Ein Rennen sucht seinen Kurs

2019 soll die Formel E in Bern Station machen. 2020 könnte sie wieder nach Zürich zurückkehren – allerdings auf anderer Strecke. So will es der Stadtrat. Die Veranstalter sind zurückhaltend.

Boliden, die durch Zürich kurven: Der Spass für Autofreunde wird zumindest im kommenden Jahr ausfallen. Foto: Fabienne Andreoli

Boliden, die durch Zürich kurven: Der Spass für Autofreunde wird zumindest im kommenden Jahr ausfallen. Foto: Fabienne Andreoli

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Zwar steht im offiziellen Kalender der Formel E noch immer, dass am 9. Juni 2019 in Zürich ein Formel-E-Rennen ausgetragen wird. Doch seit gestern ist klar: Die Boliden werden 2019 nicht wieder durch Zürich fahren.

Nachdem die «Berner Zeitung» das Ansinnen publik gemacht hatte, das nächstjährige Schweizer Formel-E-Rennen nach Bern zu transferieren, reagierte der Zürcher Stadtrat umgehend mit einer Medienmitteilung: Nächstes Jahr wird es kein Zürcher Formel-E-Rennen geben – weil vom 5. bis 7. Juli 2019 das Züri-Fäscht durchgeführt wird. Zwei Grossanlässe innerhalb eines Monats wären eine Überforderung für alle Involvierten.

Stephan Oehen, Sprecher der Veranstalterin Swiss E-Prix Operations, bestätigt den Richtungsentscheid der Berner Stadtregierung. Man würde gemeinsam einen Prozess einleiten, um ein Formel-E-­Rennen in Bern zu ermöglichen. Konkret werde nun eine Strecke evaluiert. Die Planung steht in den Anfängen. Die Swiss E-Prix Operations, die eine Lizenz für neun Schweizer Formel-E-Rennen besitzt, will die Gespräche mit anderen Städten nicht abbrechen. «Mit Bern sind die Gespräche am weitesten gediehen. Wir sind zuversichtlich, dass wir zum Ziel kommen. Doch bis auf weiteres bleiben wir auch mit anderen Städten in Kontakt», sagt Oehen.

Vielseitiges Interesse

Nach dem E-Prix 2018 in Zürich hätten mehrere Städte ihr Interesse an einer Durchführung des Rennens deponiert, sagt Oehen. Dem Vernehmen nach handelt es sich um Genf und Lugano.

Ungewiss ist auch, ob und wie es nach 2019 in Zürich weiterginge. Der Stadtrat stellte für 2020 eine Bewilligung in Aussicht – allerdings nur auf einer neuen Rennstrecke.

«Die Stadtviertel am See­becken sind mit ihren kurzen Seitenstrassen zu eng, die Belastung für die Bevölkerung dort ist zu gross, besonders in Anbetracht der enormen Menge an Material, das zugeführt, aufgebaut und wieder weggeführt werden muss», schreibt der Stadtrat. Unter der Leitung des Sicherheitsdepartements würden nun Fachleute der Stadtverwaltung zusammen mit Vertretern des Veranstalters «mögliche Veranstaltungsorte prüfen und dann dem Stadtrat zum Entscheid unterbreiten».

Bildstrecke: Zürich im Motorsport-Fieber

Sprecher Oehen räumt ein, dass die Dimension des dies­jährigen Rennens alle Beteiligten überrascht habe. «Wir gingen ­ursprünglich von 20'000 bis 25'000 Zuschauern aus – und es kamen über 150'000. Das Zürcher Rennen war das bisher grösste Formel-E-Rennen der Geschichte.» Wie von der Stadt gewünscht, werde die Veranstalterin nun in einen Prozess mit den städtischen Behörden treten. «Wir wollen mit der Stadt zusammenarbeiten und eine Rennstrecke finden, die sportlich, für das Publikum und für die betroffene Bevölkerung optimal ist», sagt Stephan Oehen.

Ist die Seenähe der Strecke, die im vergangenen Juni viel zur Anziehungskraft des Rennens beigetragen hatte, keine Bedingung für die Austragung eines Zürcher E-Prix? «Wir können keine Bedingungen stellen», sagt Oehen. «Aber wir haben Präferenzen. Konkret finden wir: Der See und das Panorama sollten eine Rolle spielen.»

Ein Umzug an die Peripherie, etwa auf den Flugplatz Dübendorf, kommt also nicht infrage? «Die Formula E Operations, die uns die Lizenz für die Schweizer Rennen erteilte, verlangt ein City-Rennen. Und Dübendorf ist nicht City.»

«Der Rundkurs im Engequartier war höchst ungeeignet.»Markus Knauss, Gemeinderat der Grünen

Allerdings, ergänzt Oehen, seien solche Vorgaben nicht in Stein gemeisselt. «Es ist für die Formel E zentral, dass ein Rennen in der Schweiz stattfinden kann.» Daraus schliesst er, «dass die Formel E gesprächsbereit wäre, wenn wir einen sehr attraktiven Rennkurs ausserhalb der City vorschlagen würden».

Markus Knauss, grüner Gemeinderat und Co-Geschäftsführer des VCS, zeigt sich zufrieden mit dem Ansinnen des Stadtrats, eine neue Strecke zu suchen. «Der Rundkurs im Engequartier war höchst ungeeignet», sagt er. Zudem habe er das sogenannte E-Village im Arboretum als «extreme Provokation» empfunden: Dort hätten sich Autofirmen wie Porsche oder Mercedes mit enormer Werbewirkung inszenieren können.

Er sei nicht grundsätzlich gegen ein Formel-E-Rennen, aber vehement gegen ein Rennen auf der Strecke am See. Wenn man «einen gescheiten Rundkurs» finde, könne er mit dem Rennen leben. Allerdings zweifle er daran, dass sich ein solcher Kurs in der Stadt Zürich finden lasse. Am besten wäre aus Sicht von Knauss eine Strecke auf einem abgetrennten Areal aus­serhalb der Stadt. Anders als Stephan Oehen sympathisiert er mit dem Flugplatz Dübendorf – schliesslich werde auch in Berlin der stillgelegte Flugplatz Tempelhof als Rennstrecke genutzt. Dübendorfs Stadtschreiber betont auf Anfrage, eine allfällige E-Prix-Durchführung sei im politischen Rahmen noch nicht thematisiert worden.

FDP vermutet Vorwand

Dezidiert anders als Markus Knauss äussert sich FDP-Gemeinderat Urs Egger. Er ist enttäuscht vom Stadtrat. «Man wusste schon lange, dass im nächsten Sommer das Züri-Fäscht stattfindet.» Wenn der Stadtrat ernsthaft das Rennen hätte behalten wollen, hätte er längst nach Auswegen Ausschau gehalten, sagt Egger. «Bei mir erweckt das den Eindruck: Der Stadtrat ist froh, dass er das Züri-­Fäscht gefunden hat – als Vorwand, um rückwärts aus der Formel-E-Sache rausstolpern zu können. Man war im Stadtrat ja nie begeistert von diesem Rennen.» Der Stadtrat verpasse eine grosse Chance: «Das Rennen wurde weltweit übertragen. Das war beste Werbung für die Stadt. Indem der Stadtrat da nichts draus gemacht hat, hat er Zürich keinen Dienst erwiesen.»

Die Idee, ab 2020 auf anderer Strecke wieder Rennen in Zürich durchzuführen, beurteilt Egger skeptisch: «Es gibt nicht so viele Möglichkeiten in der Stadt Zürich für ein Formel-E-Rennen.» Die Strecke habe wesentlich dazu beigetragen, dass der Anlass zum Publikumserfolg geworden sei. «Wenn der Stadtrat diesen Standort 2020 nicht mehr bewilligen will, wird der Anlass seine Ausstrahlung verlieren. Auch dies ist ein Hinweis, dass die rot-grüne Regierung wenig von der Elektromobilität hält.»

Man traut der Sache nicht

Widerstand gegen die Formel E gab es insbesondere im Quartier. Die Gruppe «Formel E ade» überreichte der Stadträtin Karin Rykart Anfang Juli eine Petition mit rund 2500 Unterschriften.

Gestern zeigte sich eine Vertreterin der Gruppe vorsichtig. Man traue der Sache noch nicht richtig über den Weg. Klar sei nur, dass es 2019 in Zürich keinen E-Prix gebe. Auf die Frage, ob die Gruppe den Entscheid der Stadt als Sieg taxiere, sagt sie: «Es ist sicher nicht unser Sieg, wir waren höchstens ein kleines Teil im ganzen Puzzle», ausschlaggebend sei wohl die Belastung des Arboretums gewesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2018, 23:04 Uhr

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