Ein Last-Minute-Sommer für alle

Sie tanzen wieder. Und gehen lieber schwimmen, als die Welt zu verändern. Das Theater Spektakel auf der Landiwiese ist für viele zum Ferienresort geworden.

Am Theater Spektakel fühlt man sich ein bisschen wie in einem Club Méditerranée. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Am Theater Spektakel fühlt man sich ein bisschen wie in einem Club Méditerranée. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Ein Fest für alle soll es werden. All inclusive und noch viel mehr. 40 Jahre gibt es nun das Theater Spektakel, und zum Jubiläum setzt das Festival auf Partizipation, was das neue Wort für Mitmachtheater ist.

Das Publikum ist zum täglichen Warm-up auf der Landi­wiese mit der Truppe des französischen Choreografen Boris Charmatz eingeladen – und das bei jedem Wetter, auch wenn es blitzt. «Nutzen Sie das Angebot, schauen Sie nicht nur zu, wie die Profis tanzen, tanzen Sie auch!», heisst es im Programm zu diesem «essai à ciel ouvert».

Himmel, möchte man da sagen, so weit ist es jetzt schon mit der Kunst gekommen, jeder Pflock tanzt mit. Und denkt, sorry, gleich an die Crazy Signs, auf die der Club Med das Copyright hat: eine Tanzform, welche in allen Club-Resorts von Erwachsenen und Kindern getanzt wird, «mit Begeisterung», wie die Werbung sagt. Wer aber die Crazy-Signs-Videos auf Youtube gesehen hat, möchte eher schreien: Was für ein seltsames Theater!

Jedenfalls: Teilhabe da und Teilhabe dort. Es ist zwar ein bisschen unfair, das Zürcher Theater Spektakel und den Club Méditerranée in eine Verbindung zu bringen. Auf der einen Seite steht der Einsatz für die Kunst, mit nicht immer leichter Kost, aktuell ist es das Thema der Migration; auf der anderen Seite wirkt ein Konzern, der Spezialist ist für unbeschwerte Ferien draussen in der Welt, mit Millionen Franken Umsatz. Aber mit Zelten haben beide begonnen. Die Gentils Organisateurs. Und die Theatermacher.

Theaterglück am See

Das erste Zeltcamp stellte Gérard Blitz, ein belgischer Wasserballer, mit seinem französischen Compagnon um 1950 auf Mallorca auf. Seine Idee war, dass es alle Menschen, ob reich oder arm, in den Ferien gut haben sollen. «Ein Ziel des Lebens ist, glücklich zu sein. Der Augenblick, um glücklich zu sein, ist jetzt, und der Ort, um glücklich zu sein, ist hier.» Mit der Zeit diversifi­zierte das Glück Richtung feste Häuser – inzwischen in rund 70 Club-Med-Resorts, in Marokko, Frankreich oder auch China.

Einige Truppen kommen aus diesen Ländern ans Spektakel, dieses Jahr zum Beispiel die Groupe Acrobatique de Tanger. Und bringen unser Glück zurück.

Garantiert sind hier multikultureller Spirit, Offenheit und Herzlichkeit. «Hier haben Sie die Freiheit, etwas zu erleben.» 

Drei Zelte standen 1980 am Anfang des Theater Spektakel. Ein paar Bühnen mehr sind es im Jubiläumsjahr geworden: Werft, Seebühne, Nord, Süd, Rote Fabrik, Zentral – und eben das Terrain, welches Boris Charmatz draussen auf der Landiwiese bespielt. Er sagt, die Kunst sei manchmal mehr ein Wildnis­camp als eine Luxusoper. Und geht jetzt zurück zu den Anfängen, als noch keine Mauern, keine Scheinwerfer, keine Black Box im Theater waren: auf ein Stück Rasen unter freiem Himmel.

Hier fand er im letzten Jahr eine Art von Theaterglück. Nicht im Nachdenken über neue Formen des Spektakels. Er ging einfach baden. Oder schaute spielenden Kindern zu. Und den Stand-up-Paddlern auf dem See. «Ich fühlte mich wohl.» Es ist das neue Theater-Spektakel-Gefühl.

Spektakel für sich

Diese Kunst beherrscht auch das Publikum immer besser. Schon lange ist das Theater Spektakel nicht mehr nur der Ort für Theater-Nerds, die zum Siebenstünder in die Werft pilgern.

Die Landiwiese ist für viele selber zum Resort geworden, sozusagen für den Last-Minute-Sommer nach den Ferien. Das Versprechen: bequeme Anreise, zum Teil mit dem Schiff. Seesicht. Restaurant. Bar. Lounge. Auch ein Kinderbereich. Das Karussell! Dazu ein bisschen Strassenkunst. Artisten. Champions der Kleinkunst.

Garantiert sind hier multikultureller Spirit, Offenheit und Herzlichkeit. «Hier haben Sie die Freiheit, etwas zu erleben.» Das war jetzt der falsche Werbespot, er kommt vom Club Med. Richtig ist: Die Landiwiese ist ein Spektakel für sich. Man isst beim Chinesen. Oder im L’Andis. Trinkt ein Glas Wein. Schaut zu, was rundum so passiert. Oder auch nicht. Und fühlt sich als Teil der Inszenierung, Warm-up hin oder her. Hier kann man Selbstversuche machen auch in Sachen Teilhabe. Wir sind doch alle ein bisschen Künstler.

Zum Jubiläum gibt es an diesem Samstag das grosse Fest für alle. Boris Charmatz zeigt mit seiner Truppe am Nachmittag das Stück «20 danseurs pour le XXème siècle». Später ist man eingeladen, an der grossen Tafel Platz zu nehmen.

Und da muss jetzt niemand sagen, es sei wie im Club Med, der die Gäste an Achtertische platziert, damit sie es miteinander fröhlich haben. Das Theater Spektakel spielt in einer ganz anderen Kategorie. Also hin! Und mitmachen.

Theater Spektakel, 15.8. bis 1.9.

Erstellt: 14.08.2019, 22:47 Uhr

Mitmachspektakel

Das Theater Spektakel 2019 ist eine Einladung an alle. Nicht nur Theater und Rahmenprogramm zu konsumieren, sondern mitzuwirken, mitzudenken und mitzudiskutieren. Dieser Einladung kommt der TA gerne nach: Während des Festivals lassen sich Redaktorinnen und Redaktoren auf Experimente ein, setzen sich neuen und teils unangenehmen Situationen aus. Ihre Berichte begleiten Sie durch die nächsten beiden Wochen – so können Sie am Spektakel partizipieren, ohne mitmachen zu müssen. (bra)

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