Ein linkes «Ungenügend» für Wolffs Velopolitik

Das Velo hat in Zürich Rückenwind. Für die Linken macht AL-Stadtrat Richard Wolff aber zu wenig für das Velo. Dieser wehrt sich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Rückenwind fürs Velo blies noch nie so stark in Zürich. Und trotzdem läufts gar nicht gut, ­finden linksgrüne Verkehrspolitikerinnen. Seit den Wahlen 2018 verfügen die Veloparteien im Stadtparlament über eine pannensichere Mehrheit. Mit Richard Wolff (AL) kontrolliert wieder ein Linker das entscheidende Tiefbaudepartement. Geld für Projekte hat die Stadt mehr als genug. Und selbst im übergeordneten Kantonsrat finden grüne Themen neuerdings eine Mehrheit.

Auch der Zeitgeist gibt dem Velo Schub. Es ist das klimafreundlichste Fortbewegungsmittel überhaupt. Und gerade hat eine Studie nachgewiesen: Abgetrennte Velowege machen den Verkehr für alle sicherer.

Velolobby verzweifelt

Also gehts jetzt mit scharfem Tritt Richtung Velostadt Zürich? Velofreundliche Zürcher Verkehrspolitiker sagen: nein. Seit der neuen Ressortverteilung im Stadtrat sei die erhoffte Kehrtwende nicht eingetreten. «Ich bin ein bisschen verzweifelt», sagt Dave Durner von der Veloorgani­sation Pro Velo. «Es ist frustrierend», findet der grünliberale Gemeinderat Sven Sobernheim. «Man könnte sehr vieles besser machen», sagt SP-Gemeinderätin Simone Brander.

Seit Juni hat Pro Velo sieben Einwendungen und drei Einsprachen gegen städtische Tiefbauprojekte eingereicht. Ihr Mangel: zu wenig velofreundlich. «So häufig in so kurzer Zeit mussten wir selten einschreiten», sagt Dave Durner. «Dabei sollten wir in einer Stadt mit ­solchen Mehrheiten gar keine Einwendungen mehr schreiben müssen.» Für Kritik sorgt zum Beispiel die neue Gestaltung der Kreuzung Lang- und Lagerstrasse oder die Pläne zur Renovation der Zollbrücke.

Wolff betont, dass er «mindestens» die gleichen Ziele anstrebe wie 
seine linksgrünen Kritiker.

Verärgert hat die grünen Verkehrspolitikerinnen auch, wie der Stadtrat mit der Velorouten­initiative der SP umgegangen ist. Diese verlangt sichere Velostrassen durch die Stadt. Erst lehnte er die Initiative ab. Monatelang versuchte er, einen Gegenvorschlag auszuarbeiten. Als dies nicht gelang, schwenkte er auf Unterstützung um. Dieses Vorgehen wirke wenig vertrauenserweckend, sagt Brander.

Die Velopolitiker verstehen nicht, weshalb die Umsetzung von gewissen Verbesserungen so lange dauert, zum Beispiel die Verbreiterung des Velotunnels an der Langstrasse. Und alle vermissen Pionierprojekte, wie sie Kopenhagen, Amsterdam oder Utrecht vorweisen können, wo gerade ein mehrstöckiges Parkhaus für 12'500 Velos eröffnet wurde.

Sachzwangerklärungen für den Zürcher Rückstand gibt es einige: In Zürich fehlt es an breiten Boulevards, eng sind die hiesigen Strassen. Bei ihrer Neugestaltung reden zahlreiche Ämter mit. Und Tiefbauprojekte brauchen viel Zeit. Dazu bremst der bürgerliche Regierungsrat.

In Bern ist das Velo das wichtigste Anliegen

«Trotz all dieser Widerstände: Wenn man wollen würde, könnte man», sagt Simone Brander. Hauptverantwortlich für den Stillstand sei der Stadtrat, insbesondere Tiefbauvorsteher Richard Wolff. Der grüne Gemeinderat Markus Knauss teilt diese Einschätzung: «Stadtrat Wolff hat möglicherweise noch nicht verstanden, wie dringend Politik und Bevölkerung Verbesserungen im Veloverkehr wollen.» ­Richard Wolff fehle der Mut, Neues und Grosses zu wagen, sagt Sven Sobernheim. «Dazu gehört, dass man Leute hässig macht oder auch mal scheitert.» Diesen Spirit vermisse er. «Dabei würde das Parlament mutige Lösungen voll unterstützen.»

Wolff winke einfach alle Projekte seiner Fachleute durch, sagt Sobernheim. Dass sich ein Stadtrat stärker einmischen könne, habe Wolffs Vorgänger Filippo Leutenegger (FDP) vorgemacht. «Sich gegen die Verwaltung durchzusetzen, ist unangenehm. Aber so erreicht man etwas.»

«Wolff könnte als der Stadtrat in die Geschichte eingehen, der Zürich zur Velo­stadt gemacht hat.»Dave Durner, Pro Velo

Die Verkehrspolitikerinnen und -politiker verweisen gerne auf die Berner SP-Politikerin Ursula Wyss. Diese habe nach ihrer Wahl in die Stadtregierung das Velo zum wichtigsten Anliegen erklärt, Spezialisten eingestellt und jedes Strassenprojekt aufs Velo ausgerichtet. Bereits herrscht Enttäuschung über ­Richard Wolffs Velopolitik. «Ich hätte viel mehr Gestaltungswillen erwartet», sagt SP-Co-Präsident Marco Denoth. «Er könnte als der Stadtrat in die Geschichte eingehen, der Zürich zur Velo­stadt gemacht hat», sagt Dave Durner. Offenbar scheine ­Richard Wolff das nicht zu wollen.

FDP-Gemeinderat Andreas Egli deutet Wolffs Politik diametral anders. «In der SP und bei den Grünen haben heute die Velo­fundis das Sagen.» Kompromisse, die alle Verkehrsmittel gleichwertig berücksichtigen, seien nicht mehr gefragt. Anfangs habe sich Wolff noch für alle Seiten ­offen gezeigt. Nun sei er eingeschwenkt auf eine linientreue, velofixierte Politik. «Er steht unter Druck. Eine gemässigte Position kann er sich gar nicht leisten», sagt Egli.

Zuerst einmal einarbeiten

AL-Fraktionschef Andreas Kir­stein verteidigt «seinen» Stadtrat. Wolff wolle nachhaltig unterwegs sein. Schon im Sicherheitsdepartement habe er sich zuerst gut eingearbeitet. «Dann aber stiess er eine Reihe vielversprechender Änderungen an.» Kir­stein erinnert daran, dass SP und Grüne zusammen die Mehrheit stellen in der Regierung. «Wenn ihnen Wolff zu langsam macht, können sie das ändern.»

Richard Wolff selber nimmt die Kritik aus dem eigenen Lager gelassen. Er verweist darauf, dass in den letzten 20 Jahren in Sachen Velo zu wenig passiert sei in Zürich. «Man kann nicht erwarten, dass ich in einem Jahr alles aufhole.» Wolff betont, dass er «mindestens» die gleichen Ziele anstrebe wie seine linksgrünen Kritiker. Zürich mache keine schlechte Verkehrspolitik. «Aber die Verteilung des knappen Strassenraums muss neu beurteilt werden. Fussgänger und Velos brauchen mehr Platz.»

«Jedes Strassenprojekt muss sichere ­Velowege haben, dafür sorge ich.»Richard Wolff

Den Vorwurf, dass er sich zu wenig dafür einsetze, lässt Wolff nicht gelten. Er schaue seinen Fachleuten genauso auf die Finger wie sein Vorgänger. «Jedes Strassenprojekt muss sichere ­Velowege haben, dafür sorge ich.» So habe er den angedachten Umbau der Bellerivestrasse gestoppt, um mehr Platz für Velos zu schaffen. Auch die Neuplanung des Heimplatzes habe er fürs Velo verbessert. Weitere Projekte wie der Stadttunnel seien auf gutem Weg. Oft gebe es aber Widerstände, die zu Verzögerungen führten, Einsprachen etwa. Erschwerend dazu komme eine neue kantonale Vorgabe. Sie verbietet es, die Autokapazitäten auf Strassen einzuschränken.

Kürzlich fuhr Stadtrat Wolff mit der Verkehrskommission des Gemeinderats nach Wien, um die Velopolitik zu studieren. Manches laufe gut dort, sagt Wolff. «Aber die Wiener sind genauso unzufrieden wie wir in Zürich.»

Erstellt: 02.09.2019, 20:59 Uhr

Mehr Velofahrer in der Stadt, viel mehr Unfälle

Das Velonetz konnte nicht mithalten mit dem Wachstum des Veloverkehrs in Zürich. Das ist gefährlich.

Die Anzahl der Zürcherinnen und Zürcher, die sich tretend durch die Stadt bewegen, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die städtischen Zählstellen haben letztes Jahr 50 Prozent mehr Velofahrerinnen und Velofahrer gemessen als im Jahr 2012. Über absolute Zahlen verfügt die Stadt Zürich nicht.

Das Velonetz konnte nicht mithalten mit diesem Wachstum. Von den rund 97 Kilometer langen Hauptrouten, die durch die Stadt führen, haben weiterhin 20 Kilometer «keine spezifische Velomassnahme», wie aus einem aktuellen Bericht hervorgeht. Diese Hauptrouten ohne Veloweg verkürzte die Stadt seit 2012 um gut fünf Kilometer. Das heisst aber nicht, dass es sich auf dem Rest komfortabel radelt: 36,3 Kilometer der Hauptrouten erreichen lediglich die «Minimalanforderungen». Velowege, welche die «Standardanforderungen» oder mehr erfüllen, finden sich auf gut 40 Kilometern der Hauptrouten.

541 Unfälle

Überproportional zugenommen haben die Velounfälle. 2018 sind 541 Velofahrerinnen und Velofahrer auf Zürcher Stadtgebiet verunfallt – das sind 84 Prozent mehr als im Jahr 2012. Durchschnittlich hätten sich die Verunfallten aber etwas weniger schwer verletzt als früher, heisst es im Bericht.

Als Gründe für die vielen Zusammenstösse nennt der Stadtrat die steigende Zahl der Velofahrer, die «diesen Mengen nicht entsprechende Infrastruktur» sowie «Fehlverhalten und mangelnde Fahrzeugbeherrschung» der Velofahrenden und anderer Verkehrsteilnehmer.

Beat Metzler

Artikel zum Thema

Gute Velowege helfen allen

Kommentar Zürich müsste viel konsequenter in die Veloinfrastruktur investieren. Alles andere gefährdet Leben. Mehr...

Verblüffende Zahlen: Viele Velofahrer – weniger Verkehrstote

Velos machen den Verkehr in Städten sicherer – auch für Autofahrer und Fussgänger. Woran das liegt. Mehr...

«Wir wollen die Hälfte der öffentlichen Parkplätze abbauen»

Interview Zürich streitet über Parkplätze. Berns Verkehrsministerin Ursula Wyss (SP) erklärt ihre radikalen Velo-Massnahmen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...