Ein recht netter Rechter

Roger Bartholdi ist ein moderater SVP-Kandidat. Was der umgängliche Bänkler bewirken will, ist unklar.

Der Stadtratskandidat (SVP) toleriert keine besetzten Häuser und erklärt beim Koch-Areal, was er dagegen tun will. Video: Lea Blum

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Wenn man Roger Bartholdi zuhört, wie er über sein Leben erzählt, seine Karriere in seiner Bank und die in seiner Partei, dann sieht man ihn bald ein Auto durch den dichten Nebel steuern. Die Nebelscheinwerfer leuchten ein paar Meter Asphalt vor seinem Wagen aus. Bartholdi weiss, die Strasse ist lang. Wohin sie führt, das weiss er nicht. Und schnell fahren kann er bei dieser Suppe natürlich auch nicht. Roger Bartholdi macht das nichts aus. Die Erfahrung zeigt: Er wird sein Ziel irgendwann erreichen. Und wenn nicht dieses, dann ein anderes. So war das noch immer.

Jetzt ist er die Nummer 5 des bürgerlichen Tickets für den Stadtrat. Immer der Hinterste, Letzte, Unterste in den Top-5-Auftritten. Und doch identifiziert sich kaum einer mehr mit dem überparteilichen Komitee als er. So billig diese weisse Top-5-Windjacke auch aussehen mag: Bartholdi trägt sie konsequent.

Seine Wahl ist wenig wahrscheinlich (daran hat wohl auch Claudia Nielsens Rückzug nichts geändert) – ganz unmöglich aber auch nicht. Was sicher ist: Es wird mit Bartholdi auch weitergehen, wenn er nicht gewählt wird. Er ist das, was man einen Parteisoldaten nennt, einer, der sich für seine SVP einsetzt, sich in ihren Dienst stellt. Das heisst nun eben: für den Stadtrat kandidieren.

Das Stramme geht nebenher

Es ist das erste Mal seit langem, dass die SVP Kandidaten aufstellt, die auch über die Parteigrenzen hinaus wählbar sind. Der «rechte Gewerkschafter», wie die NZZ ihn nennt, hat sogar eine Wahlempfehlung des Gewerkschaftsbundes erhalten. Wenn es ein SVPler in die Stadt­regierung schaffen könnte, dann einer wie Bartholdi. Anständig, freundlich, umgänglich, gschaffig und sogar ein bisschen sozial. Einer, der mit allen kann – und nebenher ziemlich stramm auf der Parteilinie politisiert. Derek Richter, für die SVP im Gemeinderat, sagt es so: «Bartholdi ist sicher kein Hardliner und kein Polteri, der gleich mit dem Zweihänder zur Sache geht.» Er sei in seinen Themen sattelfest und stringent. Zudem besitze er «etwas Staatsmännisches».

Sein Vorteil ist gleichzeitig sein grösster Nachteil. «Er ist mir im Parlament nie gross aufgefallen», sagt zum Beispiel der SP-Gemeinderat Pawel Silberring. «Er ist politisch nicht fassbar. Man weiss nicht, was er will, er hat keine Visionen.» Das ist die Sache mit dem Nebel. Bartholdi würde – natürlich – gerne die Stadtfinanzen wieder ins Lot bringen. Einige Fachstellen fusionieren. Mehr Wert auf den Umgang mit dem ­Personal legen. Er redet schnell und viel und bleibt dabei oft im Ungefähren. Und die Visionen? Sie fehlen. Er begründet seine Eignung stets in der Vergangenheit: Er könnte das Schul- und Sportdepartement übernehmen, weil er sportaffin sei und vor seiner Zeit im Gemeinderat jahrelang in der Schulpflege gewesen sei. Er wäre ein guter Finanzminister, «weil man das von einem erfahrenen Bänkler erwarten kann». Der Tiefbau wäre bei ihm in guten Händen, weil er seit je ein Verkehrspolitiker sei. Und über allem steht aus seiner Sicht: seine politische Erfahrung. Er sitzt schon seit 2002 im Gemeinderat, war lange in der GPK.

Am Anfang stand das Auto

Da merkt man: Roger Bartholdi hat nie eine Karriere angestrebt. Sie ist ihm passiert. Er hat nie ein Amt gesucht, das Amt hat ihn gefunden. Sah er eine Gelegenheit, packte er jeweils zu. Etwa die Sache mit dem Gemeinderatspräsidium, das er 2016/2017 innehatte. Als sich diese Möglichkeit auftat, trat er vom Doppelmandat als Kantonsrat zurück. Er wurde in nur einem Wahlgang und mit einem sehr guten Resultat – für einen SVPler sogar mit einem Glanzresultat – mit über 100 der 125 Stimmen zum höchsten Stadtzürcher gewählt. Dieses Amt habe ihm gezeigt, dass er ein Kandidat für die ganze Stadt sein könne, dass er repräsentative Aufgaben nicht nur übernehmen könne, sondern ihm diese auch Freude bereiteten. Dass plötzlich sein omnipräsenter schwarzer Nadelstreifenanzug zum Thema werden könnte? «Stört mich nicht.»


«Die SP ist im Stadtrat kaum selbstkritisch» Erklärt beim Koch-Areal, was er dagegen tun will: Roger Bartholdi im Interview.


Der heute 48-Jährige stieg Ende der 80er-Jahre in die Politik ein, als im Auto ein neuer Alleinschuldiger gefunden wurde. In der Schweiz war Waldsterben, und das führte in den Augen Bartholdis zu absurden Schikanen der Autofahrer. Er nennt dies den Zeitpunkt seiner Politisierung. Der Eintritt in die Autopartei blieb ihm zu Beginn verwehrt – er war noch nicht volljährig. Aus der Auto- wurde später die Freiheitspartei, und zusammen mit seinen Mitstreitern wechselte Bartholdi Ende der 90er zur SVP. Die Verkehrspolitik ist seither eines seiner Kernthemen. Er, der jeden Tag mit dem Velo durch die Stadt fährt, findet, in dieser Stadt würden vor allem die Autofahrer schikaniert. Folglich sind seine Hauptanliegen: kein Tempo 30 auf Hauptachsen, keine Mischzonen, Schluss mit Kap­haltestellen.

Auch politisch ein Ultraläufer

Aufgewachsen ist Roger Bartholdi in Albisrieden. Sein Vater hatte eine kleine Autolackiererei, daher der Bezug zum Auto. Auch der Sohn lernte Autolackierer, aber – wichtig – nicht beim Vater. Denn der bildete nur Sonderfälle als Lehrlinge aus, je länger der Strafregisterauszug, desto besser. Da waren solche aus dem offenen Strafvollzug, und Vater Bartholdi brachte sie alle durch die LAP. Bei ihm habe er gesehen, wie man als Einzelner soziale Verantwortung übernehme, sagt der Sohn. Er bildete sich immer fort, das begann schon während der Lehre. 1989 stieg er bei der SBG ein, heute ist er bei der UBS einer der obersten Personalvertreter.

Bartholdi ist nicht nur Triathlet, er ist auch Ultraläufer. Er rennt manchmal mehr als 120 Kilometer am Stück. «Ich renne lieber länger, dafür etwas gemütlicher», sagte er der NZZ. Da dürfe durchaus eine Parallele zum Politiker Bartholdi gezogen werden, findet Edi Guggenheim von der AL. Er sei ein nimmermüder Schaffer. Das Problem: «Ihm fehlen die Ecken, er ist das, was man wenig profiliert nennt.» So gut er ihn persönlich möge, als Stadtrat sei er nicht geeignet.

Wirklich? Bartholdi und seine Top 5 werfen dem Stadtrat vor, er verwalte bloss, statt zu gestalten. Wenn das so bleiben soll, ist Bartholdi auch aus Sicht der Bürgerlichen der perfekte Kandidat. Nett, anständig, gewissenhaft. Einfach ein bisschen mehr rechts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 10:13 Uhr

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