Ein Palast für 80'000 Zürcherinnen

Das ausgefallenste Bienenhaus Zürichs ist eine Kopie des Luxushotels Baur au Lac. Wenn in der Stadt heftig gefeiert wird, werden seine Bewohnerinnen gezügelt.

Dieser Palazzo im Park des Baur au Lac ist ein Bienenhäuschen. Das Flugbrett ganz unten war einmal eine Kirchenbank. Foto: Dominique Meienberg

Dieser Palazzo im Park des Baur au Lac ist ein Bienenhäuschen. Das Flugbrett ganz unten war einmal eine Kirchenbank. Foto: Dominique Meienberg

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Nur einen Steinwurf vom Bürkliplatz entfernt, in einem Park gelegen, mit Blick auf den See und in die Berge, da steht ein Haus, nein besser, ein Palast für 80'000 Bewohnerinnen und ein paar Bewohner. Es tönt wie eine fiebrige Satire über das feministisch-wohnbaufördernde Zürich. Aber nein, es ist die pure Wahrheit! Etwas verrückt ist es allerdings schon, dieses Bienenhaus im Park des Baur au Lac.

Auf Wunsch der Direktion sollte das Bienenhäuschen dem Original in seiner unmittelbaren Nähe möglichst nahe kommen: Die streng symmetrisch gegliederte Fassade, die gekrönte Mitte, die Balkone an den Flanken im ersten und zweiten Stock – es ist alles da. Nur eben statt 119 Zimmern und 250 Mitarbeitern wie im Hotel verstecken sich im Inneren vier Bienenkästen mit je rund 20'000 Mitarbeiterinnen.

Ein Bäckermeister mit Visionen für Zürich

Die Idee eines Bienenhäuschens im Stil eines Fünfsternhotels ist ähnlich verrückt wie jene für das Original: Als Bäckermeister Johannes Baur das Hotel 1844 als Sommer-Dependance des heutigen Savoy Baur en Ville errichtete, hielten ihn viele seiner Zeitgenossen für übergeschnappt. Bis in die 1830er-Jahre war am See vorn Sumpf, und da befanden sich die Wehranlagen der Stadt. Doch Baur, als 25-Jähriger aus Vorarlberg eingewandert, sollte bald zu jener jungen Unternehmergeneration gehören, die Zürich von einer Fluss- zu einer Seestadt umbauten. Statt Sumpf und Mücken sah Baur ein herrliches See- und Bergpanorama.

Das Hotel erbaute er im Stil eines italienischen Palazzo, für unglaublich viel Geld. Doch wie schon seine Investition am Paradeplatz, deren guter Ruf sich unter luxusliebenden Herrschaften in der ganzen Welt verbreitete, wurde auch das Baur au Lac bald zur empfohlenen Zürcher Adresse. Liszt und Wagner gingen hier ein und aus und gaben 1856 sogar gemeinsam den ersten Akt der «Walküre» zum Besten, als Vorpremiere quasi. Richard Wagner sang, Franz Liszt begleitete ihn am Flügel.

«Ein Glas guter Honig sollte uns so viel wert sein wie eine Flasche guter Wein.»Felix Schier, Imker des Baur au Lac

Johannes Baur war auch in technologischer Hinsicht Vorreiter: Seine Hotels hatten als erste ein Telegrammbüro, elektrisches Licht und hydraulische Aufzüge. Im Baur en Ville gar einen Speiseaufzug bis aufs Dach. Das Baur au Lac verfügt noch heute über eine integrierte Autowerkstatt und eine Tankstelle.

Und nun verfügt das Baur au Lac auch noch über ein exklusives Bienenhaus, in einer Karosseriewerkstatt geschweisst und mit Folie beklebt. Nach Anleitung von Felix Schier, Bio-Imker aus Nidwalden, der dazu auf die ­Originalpläne des Baur au Lac zurückgreifen konnte. Schier ist sogar auf das Hoteldach gestiegen, um die Farbe der Ziegel original auf dem Bienenhaus nachzuahmen. «Es ist das schönste Bienenhaus geworden, das ich kenne», sagt Schier. Was ihm besonders gefällt: Die Bienen fliegen dort in das Bienenhaus hinein, wo auch die Hotelgäste ihr Hotel betreten. Anstatt einer Tür ist dort einfach das Flugbrett. Dieses hat eine historische Vergangenheit: Bevor es zur Landefläche der Baur-au-Lac-Bienen wurde, diente es im Frauenkloster Stans als Kirchenbank.

Nektar und Pollen aus dem Botanischen Garten

Auf seiner Website ist Dr. Felix Schier im weissen Hemd und Jeans zu sehen, wie er nachdenklich in den Himmel schaut. Der ehemalige Kinderarzt ist ein Menschenfreund. Für seinen ­Honig hat er sich kugelrunde Gläser ausgedacht, damit man nicht in den Ecken des Glases zu grübeln braucht. Auch der Baur-au-Lac-Honig wird in einem ähnlichen, abgerundeten Glas verkauft. Der Preis ist mit 25 Franken für knapp 300 Gramm allerdings weniger kundenfreundlich.

Dafür bekommt man einen cremigen Honig, in dem die Labor-Analytiker 29 unterschiedliche Pollenarten gefunden haben: Vergissmeinnicht und Edelkastanie ist drin, Rosskastanie, Bärlauch, Falscher Jasmin, Perückenstrauch, Ahorn, Gleditsia und weitere Gewächse, die die Bienen – so vermutet Schier – in Ziergärten finden.

Drei Kilometer weit fliegen Honigbienen auf ihrem Sammelflug. Vom Baur au Lac aus decken sie damit ein Gebiet vom China-Garten über den Botanischen Garten, die ETH, den Hauptbahnhof, das Arboretum und das Rietberg-Museum bis zum Strandbad Mythenquai ab.

Auch wenn sich die sensorischen Qualitäten eines Honigs im Jahreslauf und von Jahr zu Jahr verändern: Imker Schier wünschte sich, dass der natürliche Brotaufstrich mit der gleichen kulturellen Aufmerksamkeit degustiert würde wie beispielsweise Wein. Dass man also vom «brombeerigen Abgang» auch am Zmorgentisch spricht. «Niemand würde einen Rotwein trinken, auf dessen Etikett steht: Enthält Rotweine aus Nicht-­EU-Ländern», sagt Schier. «Beim ­Honig aber ist das gang und gäbe. Ein Glas guter Honig sollte uns so viel wert sein wie eine Flasche guter Wein.»

Königliche Behandlung an Street Parade

Das Baur au Lac lässt sich bei der Behandlung der Königinnen im Bienenstock und ihren Völkern nicht lumpen. Vor der Street ­Parade oder dem Züri-Fäscht, die beide Lärm, Erschütterungen und Gerüche in der direkten Nachbarschaft des Bienenstocks produzierten, lässt Imker Schier die Bienen jedes Mal weg- und anschliessend wieder zurücktransportieren. «Es sind sensible Tiere der Stille, die sich untereinander mit winzig kleinen ­Erschütterungen und feinsten Gerüchen verständigen.»

Erstellt: 18.08.2019, 22:12 Uhr

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