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Ein Ronaldo befragt auch nicht das Publikum

Bastien Girod hat bessere Chancen, zweiter grüner Stadtrat zu werden als Karin Rykart. Gegen den smarten Nationalrat spricht sein Geschlecht – und seine «dämliche Umfrage».

Nationalrat Bastien Girod will in den Stadtrat. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)
Nationalrat Bastien Girod will in den Stadtrat. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Bastien Girods per Videobotschaft angestossene Umfrage bei seinen Sympathisanten und Facebook-Freunden war so spannend wie eine Umfrage, ob man in Zürich Velowege und Fussgängerstreifen abschaffen oder Atomkraftwerke bauen sollte. Die 70 Prozent Zustimmung – bei 841 Teilnehmenden – aus seiner Gefolgschaft waren ab­sehbar, die Umfrage war also ziemlich heuchlerisch. Ein SVP-Politiker mit Girods Ausgangslage und Talenten wäre breitbeinig hingestanden und hätte gesagt: «Jawohl, ich will unbedingt Stadtrat werden, das ist der geilste Job, den es in Zürich gibt!» Ein Ronaldo macht vor einem Freistoss auch keine Umfragen beim Publikum, wie und ob er schiessen soll.

Doch der bei den Grünen sozialisierte Girod brauchte Facebook und eine wissenschaftlich ausgewertete Umfrage als Mäntelchen, um seine Ambitionen zu kaschieren. Nun ist er sich dem Applaus seiner Fankurve gewiss und muss sich nicht bloss auf sein Ego abstützen. Nichts gegen das Ego von Politikern: Ohne ein gesundes Selbstbewusstsein und kräftige Ell­bogen kommt niemand in ein Spitzenamt. Doch bei den Grünen ist die Geschlechterfrage noch wichtiger als gesunder Ehrgeiz.

Killerfrage: Frau oder Macht?

Doch ausgerechnet den Zürcher Grünen fehlt eine ganze Generation an profilierten Frauen: Esther Guyer, Katharina Prelicz-Huber, Ruth Genner oder Gabi Petri sind alle deutlich über 50, waren schon mal im Stadtrat, haben es versucht oder wollen nicht. Bei den jungen Grünen sieht es mit Elena Marti und Anna Stünzi vielversprechend aus. In der mittleren Generation, die für ein Stadtratsamt infrage kommt, dominieren mit Bastien Girod und Balthasar Glättli die Männer. Der amtierende Stadtrat heisst Daniel Leupi (52), und in Winterthur wurde der Grüne Jürg Altwegg (47) in den Stadtrat gewählt.

Nun sieht sich exakt jene Partei, die sich mindestens so stark wie die SP Frauenförderung und Gleichberechtigung auf die Fahne schreibt, vor der Killerfrage: Frau oder Macht? Rykart oder Girod? Oder ganz konkret: das Risiko, mit Karin Rykart den angestrebten zweiten grünen Sitz zu verpassen, oder die Chance, mit Bastien Girod der CVP oder gar der FDP einen Sitz wegzuschnappen.

Warum ist die Gefahr einer grünen Wahlniederlage im Stadtrat so gross? Von den vier SP-Vertretern tritt keiner zurück, eine Abwahl von Raphael Golta, André Odermatt, Claudia Nielsen und erst recht von Stadtpräsidentin Corine Mauch mit ihrer breiten Wählerbasis ist sehr unwahrscheinlich. Auch Richard Wolff von der AL hat trotz bürgerlichem Trommelfeuer gute Chancen, es nochmals zu schaffen. Er ist nach Corine Mauch und Filippo Leutenegger der bekannteste Stadtrat, gilt als Unikum, als Nonkonformist – er ist in Zürich schlicht Kult.

Noch offen ist die Ausgangslage bei den Bürgerlichen: Filippo Leutenegger (FDP) ist gesetzt, vielleicht kandidiert er gar fürs Amts als Stadtpräsident. Für die Nachfolge von Andres Thürler stehen Nationalrätin Doris Fiala und Gemeinderat Michael Baumer bereit. Bei der CVP möchten Parteipräsidentin Nicole Barandun oder Gemeinderat Markus Hungerbühler den abtretenden Gerold Lauber beerben. Nur die SVP tut sich noch schwer, einen wählbaren Kandidaten zu finden.

Es lockt der CVP-Sitz

Für die Grünen heisst das: Wenn sie den zweiten Sitz zurückholen wollen, dann schaffen sie das am ehesten auf Kosten der CVP. Ganz einfach kann man sagen, dass Karin Rykart von der Bekanntheit her etwa in die gleiche zweite Kategorie gehört wie ein Markus Hungerbühler oder eine Nicole Barandun: Wahlchancen sehr ungewiss.

Bastien Girod dagegen darf sich auf eindrückliche Zahlen abstützen. Bei den Ständeratswahlen 2015 machte er in der Stadt Zürich im zweiten Wahlgang 41'000 Stimmen, während es der beliebteste Freisinnige, Ruedi Noser, nur auf 33'000 brachte, SVP-Kandidat Hans-Ueli Vogt gar nur auf 10'000. Bei den Nationalratswahlen machte Girod, allerdings mit Ständeratsbonus, genau doppelt so viele Stimmen wie Karin Rykart. Und diese hat seither als Fraktionspräsidentin nicht viel getan, um über den Gemeinderat hinaus bekannt zu werden.

Girod hat, seit er sich mit Stopp-Offroader-Klebern und seinem Waschbrettbauch auf einem Polizeiauto in die Medien brachte, seine wirklichen Qualitäten gezeigt. Er ist dank regel­mässiger Fernsehauftritte eine nationale Figur und ist als Energiefachmann gerade heute gefragt wie nie. Weshalb soll die Stadt Zürich, die sich mit 76 Prozent zur 2000-Watt Gesellschaft bekannt hat, eine Doris Fiala wählen, die zurzeit vehement gegen die Energiewende kämpft? Zudem ist Girod auch auf Social Media sehr präsent. Auch wenns nur eine «dämliche» Umfrage zur Frauenfrage bei den Grünen ist.

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