtpräsidentin zum dümmstmöglichen Zeitpunkt. Es war 2009, kurz nach Ausbruch der Finanzkrise. Direkt aus dem Gemeinderat wurde die damals 49-Jährige ins höchste Amt Zürichs katapultiert.

Der Start misslang gründlich. Sie verkündete, wie beanspruchend das Leben als Stadtpräsidentin sei – und tauchte wochenlang in die Ferien ab. Ihre Reden wirkten hölzern und abgelesen, sie verhaspelte sich, war unsicher. Der Übername «die graue Mauch» sollte lange an ihr haften bleiben.

Verglichen mit damals ist Mauch nicht wiederzuerkennen. Mit der erblühenden Wirtschaft löste auch sie sich aus der Schockstarre. Der Wandel zeigt sich nirgends deutlicher als in der wichtigsten stadträtlichen Aufgabe: dem öffentlichen Auftritt. Sogar ihre Gegner attestieren ihr heute, dass sie die Stadt gut bis hervorragend repräsentiere. Sie tun dies zähneknirschend.

So auch Roger Tognella (FDP). Für die Stadtentwicklung tue sie allerdings zu wenig, sagt der Gemeinderat. Tognella lebt da, wo er aufgewachsen ist: in Schwamendingen. Die Entwicklung der städtischen Randgebiete beobachtet er mit Sorge. Das dörfliche Leben komme immer mehr zum Erliegen. Stattdessen sei eine Monokultur und eine Tendenz zur reinen Schlafstadt zu beobachten. Der Stadtrat übernehme zu wenig Verantwortung. «Mauch verwaltet mehr, als dass sie gestaltet.»

Regieren nach Excel-Tabelle

In der Kulturförderung ist Mauchs Engagement stark spürbar. Regelmässig besucht sie Lesungen, legt an Gay-Partys auch mal als DJane auf und schwärmt am Radio über ihre Lieblingsmusik. Die Vertreter der Kulturszene sind denn auch ihre grössten Fans: Eine gute Zuhörerin sei sie, sagt Regisseur Christoph Schaub. Als ehemaliges Mitglied der Zürcher Filmstiftung erinnert er sich an gemeinsame Sitzungen. «Mauch verfolgt ein klares Ziel und erzwingt hartnäckig den Kompromiss». Eine sachliche Mediatorin – so, wie Angela Merkel eine sein soll.

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«Wer keine Argumente hat, kommt mit solchen Vorwürfen»

Zum Interview mit Corine Mauch.

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Ein Vertreter der Kulturszene, der anonym bleiben will, vermisst bei ihr die inhaltliche Auseinandersetzung. Es gehe immer nur um Zahlen, der bürokratische Aufwand sei deutlich gestiegen. «Sie regiert nach Excel-Tabelle, die Kunst wird zur Nebensache.» Im Stadtrat ist es gerade diese Sachlichkeit, die geschätzt wird. Sie erfülle ihre Rolle als Prima inter Pares perfekt, sagt ihr Weggefährte André Odermatt (SP). «Dafür braucht es Pragmatismus, vernetztes Denken und keine Showeinlagen.» Sie habe einen ausgeprägten Teamspirit.

Wer einmal im Stadtrat sitzt, scheint ihr zu erliegen: Der abtretende CVP-Magistrat Gerold Lauber unterstützt nicht seinen bürgerlichen Kollegen Filippo Leutenegger (FDP), sondern Mauch.

Und selten eine Provokation

Als «Wohlfühlgremium» wird der Stadtrat bisweilen von aussen verspottet. Und niemand scheint für dessen Leitung geeigneter als Mauch. Ihre öffentlichen Auftritte sind harmonisch, frei von Provokation – es regiert die biedere Freundlichkeit. Ihr persönlichster Eintrag auf Facebook zeigt einen Sonnenaufgang, aufgenommen aus ihrem Büro. Darunter die Worte: «Endlich, wieder mal die Sonne am Morgenhimmel – nach all den Sturmtagen?!» Mit solchen Belanglosigkeiten bedient sie ihre Fans. Vergessen die Zeiten, als sie mit ihrer Punkrockband Zürcher Bühnen bespielte.

Das ist ihre Aufgabe: eine Präsidentin für alle zu sein. In Zürich sind nicht schrille Statements, sondern Unterstatement gefragt. Mauch erfüllt diese Erwartungen perfekt. Immer stilvoll, niemals extravagant.Selten tut sie trotzdem etwas Unerwartetes. Lanciert einen Vorstoss, der andere vor den Kopf stösst. So geschehen mit ihrem letztjährigen Einbürgerungsaufruf an alle Ausländer. Gut möglich, dass Mauch bei einer Wiederwahl noch rebellischer würde. Es wäre ihre letzte Amtszeit, der Druck wäre weg – doch zuerst muss sie gegen Filippo Leutenegger gewinnen.

Mauch ist siegessicher. Manchmal auch ein wenig gemein, wenn die Kameras nicht auf sie gerichtet sind. Vor einem Wahlauftritt in Schwamendingen wird sie von einem befreundeten SP-Mitglied zu ihrem Konkurrenten befragt. Ob Filippo die vom Winde verwehten Sonnenschirme auf dem Sechseläutenplatz nur aufgestellt habe, um Aufmerksamkeit und Wählerstimmen zu ernten? «Hat er überhaupt eine Chance gegen dich?» Mauchs Antwort: Sie lächelt.

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