Ein Schatten liegt über dem Sunnige Hof

Entlassene Mitarbeiter, verängstigte Mitglieder: In ihrem Prestigeprojekt hat sich die Zürcher Genossenschaft verrechnet.

Ob das Projekt «DasHaus» der Genossenschaft Sunnige Hof auch hier in Mönchaltorf umgesetzt wird, ist unklar. Foto: Urs Jaudas

Ob das Projekt «DasHaus» der Genossenschaft Sunnige Hof auch hier in Mönchaltorf umgesetzt wird, ist unklar. Foto: Urs Jaudas

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Die Zürcher Genossenschaft Sunnige Hof hat vergangene Woche den Start des «zukunftsweisenden Projekts ‹Das Haus›» angekündigt. Bereits 2015 hat die Genossenschaft für dieses Konzept einen Award gewonnen. Doch wer genau hinsieht, trifft auf elf entlassene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, verärgerte Genossenschafter und ein Konzept, das heute nicht mehr ist, was es einmal war.

Mit dem Konzept «Das Haus» will der Sunnige Hof in Kombination mit Alterswohnungen möglichst viele Dienstleistungen – wie eine Wäscherei, einen Fitnessraum, ein Restaurant, einen Coiffeur oder einen Concierge – miteinander vereinen. So will die Genossenschaft ihre Bewohner rundum betreuen. Die Dienstleistungen sollten auf möglichst viele der insgesamt 15 Siedlungen verteilt werden, um Synergien zu nutzen.

Das Projekt wurde in den vergangenen Jahren mit grosser Vehemenz vorangetrieben, ohne dass die Genossenschafter je grundsätzlich darüber abgestimmt hätten. Im Zuge dieser Entwicklung entstand auch die Idee, in Davos und an der Mittelmeerküste in Italien Ferienwohnungen zu errichten. Entgegen dem Willen der Genossenschafter. Sie verhinderten die Ferienprojekte an der Generalversammlung 2016.

Mitarbeiter entlassen

Und nun ist plötzlich auch das Projekt «Das Haus» infrage gestellt. Im vergangenen April entliess die Genossenschaft einen Gastrospezialisten, der neun Monate davor angestellt worden war, um ein Gesamtkonzept für «Das Haus» in mehreren Siedlungen zu entwickeln. Mit ihm entliess die Genossenschaft zehn weitere Angestellte der Serviceabteilung. Mehrere von ihnen sagen dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet übereinstimmend, man habe ihnen gesagt, man könne sie nicht mehr finanzieren.

Ganz aufgeben wollten die Verantwortlichen ihr Prestigeprojekt wohl nicht. So schlugen sie den Entlassenen vor, sich selbstständig zu machen und die Dienstleistungen auf eigene Rechnung anzubieten. Doch dies dürfte in den wenigsten Fällen rentieren, heisst es unter Genossenschaftern. So nahm auch kaum einer der Entlassenen diese Möglichkeit wahr.

Die Dienstleistungen an Externe zu vergeben, ist ein grundsätzlicher Strategiewechsel. Das hat auch die Age-Stiftung registriert. Die Stiftung für Wohnen und Älterwerden unterstützt jedes Jahr innovative Projekte mit Fördergeldern. 2016 sagte sie dem Sunnige Hof 150'000 Franken zu für eine Begleitstudie zu «Das Haus». Antonia Jann, Geschäftsführerin der Age-Stiftung, sagt auf Anfrage, man wolle abwarten, wie der Sunnige Hof das Projekt nun weiter umsetzen möchte, bevor man über die weitere Unterstützung entscheidet.

Intransparenter Verwaltungsrat

Klarheit herrscht keine. Der Sunnige Hof zeichnet sich nicht durch Transparenz aus. Diverse Informationen wie Protokolle von Generalversammlungen, wie sie andere Genossenschaften auf ihrer Website publizieren, sucht man beim Sunnige Hof vergebens. Auch Mitglieder und Angestellte klagen, ihnen seien nie detaillierte Zahlen vorgelegt worden.

Überhaupt hat sich die Genossenschaftsführung in den vergangenen Jahren von ihrer Basis immer weiter entfernt. Exemplarisch festmachen lässt sich das an der Umbenennung des Vorstandes in Verwaltungsrat 2015 – eine äusserst unübliche Bezeichnung, die eher an profitorientierte Firmen erinnert als an Genossenschaften, die Wohnungen zur Kostenmiete vergeben. Zum Bild der Genossenschaft als profitorientierte Firma passt auch, dass 2016 alle rund 60 Mitarbeitenden des Sunnige Hof auf eine Geschäftsreise nach Riga eingeladen wurden – finanziert mit Geldern der Genossenschafter.

Die Angestellten haben an einer ausserordentlichen Generalversammlung 2017 massgeblich dazu beigetragen, dass das Konzept «Das Haus» auch in Albisrieden bei der Else-Züblin-Strasse angenommen worden ist. Zusammen mit ihren Partnern wurden sie in die Genossenschaft aufgenommen, und sie stimmten im Sinne des Verwaltungsrats für das Projekt in Albisrieden, das mit rund 350 zu 320 Stimmen knapp angenommen wurde.

Nun steht beim Sunnige Hof heute Abend wieder eine Generalversammlung an. Und wieder werden emotionale Diskussionen erwartet. Die Genossenschafter sollen unter anderem über die Umsetzung von «Das Haus» in Mönchaltorf entscheiden. In der sogenannten Siedlung Silbergrueb will die Genossenschaft wie in Albisrieden 18 Pflegezimmer für betagte Bewohner einrichten.

Genossenschafter berichten von einem «Klima der Angst».

Einzelne Genossenschafter kritisieren vor allem, der Sunnige Hof würde mit solchen Prestigeprojekten seinen eigentlichen Auftrag aus den Augen verlieren. «Der Verwaltungsrat soll sich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren und für kostengünstige Wohnungen sorgen», sagt ein kritischer Genossenschafter. Wie viele von ihnen sich getrauen, an der Generalversammlung etwas zu sagen, ist unklar. Viele fürchten, sie könnten längerfristig ihre Wohnungen verlieren, wenn sie sich offen gegen den Verwaltungsrat stellen. Ein halbes Dutzend Genossenschafter, mit denen der «Tages-Anzeiger» gesprochen hat, berichtet von einem «Klima der Angst». Sie wollen deshalb auch nicht mit Namen in der Berichterstattung erscheinen. Ihre Befürchtungen sehen sie darin bestätigt, dass die Stimmen an der heutigen Generalversammlung elektronisch erfasst werden sollen. «Der Verwaltungsrat will wohl sehen, wie wir abstimmen», vermutet einer.

Zur elektronischen Abstimmung wie auch zu allen anderen kritischen Punkten sagte der Verwaltungsrat nichts. Der «Tages-Anzeiger» schickte ihm bereits am Mittwochmittag 16 Fragen. Sie blieben bis gestern alle unbeantwortet. Man habe dafür so kurz vor der GV keine Zeit, richtete die Leiterin der Kommunikationsabteilung, die insgesamt fünf Angestellte umfasst, aus. Später schrieb sie: «Sie verstehen sicherlich, dass wir an unserer GV mit den Genossenschaftern über das Thema Dienstleistung diskutieren möchten. Und erst danach extern Stellung beziehen.» Die Generalversammlung sei im Übrigen nicht öffentlich, schreibt die Kommunikationsverantwortliche auf die Bitte von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, an der Generalversammlung teilzunehmen.

Besserung in Sicht

Der Verwaltungsrat weiss wohl um die Brisanz des Themas. Die emotionalen Diskussionen an der GV 2017 waren dafür Zeichen genug. Deshalb versucht der Verwaltungsrat seither, mit einem Mitwirkungsprozess die Wogen etwas zu glätten. Es wurden mehrere Arbeitsgruppen eingesetzt, welche die Genossenschafter mehr einbinden sollen. Beruhigt haben diese Massnahmen noch nicht alle.

Es gibt aber immerhin Indizien dafür, dass sich die Wolken über dem Sunnige Hof etwas lichten könnten. Dies beobachtet zumindest Peter Schmid. Der langjährige Präsident des Verbandes der Zürcher Wohnbaugenossenschaften ist noch immer bestens vernetzt in der Szene. «Der Verwaltungsrat hat wohl eingesehen, dass er mit einigen Plänen etwas über das Ziel hinausgeschossen hat. Nun nähert er sich der Basis wieder an», sagt Schmid. So könnten die «Das Haus»-Projekte tatsächlich noch zu wegweisenden Projekten werden – auch wenn in eine etwas andere Richtung, als das der Verwaltungsrat geplant hat.

Erstellt: 15.06.2018, 08:16 Uhr

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