Ein Schatz aus Madagaskar für Zürich

In der Stadtgärtnerei sind neuerdings Pflanzen zu bewundern, die einzigartig sind auf der Welt. Einige müssen aus Sicherheitsgründen sogar hinter Gitter.

Seit dem 6. Januar 2020 offen: Das neue Subtropenhaus in der Stadtgärtnerei Zürich.

Seit dem 6. Januar 2020 offen: Das neue Subtropenhaus in der Stadtgärtnerei Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Das neue Subtropenhaus der Stadtgärtnerei Zürich liegt etwas abseits der anderen Gewächshäuser. Auch sonst hebt es sich von den Schauhäusern ab, in denen die Pflanzen grün und üppig wachsen. Im Subtropenhaus sind sie knorrig, stachlig und krumm – und sie stecken gerade mitten im Winterschlaf.

Mit viel Liebe und Know-how am Werk: Reviergärtner Tobias Takke pflegt die Pflanzen im neuen Subtropenhaus. Fotos: Dominique Meienberg

Die meisten Pflanzen haben ihre Blätter abgeworfen, um sich vor dem Austrocknen zu schützen. «Im März beginnt es hier aber wieder zu spriessen. Dann ist die Ruhezeit vorbei», sagt Gabriela Wyss, Leiterin der Zürcher Sukkulenten-Sammlung.

Pflanzenschatz hinter Gittern

Ihrem Team ist es zu verdanken, dass die Besucherinnen und Besucher seit dem 6. Januar in der Stadtgärtnerei im Zürcher Kreis 9 auch die aussergewöhnliche Flora Madagaskars bestaunen können. «Heute wäre es gar nicht mehr möglich, diese Pflanzen auszuführen. Deshalb ist diese Sammlung unersetzlich. Wir bemühen uns, sie zu erhalten», sagt Wyss.

Wie wertvoll alles ist, zeigt sich auch daran, dass einige kleinere Exemplare hinter Gittern stehen. «Wir hatten die Sammlung bei der Wiedereröffnung der Schauhäuser kurze Zeit für die Besucher geöffnet. Damals verschwanden einige Pflanzen in kleinen Töpfen. Deshalb sind sie nun gesichert», erklärt Wyss.

Seit Mitte 2017 haben geschulte Gärtner die Gewächse geteilt, verkleinert, verjüngt und umgetopft, damit sie fürs Publikum optimal in Szene gesetzt werden konnten. Es sind hauptsächlich Exemplare aus der privaten Sammlung von Walter Röösli und Ralph Hoffmann ausgestellt sowie des Botanikers Werner Rauh und des ehemaligen Leiters der Sukkulenten-Sammlung Zürich, Dieter Supthut.

GPS-Standort für jede Pflanze

Der in Höngg lebende Röösli hat seine Sammlung im September 2010 der Stadt verkauft. 22-mal hat er die «rote Insel» seit den 80er-Jahren bereist. Einige Tausend rare und kostbare Fundstücke hat er dabei nach Zürich gebracht und hier gezüchtet.

Um sie für wissenschaftliche Zwecke nutzen zu können, musste Röösli jedes Exemplar einem Pflanzentyp zuordnen und die Fundorte mit GPS-Daten festhalten. Auch der Zeitpunkt des Fundes und der PH-Wert des Bodens galt es zu erfassen.

Angeordnet nach Klimazonen: Die Pflanzensammlung aus Madagaskar. Foto: Dominique Meienberg

Ungefähr 250 Pflanzen sind nun in der Stadtgärtnerei ausgestellt – ein Bruchteil dessen, was auf Madagaskar wächst. Schätzungen zufolge sind etwa 12’000 Pflanzenarten auf der Insel im Indischen Ozean heimisch. Rund 80 Prozent davon gibt es nur dort.

Sukkulenten-Filiale im Kreis 9

Das Subtropenhaus ist eine Filiale der Sukkulenten-Sammlung am Mythenquai. Anders als das Palmenhaus und das Tropenhaus ist es kein Schauhaus, sondern ein Betriebsgebäude mit einem Publikums- und einem Arbeitsbereich. Der wissenschaftliche Ansatz steht hier im Vordergrund.

«Thematisch gehören diese Gewächse zu uns in die Sukkulenten-Sammlung.»Gabriela Wyss,
Leiterin Sukkulenten-Sammlung Zürich

Das zeigt sich daran, dass die Pflanzen exakt gekennzeichnet und in Töpfen ausgestellt sind. «Sie würden rasch in die Höhe und Breite wachsen, wenn wir sie einpflanzen würden. Dazu hat es hier zu wenig Platz», erklärt Wyss. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb sie nicht im Erdreich stecken: «Thematisch gehören diese Gewächse zu uns in die Sukkulenten-Sammlung. Wir hoffen, dass wir sie irgendwann bei uns unterbringen können.»

Verwinkelt, verkeilt, verknotet

Bis auf weiteres bleiben sie aber in der Stadtgärtnerei. Angeordnet nach den verschiedenen Klimazonen der Insel, stehen sie hinter kleinen Sandsteinmauern. Darunter ein paar «Teenager»-Baobab – die wohl markanteste Baumgattung Madagaskars kann bis zu 35 Meter hoch wachsen – unzählige Aloearten, Palmen, Kletterpflanzen, Kürbisgewächse und eine Vielzahl dornenbewehrter Gattungen.

«Wir bemühen uns, die Sammlung zu vermehren»: Gabriela Wyss, Leiterin der Sukkulenten-Sammlung Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Kakteen sind es trotzdem keine. Auf Madagaskar gibt es nur eine Kakteenart – und diese hat keine Dornen. «Dornen sind umgewandelte Blätter», erklärt Wyss. «Sie schützen die Pflanzen nicht nur vor Fressfeinden, sondern dank ihrer reflektierenden Wirkung auch vor zu starker Sonneneinstrahlung. Zudem sammelt sich das Kondenswasser besser an Dornen.»

Gerade jetzt, wenn die Gewächse keine Blätter tragen, präsentiert sich den Betrachtern ihre faszinierende Wuchsform, mit der sie sich den klimatischen Verhältnissen optimal angepasst haben. Wie sie sich verwinkeln, verkeilen, verknoten, um Wasser zu speichern, oder wie sie sich an kahlen Stellen festkrallen, um emporzuranken.

Wer den Schatz aus Madagaskar besuchen will, kann dies zu den Öffnungszeiten der Stadtgärtnerei tun. Vorerst stehen noch keine Führungen an. Die erste findet gemäss Wyss am 5. Juni über Mittag statt, «dann unter dem grünen Baldachin der Pflanzen».

Erstellt: 07.01.2020, 19:50 Uhr

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