Ein Rathaus voller Ungeheuer

Die Fassade des Parlamentsgebäudes an der Limmat ist gespickt mit schauerlichen Fratzen aus Stein. Ist das politisch gemeint?

Von weitem betrachtet, fällt die Fassade des Zürcher Rathauses nicht auf – aber der Teufel steckt im Detail. Bild: Urs Jaudas

Von weitem betrachtet, fällt die Fassade des Zürcher Rathauses nicht auf – aber der Teufel steckt im Detail. Bild: Urs Jaudas

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Stadtbild, Nr. 007 Es könnten Karikaturen sein, ist die erste Vermutung, Verhöhnung des Ratsbetriebs. 23 Grimassen zeigen sich unter den Fenstern im Erdgeschoss des Rathauses. Schreckliche Wesen! Wir nehmen allen Mut zusammen und halten das Ohr an die abscheulichen Mäuler. Und tatsächlich, mit etwas bösem Willen ist ein Grummeln zu vernehmen, das tönt wie Steuersenkung, Solidarität, Klimanotstand, Schuldenabbau, bezahlbare Wohnungen. Oder zeigen die Figuren vielleicht geschundene Häftlinge? Denn im Rathaus gab es früher Zellen auf dem Dachboden.

Eine der Fratzen an der Fassade. Bild: Urs Jaudas

Warum präsentiert sich der Sitz der Zürcher Demokratie mit solch wüsten Figuren? Wer soll abgeschreckt werden? Die Aristokratie? Der Kommunismus? Gewiss ist, dass der Souverän das Parlament meidet; die Zuschauertribüne ist meistens leer. Zwar laden die Präsidenten des Kantonsrats und des Gemeinderats jeweils zum Besuch der Sitzungen ein, aber das nützt wenig. Vielleicht sollte man den Fratzen ein Lächeln verpassen. Doch gäbe das Krach mit der Denkmalpflege, denn das Rathaus ist hochgradig geschützt.

Wer hat es entworfen? Semper? Gull? Haefeli/Moser/Steiger? Kreuzfalsch. Das Zürcher Rathaus wurde von 1694 bis 1698 erbaut – unter ständigen Planänderungen und Streitereien wegen Löhnen und Pfusch. Es gab keinen Architekten. Vielmehr bedienten sich der Stadtbaumeister und die Baukommission aus einem Architekturkatalog. Im Stil der italienischen Spätrenaissance mit barocken Dekorationen sollte das Haus die Grösse und Souveränität der Stadtrepublik Zürich demonstrieren.

23 Heldenfiguren über den Fenstern des Erdgeschosses mussten diesen Anspruch bezeugen. Darunter die Eidgenossen Tell und Winkelried oder die Bürgermeister Brun und Stüssi. Doch tummeln sich am Rathaus auch Gestalten, deren Bezug zur Limmat nicht spontan einleuchtet: Miltiades, Themistocles und Epaminondas – griechische Feldherren.

Dieser Herr mit dem aparten Schnurrbart ist der legendäre Herr Winkelried. Bild: Urs Jaudas

Die Römer sind ebenfalls vertreten, darunter Brutus. Der Cäsarenmörder wird am Zürcher Rathaus geehrt? Nein, nicht der Messerstecher Marcus Brutus, sondern Konsul Lucius Brutus. Und was haben nun die 23 Ungeheuer mit dieser Heldenparade zu tun? Es sind wohl Löwenköpfe, die Könige der Tiere, mindere Verwandte der beiden goldenen Löwen über dem Eingang, die das Zürcher Wappen halten.

Als ob diese Helden das Rathaus nicht genug stärken würden, kommen noch kraftstrotzende Inschriften hinzu. Allerdings versteht die kaum jemand, da sie lateinisch sind. Frei übersetzt zum Beispiel: «Nicht für mich, sondern fürs Vaterland.» – «Freiheit ist wichtiger als Blut.» – «Entweder Tod oder ein ehrenwertes Leben.»

Kindisch? Die Inschrift über dem Portal. Bild: Urs Jaudas

Als im Jahr 1703 der englische Schriftsteller Joseph Addison auf der Heimreise von Italien in Zürich weilte, inspizierte er das Rathaus gründlich, da er von seiner Pracht gehört hatte. Addisons Urteil: Es ist so schön wie die schönsten italienischen Rathäuser, aber die Inschriften seien kindisch. «Sie beweisen den zurückgebliebenen Geschmack der Schweizer.»

Erstellt: 13.11.2019, 16:34 Uhr

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