Ein Sonderfall in der Unileitung

Beatrice Beck Schimmer ist die erste Direktorin der Universitären Medizin Zürich. Dass eine Frau diesen Job bekommen hat, grenzt an ein Wunder.

Das Schlüsselwort für die Zukunft heisst «Präzisionsmedizin»: Beatrice Beck Schimmer. Foto: Fabienne Andreoli

Das Schlüsselwort für die Zukunft heisst «Präzisionsmedizin»: Beatrice Beck Schimmer. Foto: Fabienne Andreoli

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Beatrice Beck Schimmer war fast ihre ganze Karriere lang zweispurig unterwegs. Als Professorin für Anästhesiologie hat sie am Unispital Zürich einerseits Patientinnen und Patienten behandelt und andererseits wissenschaftlich gearbeitet. Zurzeit forscht sie gerade mit einem ETH-Professor, dem Chemiker Wendelin Stark, an einem Verfahren, das unerwünschte Bestandteile aus dem Blut filtert. Es ist eine Art Dialyse. Die Vision: Während der Patient operiert wird, fliesst sein Blut durch eine Maschine und wird mithilfe der Nanotechnologie gereinigt. In ersten Experimenten hat die Methode funktioniert. Das Forschungsteam hofft, dass sie dereinst auch bei Tumorpatienten hilft, gefährliche Zellen aus dem Blut zu entfernen.

Das Projekt ist exemplarisch dafür, wie sich die Hochschulmedizin Zürich nach Ansicht ihrer führenden Exponenten entwickeln soll. Das Schlüsselwort heisst Translation. Es bedeutet, dass Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen eng mit den Ärztinnen und Ärzten zusammenarbeiten und ihre Erkenntnisse für die Patienten nutzbar machen. Indem Forscher und Kliniker ihre unterschiedlichen Sichtweisen diskutieren, entstehen neue Ideen. Das fördert medizinische Innovation.

Theorie und Praxis

Die 55-jährige Beck Schimmer ist die Person, welche diesen Prozess beschleunigen soll. Dass es funktioniert, weiss sie aus eigener Erfahrung. Seit dem 1. August ist sie Direktorin der Universitären Medizin Zürich und Mitglied der Universitätsleitung, welche reorganisiert wurde. Beck Schimmer hat darin eine spezielle Position. «Sie nennen mich Sonderfall», sagt die 55-Jährige halb belustigt, halb im Ernst. Die Medizin ist die einzige Fakultät, die mit ihr eine direkte Vertretung in der Unileitung hat. Das Führungsgremium besteht ansonsten aus dem Rektor Michael Hengartner sowie Bereichsverantwortlichen für Lehre, Forschung, Professuren, Finanzen und Immobilien.

«Anders als bei unseren anderen Fächern kann die Universität die medizinische Lehre und Forschung nicht allein betreiben, da wir keine eigenen Spitäler und Kliniken haben», erklärt Michael Hengartner die Sonderstellung der Medizin. Es brauche eine Zusammenarbeit mit den Gesundheitsinstitutionen und auch mit anderen Hochschulen, die sich an der Medizinausbildung beteiligten. Um diesen Institutionen auf Augenhöhe begegnen zu können, sei es sinnvoll, dass die Direktorin der Universitären Medizin Mitglied der Unileitung sei.

Angriff der «Weltwoche»

Beck Schimmer fühlt sich als Sonderfall sichtlich wohl. Sie ist eine selbstbewusste Frau. Beim Interview in ihrem Büro, in dem altehrwürdigen Herrschaftshaus gleich unterhalb des Unihauptgebäudes, antwortet sie unbeschwert, aber konzentriert auf die Fragen. Sie ist voller Tatendrang und zuversichtlich, dass sie etwas bewegen kann. Obwohl sie weiss, dass sie in ihrer neuen Position auch mit Argwohn rechnen muss. Das zeigte sich bereits im Auswahlverfahren, bei dem es ein Störmanöver gab.

Die Stelle war ausgeschrieben worden, und die Findungskommission hatte schliesslich zwei Personen vorgeschlagen: Beck Schimmer sowie Johann Steurer, den Leiter des Horten-Zentrums und einen bestens vernetzten Professor der Inneren Medizin. Da stellte ein «Weltwoche»-Artikel Beck Schimmer in ein schiefes Licht. Die Zeitschrift kolportierte Gerüchte über eine angeblich problematische Verwendung von Forschungsergebnissen und unterstellte eine Bevorteilung von Beck Schimmer, weil sie die Cousine von Silvia Steiner ist, der Zürcher Bildungsdirektorin und Präsidentin des Universitätsrates. Einige Kantonsräte nahmen den Ball auf und reichten eine dringliche Anfrage dazu ein. In seiner Antwort stellte der Regierungsrat darauf klar, das Verfahren sei korrekt abgelaufen und das wissenschaftliche Verhalten der Kandidatin «zu jeder Zeit korrekt» gewesen.

«Es gibt Phasen, in denen eine Frau Vollgas geben sollte.»

Der Senat, die Versammlung aller Mitglieder der Medizinischen Fakultät, wählte Beck Schimmer denn auch mit über 80 Prozent aller Stimmen. Steurer hatte sich inzwischen selber aus dem Rennen genommen.

Beck Schimmer will sich zu dem Thema nicht äussern. Sie schaut lieber vorwärts. Sie hat sich viel vorgenommen, möchte eine Vision umsetzen: «Einen Kulturwandel in der Medizin bewirken.» Sie nennt drei Ansatzpunkte. Erstens will sie die Diversität in der Medizin erhöhen. «In vielen Gremien haben wir ausschliesslich arrivierte Leute, da sollten wir mehr Junge und auch mehr Frauen reinbringen.»

Zweitens will sie alte Strukturen aufbrechen. «Wir sollten mehr Cluster bilden, die Grundlagenforscher müssen mehr mit den Kliniken zusammenarbeiten.» Drittens ist es ihr ein Anliegen, dass die Gesellschaft profitiert «von dem, was wir machen». Und da fällt wieder das Schlüsselwort: Translation.

Endlich eine Frau

Die wichtigste Aufgabe von Beck Schimmer ist nun, ein Gremium zu etablieren, das alle wichtigen Akteure zusammenbringt und einbindet: die Universität, die ETH und alle universitären Spitäler vom Unispital über die Psychiatrische Uniklinik und das Kinderspital bis zum Balgrist. «Wir wollen Schnittmengen zwischen den verschiedenen Institutionen finden und Synergien schaffen. Nur so können wir an der Weltspitze mithalten.»

Als Beispiele zukunftsträchtiger Bereiche nennt Beck Schimmer die Krebsforschung sowie die Präzisionsmedizin. Letztere ist besser bekannt unter dem Namen personalisierte Medizin, doch Beck Schimmer gefällt der Begriff in diesem Zusammenhang nicht. Denn: «Medizin ist eigentlich immer personalisiert – oder müsste es sein. Präzisionsmedizin drückt besser aus, dass es um Behandlungen geht, die unter anderem dank Genanalysen auf die einzelnen Patienten zugeschnitten werden können.»

Dass jetzt eine Frau an der Spitze der Universitären Medizin von Zürich steht, grenzt an ein Wunder. Denn auf den oberen Hierarchiestufen sind Frauen in der Medizin sonst kaum anzutreffen. Von über 40 Kliniken und Instituten im Unispital werden nur gerade zwei von Frauen geleitet. Wie hat Beck Schimmer das gegen die Männer-Seilschaften geschafft? Sie habe ihre Karriere nicht geplant, sondern sich einfach immer wieder mit Begeisterung neuen Herausforderungen gestellt, erklärt sie ihren Erfolg. «Ich fiel in den Gremien auf und wurde für Positionen angefragt.»

Erfolgreich unter Männern

Als junge Frau ging sie, nachdem sie den Facharzttitel gemacht hatte, in die USA und arbeitete in Michigan in einem Grundlagenlabor. Zurück in Zürich, baute sie im Irchel und im Unispital je eine Forschungsgruppe auf. Weil sie erfolgreich war, wurde sie Forschungsrätin beim Schweizerischen Nationalfonds und präsidierte dort den Fachausschuss Karriere. Parallel dazu wurde sie an der Uni Zürich Prodekanin für Nachwuchsförderung und Chancengleichheit.

Sie habe Durchhaltevermögen und sei fokussiert, sagt Beck Schimmer über ihre Stärken. «Ich tanze nicht auf vielen Hochzeiten, Qualität ist mir wichtiger als Quantität.»

Abgesehen von einer kurzen Phase, als ihre zwei Kinder zur Welt kamen, hat Beck Schimmer immer voll im Beruf gearbeitet. Das sei möglich gewesen, weil ihr Partner sie unterstützte und weil sie bereit war, die Kinder fremdbetreuen zu lassen. «Frauen sollten sich die Frage stellen, wann die beste Zeit ist, um reduziert zu arbeiten», rät die erfolgreiche Medizinerin. «Es gibt Phasen, in denen eine Frau Vollgas geben sollte. Zum Beispiel wenn sie eine Assistenzprofessur hat und sich dabei auf einen Karriereschritt vorbereitet.»

In ihrer neuen Position fühlt sie sich nicht anders als vorher. «Ich hatte immer fast nur Männer um mich herum.» Es gehe nicht darum, sich durchzusetzen, sagt sie. «Ich möchte die Leute zum Mitmachen motivieren. Und transparent sein.»

Weiterhin auch Forscherin

Der Start ist gelungen. Wichtige Exponenten, mit denen Beck Schimmer zu tun hat, äussern sich positiv über die Medizin-Direktorin. Unispitaldirektor Gregor Zünd ist überzeugt, «dass wir gemeinsam die Weiterentwicklung der spezialisierten und hochspezialisierten Medizin vorantreiben können». Und Erich Seifritz, Direktor an der Psychiatrischen Uniklinik, nennt Beck Schimmer eine «begeisterte, der Sache verpflichtete und menschlich integre Kollegin» mit besten Voraussetzungen für ihr neues Amt: «Als Wissenschafterin und klinisch tätige Ärztin kennt sie die komplexen vielschichtigen Aufgaben in der akademischen Medizin.»

Auch wenn sie nun ganz oben sitzt, will Beck Schimmer den Kontakt zur Basis behalten. Zu 20 Prozent wird sie weiterhin als Forscherin arbeiten, das hat sie sich ausbedungen. Das Projekt mit der Nanotechnologie für die Blutreinigung ist zu spannend, um es aufzugeben.

Erstellt: 18.09.2018, 22:01 Uhr

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